Stadtimkerei Berlin: Hauptstadt der Bienen
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Stadtimkerei Berlin: Hauptstadt der Bienen

9 minVon Hivekraft Redaktion
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Berlin ist Deutschlands heimliche Bienenhauptstadt: Dachimkerei, Gemeinschaftsgärten und erstaunlich guter Stadthonig. Ein Guide für Berliner Imker.

Berlin ist Europas grünste Hauptstadt — und Deutschlands heimliche Bienenhauptstadt. Mit geschätzten 3.000 Imkerinnen und Imkern und mehr als 15.000 Bienenvölkern im Stadtgebiet hat Berlin eine der höchsten Bienendichten aller deutschen Städte. Auf Dächern, in Kleingärten, Gemeinschaftsgärten und sogar auf dem Gelände des Bundestags summen Bienen — und ihr Honig erzählt die Geschichte der vielfältigsten Stadt Deutschlands.

Bienenstöcke auf einem urbanen Dach mit Stadtpanorama
Dachimkerei in Berlin — Bienenstöcke über den Dächern der Hauptstadt

Berlin: Eine Stadt wie ein Bienenparadies

Auf den ersten Blick scheint eine 3,7-Millionen-Stadt kein idealer Ort für Bienen. Doch Berlin widerlegt diese Annahme gründlich. Die Stadt hat mehr Grünfläche pro Kopf als jede andere europäische Metropole: Parks, Friedhöfe, Kleingärten, Straßenbäume und Brachflächen bilden ein dichtes Netz an Trachtquellen.

~15.000
Bienenvölker im Berliner Stadtgebiet — Tendenz steigend

Warum Berlin für Bienen funktioniert

  • 44 % Grünfläche: Berlin besteht fast zur Hälfte aus Parks, Wäldern und Gewässern
  • Artenreiche Bepflanzung: Parks und Gärten bieten exotische und heimische Blüten
  • Langer Blühkalender: Von Krokus (Februar) bis Efeu (Oktober) — 8 Monate Tracht
  • Wärmeinsel: 2–3 °C wärmer als das Umland — längere Flugsaison
  • Wenig Pestizide: Im Stadtgebiet werden kaum Pflanzenschutzmittel eingesetzt

Die Berliner Trachtlandschaft

Frühjahr: Krokus bis Kastanie

Berlin startet früh in die Saison. Die städtische Wärmeinsel und die vielen Frühblüher in Parks und Gärten sorgen dafür, dass Bienen oft schon Mitte Februar die ersten Sammelflüge unternehmen.

Wichtige Frühtrachten:

  • Krokus und Winterling (Februar–März): In den Parks und Friedhöfen
  • Weide (März–April): Besonders am Müggelsee und in der Wuhlheide
  • Obstblüte (April–Mai): In den Kleingärten und im Werderaner Umland
  • Rosskastanie (Mai): Die großen Kastanienalleen des Kurfürstendamms und der Straße des 17. Juni

Frühsommer: Die große Lindenblüte

Die Linde ist Berlins wichtigste Einzeltracht. Die berühmte Straße „Unter den Linden" trägt ihren Namen nicht umsonst — und sie ist nur eine von tausenden Lindenstandorten in der Stadt. Berlin hat einen der größten Lindenbestände aller europäischen Städte.

Berliner Lindenhonig:

  • Blütezeit: Mitte Juni bis Mitte Juli (je nach Art: Winterlinde, Sommerlinde, Silberlinde)
  • Geschmack: Frisch, leicht mentholisch, mit blumiger Note
  • Farbe: Hellgelb bis goldgelb
  • Ertrag: In guten Jahren 15–25 kg pro Volk allein aus Linde
Berlins Lindenvielfalt

Berlin beherbergt drei Lindenarten, die nacheinander blühen: Die Sommerlinde (Tilia platyphyllos) ab Anfang Juni, die Winterlinde (Tilia cordata) ab Mitte Juni und die Silberlinde (Tilia tomentosa) bis Mitte Juli. Zusammen ergibt das eine Lindenblüte von 4–6 Wochen — ein gewaltiges Trachtfenster.

Bienen an Lindenblüten
Lindenblüte — Berlins wichtigste Honigtracht

Sommer und Herbst: Vielfalt bis in den Oktober

Nach der Lindenblüte bieten Berlins Parks und Gärten noch reichlich Tracht:

  • Robinie/Akazie (Juni): In den östlichen Bezirken große Bestände
  • Götterbaum (Juli): Invasiver Neophyt, aber gute Bienenweide
  • Phacelia und Sonnenblumen (Juli–August): In den Kleingärten
  • Efeu (September–Oktober): Berlins unterschätzte Spättracht — blüht, wenn kaum noch etwas anderes Nektar bietet

Berliner Imker-Szene: Vielfältig und kreativ

Gemeinschaftsgärten und Bienen

Berlin ist die Hauptstadt der Urban-Gardening-Bewegung, und Bienen sind ein integraler Teil davon:

Prinzessinnengärten (Kreuzberg): Einer der bekanntesten Gemeinschaftsgärten Deutschlands. Hier standen von Anfang an Bienenvölker, die Teil des ganzheitlichen Gartenkonzepts sind. Die Prinzessinnengärten haben die Stadtimkerei in Berlin maßgeblich popularisiert.

Allmende-Kontor (Tempelhofer Feld): Auf dem ehemaligen Flughafen Tempelhof betreiben Hobby-Gärtner und Imker gemeinsam Beete und Bienenstöcke — mitten auf einer der größten innerstädtischen Freiflächen der Welt.

Himmelbeet (Wedding): Interkultureller Gemeinschaftsgarten mit Bienenvölkern, der Imkerei als Teil der Umweltbildung versteht.

Prominente Bienenstandorte

Berlin hat einige der ungewöhnlichsten Bienenstandorte Deutschlands:

  • Bundestag/Reichstag: Auf dem Dach des Abgeordnetenhauses stehen Bienenvölker
  • Berliner Dom: Bienen auf dem Kirchendach — Honig wird im Domshop verkauft
  • Charité: Bienenvölker auf dem Gelände der berühmten Universitätsklinik
  • Markthalle Neun (Kreuzberg): Hauseigener Honig aus Dachbienenvölkern
  • KaDeWe: Das Luxuskaufhaus hat eigene Dach-Bienen
  1. Imkerkurs besuchen

    In Berlin gibt es zahlreiche Anfängerkurse — vom klassischen Vereinskurs bis zum hippen Workshop in Kreuzberg. Die Berliner Imkerverbände, aber auch private Initiativen wie „Stadtbienen e.V." und „Berlin summt!" bieten Einstiegskurse an.

  2. Standort finden

    Kleingarten, Dach, Gemeinschaftsgarten oder Hinterhof — Berlin bietet viele Möglichkeiten. In vielen Kleingartenvereinen ist Bienenhaltung erlaubt und sogar erwünscht. Für Dachstandorte brauchst du die Zustimmung des Hauseigentümers und eventuell eine statische Prüfung.

  3. Beim Bezirk anmelden

    In Berlin muss jeder Bienenhalter seine Völker beim zuständigen Veterinär- und Lebensmittelaufsichtsamt des Bezirks anmelden. Das ist Pflicht und dient der Seuchenüberwachung. Die Anmeldung ist kostenlos und unkompliziert.

  4. Nachbarn informieren

    In einer dicht besiedelten Stadt wie Berlin ist Kommunikation entscheidend. Informiere deine Nachbarn über die Bienenhaltung, beantworte Fragen freundlich und verschenke ein Glas Honig — das schafft Akzeptanz.

Berliner Imkervereine und Organisationen

Imkerverband Berlin e.V.

Der Dachverband der Berliner Imker organisiert über 20 Bezirksvereine und bietet:

  • Anfängerkurse und Fortbildungen
  • Honigprüfung und Beratung
  • Schwarmfänger-Netzwerk (besonders im Sommer stark nachgefragt)
  • Rechtsberatung für Stadtimker

Stadtbienen e.V.

Der Verein Stadtbienen hat die urbane Imkerei in Berlin revolutioniert. Mit der „BienenBox" — einer kompakten Beute für Balkone und kleine Flächen — hat Stadtbienen tausenden Berlinern den Einstieg erleichtert. Der Verein bietet:

  • Patenschaften für Bienenvölker
  • Online-Kurse und Workshops
  • Beratung zur artgerechten Stadthaltung

Berlin summt!

Die Initiative „Berlin summt!" war Vorreiter der gleichnamigen bundesweiten Kampagne. Sie platziert Bienenvölker auf prominenten Gebäuden und nutzt die Aufmerksamkeit, um auf den Insektenschutz aufmerksam zu machen.

Bienenstöcke in einem Hinterhofgarten
Kleingarten-Imkerei — in Berlin der klassische Einstieg

Stadthonig: Qualität und Besonderheiten

Ist Stadthonig sauber?

Eine der häufigsten Fragen: Ist Honig aus der Großstadt überhaupt genießbar? Die Antwort: Ja, und oft sogar besser als Landhonig. Mehrere Studien, darunter Untersuchungen der Freien Universität Berlin, haben gezeigt:

ParameterStadthonig BerlinLandhonig Brandenburg

Die minimal erhöhten Schwermetallwerte liegen weit unter den gesetzlichen Grenzwerten und sind gesundheitlich unbedenklich. Gleichzeitig profitiert Berliner Honig von der geringeren Pestizidbelastung im Vergleich zu landwirtschaftlich intensiv genutzten Regionen.

Berliner Honig als Marke

Berliner Stadthonig hat sich zu einem Lifestyle-Produkt entwickelt. Honig mit Bezirks-Bezeichnung — „Kreuzberger Lindenhonig", „Prenzlauer Berg Sommerhonig" oder „Neuköllner Akazienhonig" — erzielt Premiumpreise von 8–15 EUR pro 250g-Glas. Das Storytelling funktioniert: Jeder Bezirk hat seinen eigenen Charakter, und der Honig spiegelt die lokale Flora wider.

Honig als Souvenir

Berliner Stadthonig eignet sich hervorragend als Souvenir und Geschenk. Gestalte ansprechende Etiketten mit Bezirksnamen und Berliner Motiven. Auf Märkten wie dem Mauerpark-Flohmarkt oder der Markthalle Neun ist Berliner Honig ein Verkaufsschlager.

Herausforderungen der Berliner Stadtimkerei

Übervölkerung: Zu viele Bienen?

Die wachsende Begeisterung für die Stadtimkerei hat in Berlin zu einer Debatte geführt: Gibt es zu viele Honigbienen? Mit geschätzten 15.000 Völkern auf 891 km² ist die Bienendichte hoch. Kritiker warnen vor:

  • Nahrungskonkurrenz mit Wildbienen und anderen Bestäubern
  • Erhöhtem Seuchenrisiko durch die räumliche Nähe der Völker
  • Schwarmproblematik in dicht besiedelten Gebieten

Die Berliner Imkerschaft reagiert mit Aufklärung und Selbstregulierung: Nicht jeder Balkon braucht Bienen, und qualifizierte Ausbildung ist wichtiger als die reine Menge.

Schwärme in der Stadt

Bienenschwärme in der Großstadt sorgen regelmäßig für Schlagzeilen und verunsicherte Passanten. Der Berliner Imkerverband betreibt ein Schwarmfänger-Netzwerk, das schnell reagiert. In den Sommermonaten Mai und Juni werden in Berlin hunderte Schwärme eingefangen — von Ampeln, Fahrrädern, S-Bahn-Stationen und Balkonen.

Schwarmprävention ist Pflicht

In der Stadt ist Schwarmprävention besonders wichtig. Ein Schwarm auf dem Nachbarbalkon oder an der Bushaltestelle erzeugt Ärger und schlechte Presse für alle Stadtimker. Kontrolliere deine Völker ab April wöchentlich auf Schwarmzellen und handle rechtzeitig.

Vandalismus und Diebstahl

Leider sind Bienenvölker in öffentlich zugänglichen Bereichen nicht immer sicher. Vandalismus an Beuten und sogar Diebstahl ganzer Völker kommen in Berlin vor. Gegenmaßnahmen:

  • Standorte in umzäunten Bereichen (Kleingärten, Firmengelände)
  • Unauffällige Aufstellung
  • Kontakt zu Nachbarn als soziale Kontrolle
  • Digitale Überwachung mit Stockwaagen und Sensoren

Berlin vs. Brandenburg: Stadt und Land

Viele Berliner Imker haben neben ihrem Stadtstand auch Völker im Brandenburger Umland. Die Kombination bietet Vorteile:

  • Stadt: Vielfältiger Mischhonig, lange Saison, gute Nachfrage
  • Land: Sortenhonig (Raps, Linde, Akazie), höhere Erträge, mehr Platz

Brandenburg ist die „Kornkammer" der Region: Raps, Sonnenblumen und die großen Kiefernwälder (Kiefernhonig!) bieten Trachten, die es in der Stadt nicht gibt. Die S-Bahn-Anbindung macht das Pendeln zwischen Stadt- und Landstand praktikabel.

Praxis-Tipps für Berliner Stadtimker

Beutentypen für die Stadt

In Berlin haben sich verschiedene Beutentypen etabliert:

  • Zander/DNM Magazine: Der Klassiker, auch in der Stadt bewährt
  • BienenBox: Kompaktes Einraumsystem für Balkone und kleine Flächen
  • Top-Bar Hive: Einfache Bauweise, beliebt in der alternativen Szene
  • Warré-Beute: Extensive Bienenhaltung mit wenig Eingriffen

Beste Standorte nach Bezirk

  • Kreuzberg/Neukölln: Viele Kleingärten, Gemeinschaftsgärten, Hinterhöfe
  • Pankow/Prenzlauer Berg: Große Parks (Volkspark Friedrichshain), Friedhöfe
  • Spandau: Stadtrand mit Waldnähe (Spandauer Forst)
  • Treptow-Köpenick: Grünster Bezirk, Müggelsee, Wuhlheide
  • Steglitz-Zehlendorf: Villengrundstücke, Botanischer Garten

Fazit: Berlin — die summende Hauptstadt

Berlin zeigt, dass Großstadt und Bienenhaltung nicht nur vereinbar sind, sondern sich gegenseitig bereichern. Die Stadt bietet Bienen eine erstaunliche Trachtvielfalt, wenig Pestizide und ein mildes Mikroklima. Gleichzeitig profitiert Berlin von der Bestäubungsleistung, dem wachsenden Bewusstsein für Insektenschutz und einem einzigartigen Stadthonig, der die Vielfalt der Metropole im Glas einfängt. Wer in Berlin imkert, ist Teil einer lebendigen, kreativen Gemeinschaft — und produziert Honig, der eine ganze Stadt schmeckt.

Welche Baumart liefert die wichtigste Einzeltracht für Berliner Stadtbienen?

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