Bienensterben: Fakten, Ursachen und was du tun kannst
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Bienensterben: Fakten, Ursachen und was du tun kannst

9 minVon Hivekraft Redaktion
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Bienensterben verstehen: Colony Collapse Disorder, Varroa, Pestizide und Lebensraumverlust – Fakten, Zahlen und was Imker dagegen tun können.

Das Bienensterben ist seit Jahren ein Thema in den Medien, der Politik und am Stammtisch. Doch was steckt wirklich dahinter? Sterben die Bienen wirklich aus? Und wenn ja, welche Bienen – Honigbienen, Wildbienen oder beide? In diesem Artikel trennen wir Fakten von Mythen, beleuchten die tatsächlichen Ursachen und zeigen, was du als Imker und als Privatperson konkret tun kannst.

Wildblumenwiese mit Bienen
Blütenreiche Landschaften sind die Lebensgrundlage für Honig- und Wildbienen – und genau diese Vielfalt geht verloren.

Faktencheck: Wie steht es wirklich um die Bienen?

Honigbienen: Nicht vom Aussterben bedroht

Die gute Nachricht zuerst: Die Honigbiene (Apis mellifera) ist weltweit nicht vom Aussterben bedroht. Die Zahl der bewirtschafteten Bienenvölker ist global sogar gestiegen – von etwa 50 Millionen Völkern in den 1960er Jahren auf über 90 Millionen heute. In Deutschland stieg die Zahl der Bienenvölker von einem Tiefpunkt um 2007 (ca. 700.000) auf über 1 Million im Jahr 2023.

1 Mio.+
Bienenvölker in Deutschland (2023) – Tendenz steigend dank neuem Interesse an der Imkerei

Allerdings: Die Winterverluste sind nach wie vor erheblich. In schlechten Jahren verlieren deutsche Imker 20 bis 30 Prozent ihrer Völker. Das sind 200.000 bis 300.000 Völker pro Jahr, die nachgezüchtet werden müssen. Die Honigbiene überlebt nur dank der intensiven Pflege durch Imker – ohne Varroa-Behandlung würden die meisten Völker innerhalb von 2 bis 3 Jahren sterben.

Wildbienen: Die eigentliche Krise

Die eigentliche Katastrophe betrifft die Wildbienen. In Deutschland gibt es etwa 585 Wildbienenarten – und über die Hälfte davon steht auf der Roten Liste gefährdeter Arten:

GefährdungsstatusAnteil der WildbienenartenAnzahl Arten
Stummer Frühling

Rund 53 Prozent aller deutschen Wildbienenarten sind gefährdet, stark gefährdet, vom Aussterben bedroht oder bereits verschollen. Anders als Honigbienen haben Wildbienen keinen Imker, der sie pflegt. Ihr Überleben hängt allein von intakten Lebensräumen ab.

Die Bestäubungsleistung

Warum ist das Bienensterben überhaupt relevant? Weil Bienen unverzichtbare Bestäuber sind:

  • 80 Prozent der Nutz- und Wildpflanzen in Europa sind auf Bestäubung durch Insekten angewiesen
  • Der volkswirtschaftliche Wert der Bestäubungsleistung wird in Deutschland auf 2 bis 3 Milliarden Euro pro Jahr geschätzt
  • Ohne Bestäubung sinken die Erträge bei Obst um 40 bis 90 Prozent
  • Wildpflanzen und damit ganze Ökosysteme sind auf die Bestäubung angewiesen

Die Hauptursachen

Das Bienensterben hat nicht eine Ursache, sondern mehrere, die sich gegenseitig verstärken. Wissenschaftler sprechen von einem multifaktoriellen Geschehen.

1. Varroa destructor

Die Varroa-Milbe ist der Killer Nr. 1 für Honigbienenvölker. Der Parasit wurde in den 1970er Jahren von der Asiatischen Honigbiene (Apis cerana) auf die Europäische Honigbiene übertragen und hat sich seitdem weltweit ausgebreitet.

Was die Milbe anrichtet:

  • Saugt am Fettkörper der Puppen und erwachsenen Bienen
  • Überträgt tödliche Viren (DWV, ABPV, Sacbrood)
  • Schwächt das Immunsystem der Bienen
  • Verkürzt die Lebensdauer der Winterbienen
  • Unbehandelte Völker sterben innerhalb von 2 bis 3 Jahren
Varroa-Kontrolle mit Puderzucker-Methode
Die regelmäßige Kontrolle des Varroa-Befalls ist Pflicht für jeden Imker – die Milbe ist die größte Einzelbedrohung.

2. Pestizide

Pflanzenschutzmittel, insbesondere Insektizide, schaden Bienen direkt und indirekt:

Neonicotinoide:

  • Wirken auf das Nervensystem von Insekten
  • Drei Wirkstoffe (Clothianidin, Imidacloprid, Thiamethoxam) sind in der EU seit 2018 im Freiland verboten
  • Wirken schon in Kleinstdosen: Orientierungsverlust, reduzierte Lernfähigkeit, geringere Fortpflanzung
  • Rückstände bleiben jahrelang im Boden

Glyphosat:

  • Das weltweit am meisten eingesetzte Herbizid
  • Tötet Bienen nicht direkt, aber zerstört die Darmflora
  • Vernichtet Blühpflanzen (Nahrungsgrundlage)
  • In der EU bis 2033 zugelassen

Fungizide:

  • Oft als bienenungefährlich eingestuft
  • Neue Studien zeigen: Fungizide schädigen die Darmflora der Bienen und verstärken die Wirkung anderer Pestizide (Synergieeffekte)
Pestizid-Cocktail

In der Realität sind Bienen nicht einem einzelnen Pestizid ausgesetzt, sondern einem Cocktail aus verschiedenen Wirkstoffen. Die Wechselwirkungen dieser Substanzen sind kaum erforscht, aber die bisherigen Studien sind alarmierend: Kombinationen wirken oft deutlich giftiger als Einzelstoffe.

3. Lebensraumverlust und Monokultur

Die moderne Landwirtschaft hat die Landschaft radikal verändert:

  • Monokultur: Riesige Felder mit einer einzigen Pflanzenart bieten nur für wenige Wochen Nahrung – dann herrscht Wüste
  • Flurbereinigung: Hecken, Feldraine und Blühstreifen sind verschwunden
  • Überdüngung: Stickstoff verdrängt blühende Wildkräuter zugunsten von Gräsern
  • Versiegelung: Jeden Tag werden in Deutschland 55 Hektar Fläche versiegelt (Straßen, Gebäude)
  • Aufgeräumte Gärten: Schottergärten, kurzer Rasen und exotische Pflanzen bieten Bienen nichts
55 Hektar/Tag
werden in Deutschland neu versiegelt – verlorener Lebensraum für Bienen und andere Insekten

4. Krankheiten und neue Parasiten

Neben Varroa bedrohen weitere Krankheiten und Parasiten die Bienen:

  • Amerikanische Faulbrut (AFB): Meldepflichtige Bienenseuche, vernichtet Brut
  • Nosema: Darmparasit, schwächt Völker besonders im Winter
  • Kleiner Beutenkäfer (Aethina tumida): In Süditalien seit 2014, Ausbreitung nach Norden befürchtet
  • Asiatische Hornisse (Vespa velutina): Breitet sich von Frankreich nach Deutschland aus, jagt Honigbienen vor dem Flugloch
  • Viren: DWV (Flügeldeformationsvirus), ABPV, CBPV – oft in Kombination mit Varroa tödlich

5. Klimawandel

Der Klimawandel bringt das empfindliche Zusammenspiel von Blütezeiten und Bienenaktivität durcheinander:

  • Verfrühte Blüte: Manche Pflanzen blühen 2 bis 3 Wochen früher als vor 30 Jahren
  • Asynchrone Entwicklung: Bienen und Blüten entwickeln sich nicht mehr synchron
  • Extreme Wetterereignisse: Spätfröste zerstören Blüten, Hitzeperioden trocknen Nektarquellen aus
  • Verschobene Jahreszeiten: Milde Winter verhindern die Brutpause, Varroa vermehrt sich länger

Was Imker tun können

Als Imker hast du direkten Einfluss auf die Gesundheit deiner Honigbienenvölker. Aber auch darüber hinaus kannst du viel bewirken:

Für die eigenen Völker

  1. Konsequentes Varroa-Management

    Behandle deine Völker nach dem integrierten Konzept: Drohnenrahmen im Frühling, Ameisensäure im Sommer, Oxalsäure im Winter. Kontrolliere den Behandlungserfolg und handle sofort bei hohem Befall. Ein unbehandeltes Volk ist eine Milbenschleuder für alle Völker in der Umgebung.

  2. Starke Völker fördern

    Starke Völker sind widerstandsfähiger gegen Krankheiten und Parasiten. Vereinige schwache Völker, anstatt sie durchzuschleppen. Züchte von deinen besten Königinnen nach – Vitalität und Krankheitsresistenz sind vererbbar.

  3. Wabenhygiene

    Tausche jährlich ein Drittel der Brutraumwaben gegen frische Mittelwände aus. Altes Wabenwerk ist ein Reservoir für Krankheitserreger und Pestizid-Rückstände.

  4. Standortwahl

    Meide Standorte in der Nähe intensiver Landwirtschaft (Raps-Monokultur, Obstplantagen mit Spritzungen). Bevorzuge vielfältige Landschaften mit Wald, Wiesen und Gärten. Sprich mit Landwirten in deiner Umgebung über bienenfreundliche Bewirtschaftung.

Für die Umgebung

Was jeder tun kann

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CCD: Colony Collapse Disorder – Was wissen wir heute?

Colony Collapse Disorder (CCD) – das mysteriöse Bienensterben, bei dem ganze Völker plötzlich verschwinden – machte ab 2006 weltweit Schlagzeilen. Die Bienen flogen aus und kamen nicht zurück. In den USA verloren manche Betriebe 50 bis 90 Prozent ihrer Völker in einer einzigen Saison.

Was wir heute wissen

CCD war kein Einzelphänomen, sondern das Ergebnis mehrerer zusammenwirkender Faktoren:

  • Varroa + Viren als Haupttreiber (besonders DWV in Kombination mit hohem Milbenbefall)
  • Pestizidbelastung durch intensive Landwirtschaft (Neonicotinoide)
  • Stress durch Wanderimkerei (in den USA werden Völker tausende Kilometer transportiert)
  • Mangelernährung durch Monokultur (Mandel-Bestäubung in Kalifornien: nur eine Pollenquelle)
  • Nosema ceranae als zusätzlicher Stressfaktor
CCD in Europa

Das massive CCD-Phänomen der USA trat in Europa in dieser Form nicht auf. Die europäischen Winterverluste sind primär auf Varroa, mangelhafte Behandlung und ungünstige Witterung zurückzuführen. Die Ursachenkomplexe überlappen sich aber erheblich.

Die Rolle der Landwirtschaft

Die Landwirtschaft ist sowohl Teil des Problems als auch Teil der Lösung:

Probleme

FaktorAuswirkung auf Bienen
MonokulturEinseitige Ernährung, Trachtlücken
PestizideinsatzVergiftung, Immunschwächung, Orientierungsverlust
FlurbereinigungVerlust von Nisthabitaten und Blühflächen
GrünlandumbruchWeniger Wiesen = weniger Nahrung
Frühe MahdBlühende Wiesen werden vor der Samenreife gemäht

Lösungsansätze

  • Agrarumweltprogramme: Blühstreifen, Brachflächen und Hecken werden finanziell gefördert
  • Integrierter Pflanzenschutz: Weniger Pestizide, biologische Alternativen
  • Blühflächenprogramme: Immer mehr Landwirte legen Blühflächen an
  • Kooperation Imker-Landwirt: Direkte Absprachen über Spritzzeiten und Blühstreifen
Rapsfeld in voller Blüte
Raps ist eine wichtige Trachtquelle – aber Monokultur allein reicht nicht. Bienen brauchen Vielfalt über die gesamte Saison.

Was bringt die Zukunft?

Einige Entwicklungen geben Hoffnung:

Varroa-tolerante Bienen: Zuchtprogramme arbeiten an Bienenlinien, die sich selbst gegen Varroa wehren können (VSH-Bienen, SMR-Verhalten). Erste Erfolge sind sichtbar, aber der Durchbruch steht noch aus.

Insektenschutzgesetz: Deutschland hat 2021 ein Insektenschutzgesetz verabschiedet. Es verbietet Herbizide und Insektizide in Schutzgebieten und schreibt Abstandsregelungen zu Gewässern vor.

Blühflächenförderung: Die Gemeinsame Agrarpolitik (GAP) der EU setzt zunehmend auf Ökoregelungen, die Blühflächen und Brachstreifen fördern.

Urbane Imkerei: Immer mehr Menschen imkern in Städten. Städte bieten oft eine vielfältigere Flora als ländliche Monokulturen – paradoxerweise finden Bienen in Großstädten mehr Nahrung.

Welche Bienengruppe ist stärker vom Aussterben bedroht?

Das Bienensterben ist das sichtbarste Symptom einer umfassenden Krise der Insektenwelt. Wenn wir die Bienen retten wollen, müssen wir die gesamte Landschaft verändern – und das geht nur mit einem grundlegenden Wandel in der Landwirtschaft.

Prof. Dr. Randolf Menzel
Neurobiologe, Freie Universität Berlin

Fazit

Das Bienensterben ist real – aber differenzierter, als die Schlagzeilen vermuten lassen. Honigbienen sind dank engagierter Imker nicht akut bedroht, aber auf intensive Pflege angewiesen. Die eigentliche Krise betrifft die Wildbienen und die gesamte Insektenwelt. Die Ursachen sind vielfältig: Varroa, Pestizide, Lebensraumverlust und Klimawandel wirken zusammen.

Als Imker trägst du Verantwortung – für deine eigenen Völker und für die Insektenwelt insgesamt. Behandle konsequent gegen Varroa, fördere die Biodiversität in deiner Umgebung und sprich mit Landwirten und Nachbarn. Jede Blühfläche, jeder verzichtete Pestizideinsatz und jedes gesunde Bienenvolk zählt.

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