Österreich ist die Wiege der Carnica-Biene und ein Land mit reicher Imkertradition. Alpine Trachten, strenge Regelungen und die Wanderimkerei.
Österreich ist weit mehr als nur das Nachbarland der deutschen Imkerei — es ist die Wiege der Carnica-Biene, einer der weltweit am weitesten verbreiteten Honigbienenrassen. Die Alpenrepublik vereint eine jahrhundertealte Imkertradition mit moderner Forschung, strenge Qualitätsstandards mit regionaler Vielfalt und alpine Herausforderungen mit einzigartigen Trachtmöglichkeiten. Mit rund 31.000 Imkerinnen und Imkern hat Österreich im Verhältnis zur Bevölkerung eine der höchsten Imkerdichten Europas.

Österreichs Imkerei in Zahlen
Österreich hat rund 420.000 Bienenvölker, die von einer Mischung aus Hobby- und Erwerbsimkern betreut werden. Die durchschnittliche Betriebsgröße liegt bei etwa 13 Völkern — deutlich höher als in Deutschland (7–8 Völker). Das zeigt: In Österreich wird die Imkerei traditionell etwas professioneller betrieben.
Die Imkerei-Landschaft
- Kärnten: Heimat der Carnica, starke Zuchtszene
- Steiermark: Obstblüte, Wald, vielfältige Trachten
- Tirol und Vorarlberg: Alpine Imkerei in Extremlagen
- Niederösterreich: Größte Imkerdichte, Weinviertel bis Alpen
- Oberösterreich: Grünland, Wald, starke Vereinsstruktur
- Salzburg: Gebirgstrachten, Almimkerei
- Wien: Stadtimkerei mit langer Tradition
- Burgenland: Pannonisches Klima, Akazienhonig
Die Carnica-Biene: Österreichs größter Beitrag zur Imkerei
Die Kärntner Biene (Apis mellifera carnica) ist die weltweit am weitesten verbreitete Honigbienenrasse nach der Italienischen Biene. Ihre Heimat liegt im Kärntner Alpenraum und auf dem Balkan — und von hier aus hat sie die Imkerei in ganz Mitteleuropa geprägt.
Warum die Carnica so erfolgreich ist
| Eigenschaft | Carnica | Bedeutung für Imker |
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Zucht und Belegstellen
Österreich betreibt ein engmaschiges Netz an Belegstellen für die Carnica-Reinzucht. In isolierten Alpentälern werden kontrollierte Begattungsflüge durchgeführt. Die wichtigsten Zuchtorganisationen:
- Zuchtverband für die Kärntner Biene: Koordiniert die Zucht in Österreich
- ACA (Austrian Carnica Association): Internationale Zuchtkoordination
- Belegstellen in Kärnten: Mehrere isolierte Hochgebirgsstationen
- Leistungsprüfung: Systematische Erfassung von Honigertrag, Sanftmut und Schwarmneigung
In Kärnten gilt ein gesetzliches Reinzuchtgebot für die Carnica-Biene. Das bedeutet: Nur Carnica-Königinnen dürfen in Kärnten gehalten werden. Dieses Gebot schützt die genetische Reinheit der Kärntner Biene an ihrem Ursprungsort — ein weltweit einzigartiges Gesetz zur Bienenrassenschutz.
Trachtregionen Österreichs
Die Alpen: Imkerei in Extremlagen
Die alpine Imkerei in Tirol, Salzburg und Vorarlberg ist eine besondere Herausforderung. Bienenstände auf 1.000–1.800 m Höhe haben eine kurze, aber intensive Saison:
Alpine Trachten:
- Alpenrosenhonig: Aus Rhododendron-Blüten in den Hochlagen, selten und teuer
- Almkräuterhonig: Mischung aus Bergkräutern, Klee und Wildblumen
- Gebirgs-Waldhonig: Aus Fichten- und Tannenwäldern der mittleren Höhenlagen
- Löwenzahnhonig: Auf den Bergwiesen, kräftig gelb und süß
Die Herausforderungen sind beträchtlich: Kurze Saison (Mai bis August), Wetterumschwünge, schwieriger Zugang und das Risiko von Schneeeinbrüchen bis in den Juni. Dafür belohnt die alpine Imkerei mit einzigartigen Aromen, die das Terroir der Berglandschaft widerspiegeln.

Kärnten und Steiermark: Das Herz der Imkerei
Kärnten und die Steiermark bilden das Zentrum der österreichischen Imkerei. Die Mischung aus Obstbau (besonders in der Südsteiermark), Waldwirtschaft und alpiner Landschaft bietet optimale Bedingungen.
Steirische Besonderheiten:
- Obstblütenhonig: Apfel-, Kirsch- und Birnentracht in der Südsteiermark
- Edelkastanienhonig: In den Wärmelagen der südlichen Steiermark
- Kürbisblütenhonig: Die Steiermark ist Kürbisland — und die Blüten bieten Nektar
- Waldhonig: Aus den ausgedehnten Nadelwäldern des Mur- und Mürztals
Niederösterreich: Die größte Imkerschaft
Niederösterreich hat die meisten Imker aller österreichischen Bundesländer. Die Landschaft reicht vom warmen Weinviertel über das Mostviertel bis zu den Voralpen:
- Weinviertel: Raps, Sonnenblumen, warmes Klima — hohe Erträge
- Wachau: Obstblüte und Marillentracht — einzigartiger Blütenhonig
- Mostviertel: Obstbaumwiesen, Mischwald, vielfältige Trachten
- Waldviertel: Kühlere Lagen, Wald und Heide
Wien: Die kaiserliche Bienenstadt
Wien hat eine überraschend lange Imkertradition. Schon Kaiserin Maria Theresia förderte die Bienenzucht. Heute stehen auf den Dächern der Wiener Staatsoper, des Naturhistorischen Museums und zahlreicher Gemeindewohnbauten Bienenvölker. Der Wiener Stadthonig ist ein beliebtes Souvenir.
Burgenland: Pannonisches Klima
Das Burgenland profitiert vom pannonischen Klima — heiße Sommer, wenig Regen. Hier gedeiht die Akazie (Robinie) besonders gut, und der burgenländische Akazienhonig gehört zu den feinsten Sortenhonigen Österreichs: wasserklar, mild und langsam kristallisierend.
Österreichische Regelungen und Besonderheiten
Rechtlicher Rahmen
Die Imkerei ist in Österreich Ländersache — jedes Bundesland hat eigene Bienenzuchtgesetze. Gemeinsame Grundsätze:
- Meldepflicht: Alle Bienenvölker müssen bei der Bezirkshauptmannschaft gemeldet werden
- Wanderimkerei: Gesundheitszeugnis und Wanderbescheinigung erforderlich
- Seuchenbekämpfung: Strenge Vorschriften bei Faulbrut und Varroa
- Bienenschutzgesetz: Schutz vor Vergiftung durch Pflanzenschutzmittel
In Österreich können Imker das AMA-Gütesiegel für ihren Honig beantragen. Die Anforderungen sind streng: Herkunft aus Österreich, regelmäßige Qualitätskontrollen und die Einhaltung von Produktionsstandards, die über die EU-Honigverordnung hinausgehen. Das Gütesiegel genießt hohes Verbrauchervertrauen.
Honigverordnung und Qualitätsstandards
Österreich hat traditionell höhere Qualitätsstandards als das EU-Mindestmaß:
- Wassergehalt: Maximal 18 % (strenger als die EU-Norm von 20 %)
- HMF-Wert: Maximal 15 mg/kg für AMA-Honig (EU erlaubt 40 mg/kg)
- Herkunftskennzeichnung: Klare Angabe „Österreichischer Honig" verlangt
- Keine Mischung mit EU- oder Nicht-EU-Honig für AMA-Gütesiegel
Wanderimkerei in Österreich
Die Wanderimkerei hat in Österreich eine lange Tradition. Die topografische Vielfalt — von 115 m (Neusiedler See) bis über 3.000 m — ermöglicht es, verschiedene Höhenstufen und damit unterschiedliche Blütezeiten gezielt anzufahren.
Frühjahr: Obstblüte im Süden (März–April)
Start in den warmen Lagen der Südsteiermark oder des Burgenlands. Die Obstblüte beginnt hier 2–3 Wochen früher als in den Alpen. Apfel-, Kirsch- und Marillentracht liefern den ersten Honig des Jahres.
Frühsommer: Akazie oder Raps (Mai–Juni)
Wanderung ins Burgenland (Akazie) oder ins Weinviertel (Raps). Beide Trachten sind ergiebig und liefern sortenreine Honige mit hohem Marktwert.
Sommer: Wald und Alm (Juni–August)
Die ergiebigste Phase: Waldhonig aus den Nadelwäldern der Voralpen oder Almtracht in den Hochlagen. In guten Waldhonigjahren können die Erträge hier 30–50 kg pro Volk erreichen.
Spätsommer: Zurück zum Heimatstand (August)
Auffütterung, Varroa-Behandlung und Vorbereitung auf den Winter. In Österreich beginnt die Winterfütterung oft schon Mitte August, besonders in den Alpenlagen.
Wanderimkerei-Infrastruktur
Österreich hat eine gut ausgebaute Infrastruktur für Wanderimker:
- Wanderlehrer der Landesverbände beraten über optimale Standorte und Zeitpunkte
- Wald-Trachtbeobachtung organisiert durch das Bienenzentrum Oberösterreich
- Wanderplätze in Absprache mit Gemeinden und Waldbesitzern
- Veterinärbescheinigungen über das Digitale Veterinärprogramm (VIS)
Österreichische Imkerorganisationen
Biene Österreich
Biene Österreich ist der Dachverband der österreichischen Imkerschaft und vertritt die Interessen der Imker auf Bundesebene. Er koordiniert:
- Lobbying bei EU-Agrarreformen
- Nationale Honigqualitätsprogramme
- Öffentlichkeitsarbeit und Imagekampagnen
Landesverbände
Jedes Bundesland hat seinen eigenen Landesverband:
- Kärntner Imkerverband: Fokus auf Carnica-Zucht
- Steirischer Imkerverband: Größter Landesverband
- Tiroler Imkerverband: Spezialist für alpine Imkerei
- Niederösterreichischer Imkerverband: Meiste Mitglieder
AGES — Bienenkunde
Die Österreichische Agentur für Gesundheit und Ernährungssicherheit (AGES) betreibt am Standort Wien-Mödling ein Bienenkundeinstitut, das für Forschung, Diagnostik und Beratung zuständig ist.

Herausforderungen
Kleine Betriebsstrukturen
Obwohl die durchschnittliche Völkerzahl höher ist als in Deutschland, kämpfen viele österreichische Imker mit der Wirtschaftlichkeit. Die Produktionskosten in Alpenlagen sind hoch, und der Import billiger Honige aus Nicht-EU-Ländern drückt die Preise. Das AMA-Gütesiegel hilft, sich vom Importangebot abzuheben.
Klimawandel in den Alpen
Die Alpen erwärmen sich doppelt so schnell wie der globale Durchschnitt. Für die Imkerei bedeutet das:
- Verschobene Blütezeiten und höheres Spätfrostrisiko
- Veränderte Honigtauproduktion in den Wäldern
- Neue Schädlinge, die aus dem Süden einwandern
- Mehr Extremwetterereignisse (Starkregen, Hagel)
Bärenpopulation
Ein ungewöhnliches Thema: Mit der Rückkehr des Braunbären in die Ostalpen (Kärnten, Steiermark) gibt es vereinzelt Konflikte mit der Bienenhaltung. Bären reißen Bienenstöcke auf, um an die Brut und den Honig zu gelangen. Elektrozäune bieten Schutz.
Fazit: Österreich — Tradition und Innovation im Alpenland
Österreich ist ein Imkerland mit Charakter: Die Carnica-Biene als genetisches Erbe, der strenge Qualitätsanspruch des AMA-Gütesiegels, die alpine Herausforderung und die reiche Vereinskultur formen eine Imkerei, die Tradition und Moderne verbindet. Für deutsche Imker ist der Blick über die Grenze besonders lohnend — viele Innovationen in der Carnica-Zucht, der Qualitätssicherung und der Wanderimkerei kommen aus Österreich.
Warum ist Kärnten für die Imkerei von besonderer Bedeutung?
- Fortgeschrittene Imkerpraxis -- Lektion 7: Zuchtauslese und Bienenrassen
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