Honig als Heilmittel: Was die Wissenschaft wirklich sagt
Wissen

Honig als Heilmittel: Was die Wissenschaft wirklich sagt

10 minVon Hivekraft Redaktion
HonigGesundheitManukaWundheilungNaturheilmittel

Ist Honig gesund? Was steckt hinter Manuka-Honig und MGO? Wir zeigen, was die Wissenschaft über Honig als Medizin weiß.

Honig gilt seit Jahrtausenden als Heilmittel — die alten Ägypter nutzten ihn zur Wundversorgung, in der ayurvedischen Medizin ist er fester Bestandteil und auch Hippokrates empfahl Honig bei unterschiedlichsten Beschwerden. Doch was sagt die moderne Wissenschaft? Ist Honig tatsächlich gesund, oder ist das nur ein Mythos, der sich über die Jahrhunderte hartnäckig hält? Und was hat es mit dem teuren Manuka-Honig auf sich?

In diesem Artikel schauen wir uns die wissenschaftliche Evidenz an — nüchtern, ohne Esoterik und mit konkreten Studien.

Die Inhaltsstoffe von Honig

Um zu verstehen, warum Honig medizinisch wirken kann, lohnt sich ein Blick auf seine Zusammensetzung.

InhaltsstoffAnteilRelevanz
Honig ist kein Superfood im klassischen Sinn

Honig enthält nur Spuren von Vitaminen und Mineralstoffen. Wer Honig wegen seiner "Nährstoffdichte" isst, wird enttäuscht — dafür müsste man kiloweise Honig essen. Die medizinische Wirkung beruht auf ganz anderen Mechanismen: dem niedrigen pH-Wert, der osmotischen Wirkung, Enzymen und speziellen antibakteriellen Substanzen.

Antibakterielle Wirkung: Das ist belegt

Die antibakterielle Wirkung von Honig ist eine der am besten untersuchten Eigenschaften. Sie beruht auf mehreren Mechanismen, die zusammenwirken:

1. Osmotische Wirkung

Durch den extrem hohen Zuckergehalt (~80 %) entzieht Honig Bakterien das Wasser. Ohne Wasser können sich die meisten Krankheitserreger nicht vermehren. Dieser Effekt ist physikalisch und gilt für jeden Honig — auch für den günstigsten aus dem Supermarkt.

2. Niedriger pH-Wert

Honig hat einen pH-Wert von 3,5 bis 4,5. Dieses saure Milieu ist für viele Bakterien lebensfeindlich, darunter auch Problemkeime wie Staphylococcus aureus und E. coli.

3. Wasserstoffperoxid-Bildung

Das Enzym Glucose-Oxidase, das Bienen dem Honig zusetzen, wandelt Glucose in Gluconsäure und Wasserstoffperoxid um. Dieser Prozess wird aktiv, wenn Honig mit Wasser verdünnt wird — zum Beispiel auf einer Wunde. Wasserstoffperoxid ist ein wirksames Desinfektionsmittel.

Erhitzen zerstört Enzyme

Die Glucose-Oxidase wird bei Temperaturen über 40 °C zerstört. Industriell verarbeiteter Honig, der pasteurisiert wurde, hat deshalb eine deutlich geringere antibakterielle Wirkung als naturbelassener Honig vom Imker.

4. Methylglyoxal (MGO) — der Manuka-Faktor

Manuka-Honig aus Neuseeland enthält zusätzlich Methylglyoxal (MGO), eine antibakterielle Substanz, die auch nach Erhitzung und Verdünnung aktiv bleibt. MGO entsteht aus Dihydroxyaceton (DHA), einem Stoff, der im Nektar des Manuka-Strauchs (Leptospermum scoparium) vorkommt.

MGO 250+
Mindest-MGO-Gehalt für medizinische Wirkung

Die MGO-Konzentration variiert stark zwischen verschiedenen Manuka-Honigen:

MGO-GehaltEinstufungAnwendung
MGO 30–100NiedrigNur zum Essen
MGO 100–250MittelUnterstützende Hautpflege
MGO 250–550HochWundversorgung, Rachenbeschwerden
MGO 550+Sehr hochMedizinische Anwendung

Honig in der Wundversorgung: Medizinischer Honig

Honigglas auf rustikalem Holztisch
Nicht jeder Honig eignet sich für medizinische Zwecke — medizinischer Honig wird speziell aufbereitet und sterilisiert

Die Verwendung von Honig in der Wundversorgung hat in den letzten 20 Jahren eine Renaissance erlebt — diesmal mit wissenschaftlicher Absicherung. Medihoney und andere zugelassene Honigprodukte werden in Krankenhäusern weltweit eingesetzt.

Was zeigen die Studien?

Eine umfassende Cochrane-Review (2015), die 26 klinische Studien mit über 3000 Patienten auswertete, kam zu folgenden Ergebnissen:

  • Honig beschleunigt die Heilung von Verbrennungen signifikant (im Vergleich zu konventionellen Verbänden)
  • Bei postoperativen Wunden zeigte Honig gemischte Ergebnisse
  • Bei chronischen Wunden (Ulcus cruris) gibt es vielversprechende, aber noch nicht abschließende Ergebnisse
  • Honig kann die Bakterienbelastung in Wunden reduzieren, einschließlich MRSA
Kein Küchenhonig auf offene Wunden!

Normaler Speisehonig ist nicht steril und kann Clostridium-Sporen enthalten. Für die Wundversorgung darf ausschließlich zertifizierter medizinischer Honig (gamma-sterilisiert, CE-gekennzeichnet) verwendet werden. Medizinische Honigprodukte gibt es als Salben, Wundauflagen und Gele in der Apotheke.

Wie wirkt Honig auf Wunden?

Die Wirkung ist multifaktoriell:

  1. Feuchte Wundheilung

    Honig hält die Wunde feucht, was die Zellneubildung fördert und schmerzarmen Verbandwechsel ermöglicht — die Wundauflage verklebt nicht.

  2. Antibakterielle Reinigung

    Durch osmotische Wirkung, pH-Wert und Enzymaktivität werden Bakterien gehemmt — auch antibiotikaresistente Keime wie MRSA.

  3. Entzündungshemmung

    Honig reduziert die Bildung von entzündungsfördernden Botenstoffen und fördert die Ausschüttung entzündungshemmender Zytokine.

  4. Geruchsreduktion

    Bakterien, die in chronischen Wunden üblen Geruch verursachen, werden durch Honig gehemmt. Gleichzeitig nutzen die Bakterien den Zucker im Honig, statt Aminosäuren abzubauen — was weniger Geruchsstoffe produziert.

Honig gegen Husten: Besser als manches Medikament

Einer der am besten belegten medizinischen Effekte von Honig ist seine hustenstillende Wirkung — besonders bei Kindern.

6 Studien
zeigen: Honig wirkt bei Kinderhusten besser als Placebo

Eine vielbeachtete Studie der Penn State University (2007) verglich Honig mit dem Hustenstiller Dextromethorphan (einem Standardmedikament) und Placebo bei Kindern mit nächtlichem Husten. Das Ergebnis: Honig war dem Medikament mindestens ebenbürtig und dem Placebo deutlich überlegen.

Die WHO und das britische NICE (National Institute for Health and Care Excellence) empfehlen Honig offiziell als erste Maßnahme bei akutem Husten:

  • 1 bis 2 Teelöffel Honig pur oder in warmem (nicht heißem!) Tee
  • Vor dem Schlafengehen verabreichen
  • Lindert Hustenreiz und verbessert die Schlafqualität
  • Wirkt sowohl beruhigend auf die gereizten Schleimhäute als auch leicht antibakteriell
Kein Honig für Babys unter 12 Monaten!

Honig kann Sporen des Bakteriums Clostridium botulinum enthalten. Für Erwachsene und ältere Kinder ist das harmlos, aber bei Säuglingen unter einem Jahr kann es zu Säuglingsbotulismus kommen — einer seltenen, aber lebensbedrohlichen Erkrankung. Erst ab dem zweiten Lebensjahr ist Honig unbedenklich.

Honig und Magen-Darm: Helicobacter und mehr

Es gibt Hinweise, dass Honig bei Magen-Darm-Beschwerden helfen kann:

  • Helicobacter pylori: Laborstudien zeigen, dass Manuka-Honig das Wachstum von H. pylori hemmen kann. Klinische Studien am Menschen sind jedoch noch begrenzt und nicht eindeutig.
  • Gastritis und Sodbrennen: Ein Teelöffel Honig kann Sodbrennen kurzfristig lindern (der Honig legt sich schützend auf die Schleimhaut). Langfristig ist die Evidenz dünn.
  • Durchfallerkrankungen: Honig in Rehydrationslösung kann die Dauer von Durchfall bei Kindern verkürzen — ein Effekt, der vor allem in Entwicklungsländern relevant ist.
  • Präbiotische Wirkung: Die Oligosaccharide im Honig fördern das Wachstum nützlicher Darmbakterien (Bifidobakterien und Laktobazillen).

Antioxidative Wirkung: Dunkler Honig schlägt hellen

Honig enthält eine Vielzahl von Antioxidantien — Polyphenole, Flavonoide, organische Säuren und Enzyme, die freie Radikale neutralisieren können.

Die Faustregel: Je dunkler der Honig, desto höher der Antioxidantiengehalt. Buchweizenhonig und Waldhonig schneiden in Studien deutlich besser ab als heller Akazienhonig.

HonigsorteRelativer Antioxidantiengehalt
BuchweizenhonigSehr hoch
Waldhonig / TannenhonigHoch
HeidehonigHoch
Blütenhonig (gemischt)Mittel
Akazienhonig (Robinie)Niedrig

Allerdings gilt auch hier: Die Mengen, die man realistisch zu sich nimmt (1–3 Teelöffel pro Tag), liefern deutlich weniger Antioxidantien als eine Handvoll Blaubeeren oder eine Tasse grüner Tee.

Manuka-Honig: Lohnt sich der Preis?

Verschiedene Bienenprodukte in Präsentation
Manuka-Honig ist deutlich teurer als heimischer Honig — aber nicht immer besser

Manuka-Honig aus Neuseeland kostet oft das 10- bis 50-Fache von normalem Honig. Das liegt am exklusiven Ursprung, der begrenzten Verfügbarkeit und dem nachgewiesenen MGO-Gehalt. Aber ist der Preis gerechtfertigt?

Was Manuka kann:

  • Antibakterielle Wirkung auch nach Erhitzung und Verdünnung (durch MGO)
  • Nachgewiesene Wirkung gegen MRSA und andere resistente Keime
  • In medizinischen Produkten (Medihoney) zugelassen und klinisch getestet
  • Wirkt auch bei niedrigem pH-Wert und ohne Enzymaktivität

Was Manuka nicht kann:

  • Krebs heilen (keine seriöse Studie belegt das)
  • Das Immunsystem pauschal „stärken" (Marketingaussage ohne Beleg)
  • Normalen Honig in jeder Hinsicht übertreffen
  • Eine gesunde Ernährung ersetzen
Heimischer Honig ist oft unterschätzt

Für den täglichen Gebrauch — im Tee, auf dem Brot, bei Erkältungen — ist naturbelassener Honig vom lokalen Imker eine hervorragende Wahl. Er enthält aktive Enzyme (Glucose-Oxidase), lokale Pollen und wurde nicht erhitzt. Die antibakterielle Wirkung über Wasserstoffperoxid ist bei frischem Honig vom Imker oft besser als bei industriell verarbeitetem Manuka aus dem Supermarkt.

MGO-Fälschungen erkennen

Der Markt für Manuka-Honig ist berüchtigt für Fälschungen. Weltweit wird mehr Manuka verkauft, als in Neuseeland produziert wird. Achte auf:

  • UMF-Zertifizierung (Unique Manuka Factor) — das offiziell anerkannte Qualitätssiegel
  • Herkunftsnachweis aus Neuseeland
  • Laboranalyse mit MGO-Gehalt auf dem Etikett
  • Seriöse Anbieter, die unabhängige Tests vorweisen können

Was die Wissenschaft (noch) nicht bestätigt

Es gibt viele Gesundheitsversprechen rund um Honig, die wissenschaftlich nicht oder nur schwach belegt sind:

  • Honig gegen Allergien (Desensibilisierung): Die Theorie, dass lokaler Honig durch enthaltene Pollen gegen Heuschnupfen hilft, klingt logisch — ist aber in kontrollierten Studien nicht bestätigt worden. Die Pollenmengen im Honig sind dafür schlicht zu gering.
  • Honig als Anti-Aging-Mittel: Keine belastbaren Studien am Menschen.
  • Honig gegen Diabetes besser als Zucker: Honig hat einen ähnlichen glykämischen Index wie Haushaltszucker. Für Diabetiker ist er kein Ersatz und muss in der Kohlenhydratbilanz berücksichtigt werden.
  • Honig zur Gewichtsreduktion: Honig hat etwa 300 kcal pro 100 g — zum Abnehmen ist er nicht geeignet.
  • Honig als Krebstherapie: Es gibt interessante Laborbefunde zur Wirkung auf Krebszellen, aber keine klinischen Studien, die eine Therapieempfehlung rechtfertigen.

Honig richtig verwenden: Praktische Tipps

So nutzt du Honig für deine Gesundheit optimal

Fortschritt0/0

Fazit: Honig ist kein Wundermittel — aber medizinisch relevant

Die Wissenschaft bestätigt einige der traditionellen Anwendungen von Honig:

  • Gut belegt: Wundversorgung (medizinischer Honig), Hustenstillung bei Kindern, antibakterielle Wirkung
  • Vielversprechend: Magen-Darm-Beschwerden, antioxidative Wirkung, Mundgesundheit
  • Nicht belegt: Heuschnupfen-Desensibilisierung, Krebstherapie, Anti-Aging, Gewichtsreduktion

Honig ist kein Ersatz für eine medizinische Behandlung — aber ein wertvolles Naturprodukt mit nachgewiesenen gesundheitlichen Vorteilen. Und das Beste: Du unterstützt mit dem Kauf von regionalem Honig gleichzeitig die Imkerei und damit den Erhalt der Bienen.

Was ist der Hauptgrund für die antibakterielle Wirkung von Manuka-Honig?

Lies auch: Deutschlands Honigsorten - Eine Geschmacksreise durch die Regionen Honig in der Küche: Kochen mit Honig - 10 einfache Rezepte für jeden Tag Honig verkaufen: Vom Glas zum Kunden
Vertiefe dein Wissen

Weitere Artikel