
Ableger bilden: Schritt-für-Schritt Anleitung für Imker
Ableger bilden ist die einfachste Methode zur Völkervermehrung und beugt gleichzeitig der Schwarmstimmung vor. Hier lernst du alle Methoden – Brutableger, Flugling und Kunstschwarm – mit Schritt-für-Schritt-Anleitung.
Ableger bilden gehört zu den wichtigsten Fähigkeiten in der Imkerei. Du vermehrst deine Völker, gewinnst Kontrolle über die Schwarmstimmung und kannst neue Königinnen einführen – alles mit einer einzigen Maßnahme. In diesem Artikel zeige ich dir alle gängigen Methoden, wann der richtige Zeitpunkt ist und worauf du bei der Nachsorge achten musst.
Was ist ein Ableger?
Ein Ableger – in der Fachsprache auch Nucleus oder kurz "Nuc" genannt – ist ein kleines Bienenvolk, das du aus einem bestehenden, starken Volk entnimmst. Du nimmst dazu Bienen, Brut und idealerweise eine Königin oder Weiselzellen mit und setzt sie in eine eigene Beute. Das Muttervolk bleibt bestehen und füllt seine Lücken rasch wieder auf.
Ableger bilden erfüllt gleich mehrere Zwecke:
- Völkervermehrung: Dein Bienenbestand wächst ohne Kosten für zugekaufte Schwärme
- Schwarmvorbeugung: Ein starkes Volk, dem du Bienen und Brut nimmst, verliert seinen Drang zum Schwärmen
- Königinnenzucht: Ableger sind ideale Pflegevölker für neue Königinnen
- Reserve: Mit einem Reservevolk kannst du verwaiste oder geschwächte Völker retten
Der richtige Zeitpunkt: Wann Ableger bilden?
Den richtigen Zeitpunkt zu finden ist entscheidend. Ableger bilden macht Sinn, wenn:
- Das Muttervolk stark genug ist – mindestens 8 bis 10 besetzte Wabengassen
- Ausreichend Drohnen fliegen – wichtig für die Königinbegattung (ab Mai)
- Die Nachttemperaturen stabil über 10 Grad liegen
- Das Volk Schwarmstimmung zeigt (Weiselzellen als Warnsignal)
Der optimale Zeitraum ist Ende April bis Mitte Juni. Ableger, die bis Ende Juli gebildet werden, können noch erfolgreich überwintern – aber je später, desto weniger Zeit hat die neue Königin, eine starke Wintertraube aufzubauen.
Zu früh ist gefährlich: Zu kalte Nächte gefährden die Brut im kleinen Ableger, der noch keine große Bienenmasse zum Heizen hat.
Ausrüstung für den Ableger
Bevor du loslegst, solltest du folgendes bereithalten:
| Ausrüstung | Zweck |
|---|---|
| Ablegerbeute oder Zarge | Neues Zuhause für den Ableger |
| Rähmchen mit Mittelwand | Platz zum Ausbauen |
| Futterzarge / Futtertasche | Erste Fütterung |
| Zuckerwasser (1:1) | Aufbauhilfe in den ersten Wochen |
| Absperrgitter | Falls Königin vorhanden |
| Schließgitter oder Fluglochschieber | Transport absichern |
| Smoker und Schutzanzug | Grundausstattung |
| Königinnenkäfig | Für das Zusetzen einer Fremdkönigin |
Methode 1: Brutableger
Der Brutableger ist die häufigste und einfachste Methode. Du nimmst Waben mit verdeckelter und offener Brut aus dem Muttervolk und hängst sie mit anhaftenden Bienen in einen neuen Kasten.
Schritt für Schritt
Schritt 1: Waben auswählen Entnimm dem Muttervolk 2 bis 3 Waben mit gemischter Brut (verdeckelt und offen). Achte darauf, dass die Königin nicht auf diesen Waben sitzt. Überprüfe jede Wabe sorgfältig, bevor du sie entnimmst.
Schritt 2: Bienen mitnehmen Schüttle oder kehre noch 1 bis 2 weitere Waben mit Bienen dazu ab – du brauchst genug Pflegebienen, um die Brut zu wärmen und zu versorgen. Flugbienen kehren zum Muttervolk zurück, also nimm ruhig etwas mehr mit.
Schritt 3: Weiselzellen prüfen Sind Weiselzellen auf den entnommenen Waben? Dann hast du Glück – der Ableger kann sich selbst eine Königin heranziehen. Lass eine gut aussehende Zelle stehen, entferne die restlichen, damit sich die Jungköniginnen nicht bekämpfen.
Alternativ: Setze dem frisch gebildeten Ableger eine begattete Königin im Käfig zu.
Schritt 4: Standort wählen Stelle den Ableger mindestens 3 km vom Muttervolk entfernt auf – sonst kehren die Flugbienen zurück und der Ableger bleibt zu schwach. Im eigenen Garten geht das nur, wenn du den Ableger vorher 2–3 Tage im kühlen, dunklen Keller stehen lässt (sog. "Dunkelstellen" oder "Kellerhaft"). Die Bienen vergessen dabei ihre alte Flugorientierung und fliegen sich am neuen Standort neu ein. Hinweis: "Einengen" ist ein anderer Fachbegriff und meint das Verkleinern des Brutraums mit einem Schied.
Schritt 5: Füttern Gib dem Ableger sofort Zuckerwasser (1:1) oder Futterteig. Er hat keine Vorräte und muss die Waben ausbauen.

Methode 2: Flugling
Der Flugling ist eine besondere Form des Ablegers. Er besteht ausschließlich aus Flugbienen – also den erfahrenen Sammlerinnen – die zum alten Standort zurückkehren. Das Prinzip: Du versetzt das Muttervolk (mit Königin) an einen neuen Platz, und die zurückkehrenden Flugbienen finden am alten Standort eine vorbereitete Beute vor.
Flugling vs. Fegling: Beim Flugling verbleiben die Flugbienen am alten Standort (sie "fliegen" zurück). Beim Fegling verbleibt das Volk mit Königin und Brut am alten Standort und erhält zusätzlich alle Flugbienen – der weggestellte Teil (ohne Königin) "fehlt" die Flugbienen. Beide Methoden nutzen den Orientierungssinn der Flugbienen, aber die Aufteilung ist umgekehrt.
Vorgehen beim Flugling
- Stelle am alten Standort des Muttervolkes eine Beute mit 1–2 verdeckelten Brutwaben und Mittelwänden auf – dazu eine Futtertasche oder Futterzarge
- Versetze das Muttervolk mitsamt Königin an einen neuen Standort (mindestens 2 m entfernt, besser weiter)
- Die zurückkehrenden Flugbienen finden am alten Platz die vorbereitete Beute und sammeln sich dort
- Setze dem Flugling eine begattete Königin im Käfig zu (er ist weisellos!)
- Füttere den Flugling in den ersten Tagen, bis er sich stabilisiert hat
Vorteil: Der Flugling ist sehr volksstark durch die vielen Sammlerinnen und baut rasch Vorräte auf. Nachteil: Das Muttervolk verliert auf einen Schlag alle Flugbienen und muss sich am neuen Standort erst neu orientieren. Der Flugling hat zunächst keine Stockbienen zur Brutpflege – deshalb die 1–2 Brutwaben als Starthilfe.
Diese Methode eignet sich besonders, wenn du ein starkes Volk vor dem Schwärmen bewahren und gleichzeitig eine neue Königin einführen möchtest.

Methode 3: Kunstschwarm
Der Kunstschwarm imitiert einen natürlichen Schwarm und eignet sich hervorragend, um ein Volk sanft umzuweiseln oder einen vollständig neuen Start zu machen.
Kunstschwarm bilden – Schritt für Schritt
Schritt 1: Vorbereitung Du brauchst eine Kunstschwarmkiste (oder einen Schwarmfangkasten) mit Belüftungsgitter, eine begattete Königin im Käfig und eine Waage.
Schritt 2: Bienen abkehren Kehre alle Waben des Muttervolkes in einen leeren Kasten ab – Bienen fallen vom Besen in die Kiste. Die Königin wird vorher entnommen oder gezielt auf einer Wabe gesucht und gesichert.
Schritt 3: Kunstschwarm zusammenstellen Pro Kunstschwarm brauchst du etwa 1,0 bis 1,5 kg Bienen (entspricht ca. 10.000 bis 15.000 Tieren). Wiege die Kiste vorher und nachher.
Schritt 4: Königin zusetzen Hänge die Königin im Käfig in die Kiste – die Bienen müssen sich erst an den Geruch gewöhnen. Nach 1 bis 2 Tagen wird die Königin befreit oder befreit sich selbst.
Schritt 5: Einlogieren Nach 24 Stunden gibst du den Kunstschwarm in eine saubere Beute mit Mittelwänden und fütterst kräftig. Der Kunstschwarm baut sauber und schnell aus.
Vorteil gegenüber Brutableger: Saubere Waben, keine Krankheitsübertragung durch Altbrut, idealer Start für Varroareinigung.
Vergleich der drei Methoden
| Kriterium | Brutableger | Flugling | Kunstschwarm |
|---|---|---|---|
| Schwierigkeit | einfach | mittel | mittel |
| Benötigte Volksstärke | mittel (8+ Gassen) | stark | stark |
| Entwicklungszeit | 4–6 Wochen | 3–4 Wochen | 4–6 Wochen |
| Eigene Königin möglich | ja (Weiselzellen) | nein | nein |
| Risiko Rückflug | mittel | hoch | gering |
| Varroa-Risiko | höher (Altbrut) | gering | sehr gering |
| Aufwand | niedrig | mittel | hoch |
Königin zusetzen: So gelingt es
Ob Brutableger, Flugling oder Kunstschwarm – wenn du eine fremde Königin zusetzen möchtest, gilt:
- Niemals direkt: Eine fremde Königin wird sofort getötet, wenn du sie ohne Schutz einfach in das Volk setzt.
- Käfigmethode: Hänge die Königin im verschlossenen Käfig (z.B. Benton-Käfig) zwischen die Bienen. Der Futterkanal ist mit Candy gefüllt – die Bienen fressen ihn frei und lassen die Königin dabei durch.
- Wartezeit: Mindestens 3 bis 5 Tage warten. Danach prüfen: Sind die Bienen ruhig auf und um den Käfig? Dann ist die Königin angenommen.
- Kontrolle nach 10 Tagen: Ist die Königin frei und stiftet Eier? Dann war das Zusetzen erfolgreich.
Varroabehandlung im Ableger
Ein oft vernachlässigtes Thema: Ableger übernehmen Varroamilben aus dem Muttervolk. Besonders Brutableger, die verdeckelte Brut mitbringen, tragen auch die darin versteckten Milben mit sich. Eine frühzeitige Milbenkontrolle und -behandlung ist deshalb Pflicht.
Brutableger: Varroa kommt mit der Brut
Verdeckelte Brutwaben enthalten den größten Teil der Varroamilben eines Volkes (60–80 % sitzen in der Brut). Ein Brutableger übernimmt also proportional viele Milben. Führe 2–3 Wochen nach der Bildung eine Gemülldiagnose oder Puderzucker-Kontrolle durch, um die Befallslage einzuschätzen.
Kunstschwarm: Das brutfreie Fenster nutzen
Der große Vorteil des Kunstschwarms ist: Er startet ohne Brut. In den ersten Tagen, bevor die neue Königin Eier legt und die erste Brut verdeckelt wird (ca. 10–12 Tage), sitzen alle Varroamilben ungeschützt auf den Bienen. Dieses brutfreie Fenster ist ideal für eine Oxalsäure-Behandlung (Träufeln oder Sprühen) – die Wirksamkeit liegt bei über 95 %.
Flugling: Wenig Milben, trotzdem kontrollieren
Da der Flugling hauptsächlich aus Flugbienen besteht, die weniger Milben tragen als Stockbienen, ist die Belastung anfangs gering. Trotzdem: Nach 3–4 Wochen, wenn die erste eigene Brut verdeckelt ist, solltest du den Milbenfall kontrollieren.
Behandlungspflicht
Nach der Bienenseuchen-Verordnung (BienSeuchV) §15 ist jeder Bienenhalter zur Varroabekämpfung verpflichtet – das gilt auch für Ableger und Jungvölker. Dokumentiere jede Behandlung sorgfältig in deinem Bestandsbuch. Mehr dazu in unserem Artikel zur Varroa-Dokumentation.

Nachsorge in den ersten Wochen
Der Ableger braucht in den ersten Wochen besondere Aufmerksamkeit:
Woche 1 bis 2:
- Flugloch verengen (Schwächere Völker lassen sich schlechter verteidigen)
- Füttern mit Zuckerwasser (1:1), solange keine ausreichende Tracht vorhanden ist
- Nicht öffnen – lass Bienen und Königin zur Ruhe kommen
Woche 3:
- Erste Durchsicht: Ist die Königin frei? Sind Eier sichtbar?
- Offene Brut zeigt dir, dass die Königin stiftet
- Wabenzahl prüfen: Sind alle Waben besetzt? Nötigenfalls eine leere Wabe entfernen
Woche 4 bis 6:
- Ableger nimmt Fahrt auf, erste verdeckelte Arbeiterinnenbrut schlüpft
- Volksstärke wächst rasch – jetzt kann das Flugloch geöffnet werden
- Varroabehandlung nicht vergessen! Besonders Kunstschwärme bieten einen brutfreien Zeitraum zur sehr wirksamen Behandlung.
Häufige Fehler beim Ableger bilden
- Ableger zu schwach angesetzt: Mindestens 3 Waben Brut + 2 Waben Bienen sind nötig
- Nicht genug Futter gegeben: Futtermangel ist der häufigste Grund für schwache Ableger
- Königin nicht gefunden: Wenn die Königin unbeabsichtigt im Ableger landet, ist das Muttervolk weisellos
- Mehrere Weiselzellen gelassen: Die erste schlüpfende Königin tötet alle Rivalen – besser von Anfang an auf eine Zelle reduzieren
- Zu früh stören: In den ersten 3 Tagen den Ableger in Ruhe lassen!
Ableger und Schwarmvorbeugung
Ableger bilden und Schwarmvorbeugung gehen Hand in Hand. Ein starkes Volk, das Schwarmzellen baut, ist der ideale Kandidat für einen Ableger: Du nimmst dem Volk Bienen und Brut (und damit den Schwarmimpuls), und nutzt die Weiselzellen gleichzeitig für den neuen Ableger.
So schlägst du zwei Fliegen mit einer Klappe:
- Das Muttervolk schwärmt nicht mehr
- Der Ableger bekommt eine hochwertige Königin aus eigener Zucht
Mehr zur Königinnenzucht findest du in unserem ausführlichen Artikel.
Fazit
Ableger bilden ist eine der vielseitigsten Techniken in der Imkerei. Ob Brutableger, Flugling oder Kunstschwarm – jede Methode hat ihre Berechtigung und eignet sich für unterschiedliche Situationen. Fang im ersten Jahr mit dem einfachen Brutableger an und taste dich Schritt für Schritt an die komplexeren Methoden heran.
Mit Hivekraft Ableger digital verwalten
Wenn du Ableger bildest, lohnt sich eine sorgfältige Dokumentation: Welches Volk ist das Muttervolk? Welche Waben wurden entnommen? Wann wurde die Königin zugesetzt? Wann war die erste Eilage?
Mit der digitalen Stockkarte in Hivekraft kannst du jeden Ableger als eigenes Volk anlegen, das Muttervolk verknüpfen und alle Ereignisse – Gründung, Königinzusetzen, erste Kontrolle – direkt vom Bienenstand aus per Smartphone erfassen. So behältst du auch bei wachsendem Bienenbestand den Überblick.
- Fortgeschrittene Imkerpraxis -- Lektion 1: Volksvermehrung im Detail
- Imkern für Anfänger -- Lektion 6: Dein erstes Volk kaufen und einlogieren
Weniger Papierkram. Mehr Zeit bei deinen Bienen.
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