Klimawandel und Imkerei: Anpassungsstrategien für Imker
Wissen

Klimawandel und Imkerei: Anpassungsstrategien für Imker

10 minVon Hivekraft Redaktion
KlimawandelAnpassungBlütezeitenAsiatische HornisseAethina tumida

Der Klimawandel verändert die Imkerei: Verschobene Blütezeiten, neue Schädlinge und Extremwetter – so passt du deine Betriebsweise an.

Der Klimawandel verändert die Imkerei grundlegend. Blütezeiten verschieben sich, Extremwetterereignisse häufen sich, und neue Schädlinge drängen nach Mitteleuropa. Was vor zwanzig Jahren verlässlich funktioniert hat, stimmt heute oft nicht mehr. Imker, die ihre Betriebsweise an die neuen Realitäten anpassen, sind besser aufgestellt als jene, die an alten Mustern festhalten. Dieser Artikel zeigt, was sich konkret ändert und welche Strategien zukunftsfähig sind.

Bienen an Frühblühern im zeitigen Frühjahr
Die Blüte beginnt in vielen Regionen 2 bis 3 Wochen früher als noch vor 30 Jahren – mit weitreichenden Folgen für die Imkerei.

Was sich verändert hat

Die letzten 30 Jahre haben messbare Veränderungen gebracht, die direkt auf die Imkerei wirken. Es sind keine Prognosen mehr – es sind beobachtete Fakten.

Temperaturanstieg in Deutschland

ZeitraumDurchschnittstemperaturVeränderung zu 1961-1990
+2,6°C
Temperaturanstieg in Deutschland 2024 gegenüber dem Referenzzeitraum 1961-1990

Verschobene Blütezeiten

Die Phänologie – die Lehre von den Erscheinungen im Jahreslauf der Natur – zeigt eindrücklich, wie sich die Vegetation verschoben hat:

PflanzeBlütebeginn 1990Blütebeginn 2025Verschiebung
HaselAnfang MärzMitte Februar2-3 Wochen früher
KirscheMitte AprilEnde März2-3 Wochen früher
RapsAnfang MaiMitte April2-3 Wochen früher
RobinieAnfang JuniMitte-Ende Mai1-2 Wochen früher
LindeMitte JuniAnfang Juni1-2 Wochen früher
HeidekrautMitte AugustAnfang August1-2 Wochen früher

Was das bedeutet: Die Frühtracht beginnt früher, aber die Bienen sind oft noch nicht stark genug, um sie voll zu nutzen. Die Sommertracht verschiebt sich, und die Trachtlücke im Hochsommer wird in vielen Regionen länger und intensiver.

Extremwetterereignisse

  • Spätfröste: Trotz insgesamt wärmerer Temperaturen kommen Spätfröste im April/Mai vor. Wenn die Obstbäume aufgrund milder Vorwochen bereits blühen, zerstört ein Spätfrost die gesamte Blüte – und damit die Frühtracht.
  • Dürreperioden: Die Sommer 2018, 2019 und 2022 zeigten, was kommt: Wochen ohne Regen, verdorrte Wiesen, kein Nektar. Bienen finden keine Nahrung und müssen zugefüttert werden – mitten im Sommer.
  • Starkniederschläge: Extreme Regenfälle und Hochwasser können Bienenstände überfluten oder tagelang unzugänglich machen.
  • Milde Winter: Bienen bleiben aktiv, brüten durch und verbrauchen ihre Wintervorräte deutlich schneller.
Milde Winter – ein unterschätztes Problem

Ein warmer Winter klingt gut für Bienen, ist es aber nicht. Ohne eine echte Brutpause brüten die Völker den ganzen Winter durch, verbrauchen doppelt so viel Futter und kommen geschwächt ins Frühjahr. Zudem vermehrt sich die Varroa-Milbe in der Brut weiter – die brutfreie Phase für die Oxalsäure-Behandlung fällt aus oder ist extrem kurz.

Neue Schädlinge und Krankheiten

Der Klimawandel öffnet die Tür für Arten, die in Deutschland bisher nicht überlebensfähig waren.

Asiatische Hornisse (Vespa velutina)

Die Asiatische Hornisse ist der akuteste neue Schädling für die Imkerei in Mitteleuropa.

  1. Herkunft und Verbreitung

    Ursprünglich in Südostasien beheimatet, wurde Vespa velutina 2004 mit einer Warenlieferung nach Südfrankreich eingeschleppt. Von dort breitet sie sich mit 60 bis 80 km pro Jahr nach Norden und Osten aus. In Deutschland wurden erste Nester 2014 in Baden-Württemberg entdeckt. Bis 2025 sind Funde in fast allen Bundesländern dokumentiert.

  2. Bedrohung für Honigbienen

    Die Asiatische Hornisse ist ein spezialisierter Bienenjäger. Sie lauert vor dem Flugloch und fängt zurückkehrende Sammelbienen im Flug. Ein einziges Hornissen-Nest kann ein Bienenvolk erheblich schwächen. Die Bienen stellen bei massivem Hornissenbefall die Sammeltätigkeit ein und können verhungern.

  3. Erkennung

    Vespa velutina ist kleiner als die heimische Hornisse (Vespa crabro): 2 bis 3 cm Körperlänge, dunkler Körper mit gelber Binde am 4. Hinterleibssegment, gelbe Beinenden. Nester in Baumkronen (bis zu 30 Meter hoch), kugelförmig, oft 60 bis 80 cm Durchmesser.

  4. Meldung und Bekämpfung

    Jeder Fund muss gemeldet werden (Veterinäramt, NABU-App, Bieneninstitut). Nester dürfen nur von geschulten Fachleuten entfernt werden. Als Imker kannst du Fallen aufstellen (Achtung: Beifang heimischer Insekten minimieren!) und deine Völker mit Schutzgittern am Flugloch schützen.

Kleiner Beutenkäfer (Aethina tumida)

Der Kleine Beutenkäfer stammt aus Afrika südlich der Sahara und wurde 2014 in Süditalien (Kalabrien) erstmals in Europa nachgewiesen.

Status in Europa:

  • Seit 2014 in Süditalien etabliert – trotz intensiver Bekämpfung nicht ausgerottet
  • Ausbreitung nach Norden bisher langsam, aber der Klimawandel begünstigt wärmere Bedingungen
  • In Deutschland bisher kein Fund – aber die Monitoring-Programme laufen

Risiko für die Imkerei:

  • Käfer vermehrt sich in Bienenvölkern und zerstört Waben
  • Larven fressen Honig, Pollen und Brut
  • Befallene Honigwaben gären und werden unbrauchbar
  • Starke Völker können den Käfer in Schach halten, schwache Völker gehen zugrunde
Monitoring ist Pflicht

In EU-Mitgliedsstaaten besteht Meldepflicht für den Kleinen Beutenkäfer. Imker in Südeuropa und grenznahen Regionen sollten besonders aufmerksam sein. Informiere dich bei deinem Bieneninstitut über die aktuelle Verbreitung und Erkennungsmerkmale.

Tropilaelapsmilbe

Die Tropilaelapsmilbe (Tropilaelaps spp.) ist in Asien verbreitet und wird als potenzieller zukünftiger Parasit der europäischen Honigbiene betrachtet. Sie vermehrt sich schneller als Varroa und ist aggressiver – allerdings braucht sie verdeckelte Brut und überlebt außerhalb der Brut nur kurze Zeit. Brutpausen im Winter könnten ihre Ausbreitung in Europa begrenzen – solange es Winter gibt.

Honigbiene auf einer Blüte in Nahaufnahme
Die Honigbiene ist auf ein vielfältiges Nahrungsangebot angewiesen – der Klimawandel bedroht diese Vielfalt.

Anpassungsstrategien für Imker

Der Klimawandel lässt sich kurzfristig nicht aufhalten. Aber du kannst deine Betriebsweise anpassen, um deine Bienen bestmöglich durch die veränderten Bedingungen zu führen.

1. Flexibler werden im Timing

Die starren Kalendertermine der Vergangenheit funktionieren nicht mehr. Richte dich nicht nach dem Datum, sondern nach der phänologischen Entwicklung:

AufgabeAltes Timing (Kalender)Neues Timing (Phänologie)
Phänologische Beobachtung

Lege dir einen phänologischen Kalender an, in dem du jedes Jahr die Blütezeiten der wichtigsten Trachtpflanzen notierst. Nach 3 bis 5 Jahren hast du ein eigenes Referenzsystem für deinen Standort, das viel aussagekräftiger ist als allgemeine Kalenderangaben.

2. Standorte diversifizieren

Nicht alle Standorte reagieren gleich auf den Klimawandel. Diversifiziere deine Standorte, um Risiken zu streuen:

  • Waldstandorte: Kühler, feuchter, Waldhonig-Tracht unabhängiger von Blütezeiten
  • Höhenlagen: 1 bis 2°C kühler pro 100 Meter, Blüte beginnt später (Risikostreuung)
  • Stadtstandorte: Urbane Wärmeinseln mit vielfältigem Nahrungsangebot
  • Gewässernähe: Bessere Wasserversorgung in Trockenperioden

3. Wasserversorgung sicherstellen

In Trockenperioden wird Wasser zum limitierenden Faktor:

Wasserversorgung für trockene Sommer

Fortschritt0/0

4. Hitzeschutz als Standardmaßnahme

Was früher nur in südlichen Regionen nötig war, wird überall relevant:

  • Standorte mit natürlicher Beschattung wählen (Laubbäume)
  • Helle Beutenfarben verwenden (reflektieren Sonnenlicht)
  • Sonnensegel für exponierte Stände bereithalten
  • Belüftung optimieren: Gitterboden, offenes Flugloch, Deckelbelüftung
  • Styroporbeuten erwägen – bessere Isolation bei Hitze und Kälte

5. Varroa-Management anpassen

Der Klimawandel beeinflusst auch die Varroa-Bekämpfung:

Problem: Verkürzte oder fehlende Brutpause

  • Milde Winter bedeuten: Die Völker brüten durch, Varroa vermehrt sich weiter
  • Die brutfreie Phase für die Oxalsäure-Behandlung wird kürzer oder fällt ganz aus

Lösung:

  • Brutfreie Phase erzwingen durch Käfigen der Königin (Bannwabe)
  • Sublimation statt Träufeln (wirkt auch bei Restbrut besser)
  • Totale Brutentnahme im Sommer als kombinierte Schwarm- und Varroa-Maßnahme
  • Monitoring intensivieren: Milbenfall häufiger kontrollieren, früher behandeln

6. Trachtlücken managen

Längere und häufigere Trachtlücken erfordern neue Strategien:

  • Wanderung zu Trachtquellen: Raps, Linde, Wald, Heide – verschiedene Standorte decken verschiedene Blütezeiten ab
  • Sommerfütterung bei extremer Dürre: Lieber zufüttern als Völker verhungern lassen
  • Blühflächen auf eigenem oder gepachtetem Land anlegen
  • Spättrachten nutzen: Efeu (September/Oktober), Balsamine, Goldrute

7. Bienenrasse und Zuchtauswahl

Die Wahl der Bienenrasse gewinnt an Bedeutung:

EigenschaftCarnicaBuckfastDunkle Biene

Zukunftsstrategie: Züchte von Völkern nach, die sich in deiner Region gut an die veränderten Bedingungen anpassen. Vitalität, Varroa-Toleranz und Anpassungsfähigkeit sind wichtiger als Honigleistung.

Was bringt die Zukunft?

Szenarien für 2050

Bei einem Temperaturanstieg von 2 bis 3°C bis 2050 sind folgende Veränderungen wahrscheinlich:

  • Rapsblüte im März statt April – die Frühjahrsdurchsicht wird zur Erntezeit
  • Schwarmzeit im April statt Mai – Schwarmkontrolle muss früher beginnen
  • Sommerdürren als Normalfall – Sommerfütterung wird Standardmaßnahme
  • Asiatische Hornisse flächendeckend in Deutschland – neue Schutzmaßnahmen nötig
  • Kleiner Beutenkäfer möglicherweise etabliert – neue Hygienemaßnahmen
  • Winterbehandlung schwieriger – brutfreie Phase entfällt in milden Regionen
2050
Bis dahin wird sich die Imkerei in Mitteleuropa grundlegend verändert haben – Anpassung beginnt heute

Warum sind milde Winter problematisch für Bienenvölker?

Der Klimawandel ist die größte langfristige Herausforderung für die Imkerei in Mitteleuropa. Nicht einzelne Extremereignisse sind das Problem, sondern die schleichende Verschiebung aller Parameter, an die unsere Betriebsweise über Jahrzehnte angepasst war.

Prof. Dr. Peter Rosenkranz
Landesanstalt für Bienenkunde, Universität Hohenheim

Fazit: Anpassen statt Abwarten

Der Klimawandel verändert die Spielregeln der Imkerei. Verfrühte Blütezeiten, längere Trachtlücken, neue Schädlinge und Extremwetter sind keine Zukunftsszenarien – sie sind bereits Realität. Imker, die flexibel bleiben, ihre Betriebsweise an phänologische Zeichen statt an Kalendertermine ausrichten und auf neue Herausforderungen vorbereitet sind, werden erfolgreich imkern. Wer dagegen an starren Terminen festhält und Veränderungen ignoriert, wird zunehmend mit Verlusten zu kämpfen haben.

Die Imkerei hat eine lange Geschichte der Anpassung. Von der Klotzbeute zur Magazinbeute, von der Schwarmimkerei zur modernen Völkerführung – Imker haben sich immer an neue Gegebenheiten angepasst. Der Klimawandel ist die nächste große Anpassung. Beginne heute damit.

Vertiefe dein Wissen

Weitere Artikel