Imkerei in NRW: Urban Beekeeping im Industrieland
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Imkerei in NRW: Urban Beekeeping im Industrieland

8 minVon Hivekraft Redaktion
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Imkern in Nordrhein-Westfalen: Stadtimkerei im Ruhrgebiet, Rheinische Trachten und warum NRW das vielfältigste Imkerland Deutschlands ist.

Nordrhein-Westfalen ist das bevölkerungsreichste Bundesland Deutschlands — und ein überraschend spannendes Imkerland. Vom urban geprägten Ruhrgebiet über die Rheinauen bis zum Sauerland und der Eifel bietet NRW eine Vielfalt, die viele unterschätzen. Mit rund 18.000 Imkerinnen und Imkern und einer blühenden Urban-Beekeeping-Szene ist NRW längst mehr als nur Industrieland.

Bienenstöcke auf einem Stadtdach
Dachimkerei im urbanen Raum — in NRW ein wachsender Trend

NRW: Vielfalt auf kleinem Raum

Kaum ein Bundesland vereint so unterschiedliche Landschaften und Lebensräume wie NRW. Das spiegelt sich direkt in der Imkerei wider:

  • Ruhrgebiet und Städte: Dachimkerei, Parkanlagen, Kleingärten — überraschend gute Stadttrachten
  • Rheinebene: Obstanbau, Auenlandschaften, Linden in den Altstädten
  • Münsterland: Landwirtschaft, Raps, Wiesen — klassische Trachten
  • Sauerland und Siegerland: Mittelgebirge mit Wald- und Heidetrachten
  • Eifel: Wildkräuter, Buchenwälder, extensive Landwirtschaft
~18.000
Imker in NRW — zweitgrößte Imkerschaft nach Bayern

Urban Beekeeping: Die Ruhrgebiets-Revolution

Das Ruhrgebiet hat sich in den letzten zehn Jahren zu einem der dynamischsten Urban-Beekeeping-Zentren Deutschlands entwickelt. Wo einst Zechen rauchten, summen heute Bienen auf Dächern, in Parks und auf ehemaligen Industriebrachen.

Warum Städte für Bienen funktionieren

Die Stadtimkerei in NRW widerlegt das Vorurteil, dass Bienen nur auf dem Land gedeihen:

MerkmalStadt (Ruhrgebiet)Land (Münsterland)

Hotspots der Stadtimkerei in NRW

Köln: Die Domstadt ist ein Paradies für Stadtbienen. Der Grüngürtel, der Rheinpark und unzählige Kleingärten bieten reichlich Tracht. Der Kölner Imkerverein ist einer der aktivsten urbanen Vereine Deutschlands und betreibt einen Lehrbienenstand im Stadtgebiet.

Düsseldorf: Auf den Dächern der Landeshauptstadt stehen mittlerweile hunderte Bienenvölker. Das Projekt „Düsseldorf summt" hat die Stadtimkerei hier populär gemacht.

Dortmund: Die ehemalige Stahlstadt zeigt exemplarisch den Strukturwandel: Auf dem Gelände des alten Hoesch-Stahlwerks (Phoenix-See) stehen heute Bienenvölker, und der Westfalenpark beherbergt einen der schönsten Lehrbienenstände des Ruhrgebiets.

Essen: Die Grüne Hauptstadt Europas 2017 hat Bienen als Teil ihres Konzepts integriert. Das Bienenmuseum in Essen-Kupferdreh zeigt die Geschichte der Imkerei im Ruhrgebiet.

Bochum: Die Ruhr-Universität Bochum betreibt eigene Bienenvölker zu Forschungszwecken und bietet Kurse für Studierende an.

Stadtimkerei starten in NRW

Wenn du in einer NRW-Stadt mit dem Imkern beginnen willst, kontaktiere zuerst deinen lokalen Imkerverein. Die meisten bieten Anfängerkurse an und helfen bei der Standortsuche. In Köln, Düsseldorf und dem Ruhrgebiet gibt es zudem zahlreiche private Initiativen, die Dachflächen für Bienenvölker bereitstellen.

Industriebrachen als Bienenweiden

Eine Besonderheit des Ruhrgebiets: Die zahlreichen ehemaligen Industriebrachen haben sich zu wertvollen Biotopen entwickelt. Auf den nährstoffarmen, offenen Flächen wachsen Pionierpflanzen wie Natternkopf, Wilde Möhre, Steinklee und Weidenröschen — ein Schlaraffenland für Bienen und Wildbienen.

Bekannte Brachen-Biotope:

  • Zollverein (Essen): UNESCO-Welterbe mit artenreicher Flora auf dem Zechengelände
  • Landschaftspark Duisburg-Nord: Stillgelegtes Hüttenwerk mit vielfältiger Vegetation
  • Halde Hoheward (Herten): Renaturierte Bergbauhalde mit Blühflächen
  • Emscher-Umbau: Die Renaturierung der Emscher schafft neue Auenlandschaften

Die Trachten Nordrhein-Westfalens

Frühjahr: Obstblüte und Raps

Das Rheinland und das Münsterland bieten im Frühjahr reichlich Tracht:

Obstblüte (April–Mai): Besonders im Rheinischen Obstanbaugebiet um Meckenheim und im Bergischen Land blühen Kirsche, Apfel und Birne. Die Obstblüte liefert aromatischen, hellen Honig mit feinem, fruchtigen Geschmack.

Raps (April–Mai): Im Münsterland, in der Soester Börde und am Niederrhein stehen große Rapsflächen. Rapshonig ist die ertragreichste Einzeltracht in NRW.

Löwenzahn (April–Mai): Auf den Grünlandflächen des Bergischen Lands und des Sauerlandes bieten ausgedehnte Löwenzahnwiesen eine zuverlässige Frühtracht.

Kirschblütenzweig im Frühling
Obstblüte im Rheinland — eine der ersten wichtigen Trachten des Jahres

Sommer: Linde, Edelkastanie und Wald

Linde (Juni–Juli): NRW hat einen ausgezeichneten Lindenbestand — besonders die Städte Köln, Bonn, Münster und Düsseldorf sind von Lindenalleen geprägt. Der Lindenhonig aus NRW ist hell, frisch und leicht mentholisch.

Edelkastanie (Juni–Juli): Im Siebengebirge, in der Eifel und im Bergischen Land stehen Edelkastanienbestände, die einen würzig-herben Honig mit leichter Bitternote liefern.

Waldhonig (Juni–August): Das Sauerland und die Eifel bieten in guten Jahren Waldhonig aus Fichten- und Tannenbeständen. Die Erträge schwanken stark.

Spätsommer: Spättrachten

Springkraut (August–September): Das Indische Springkraut (Impatiens glandulifera) hat sich an vielen Bachläufen NRWs ausgebreitet und bietet eine willkommene Spättracht. Der Honig ist hell und mild, wird allerdings kontrovers diskutiert, da das Springkraut ein invasiver Neophyt ist.

Heide (August–September): In der Senne bei Bielefeld und auf den Höhen des Sauerlandes gibt es Heidebestände, die eine späte Tracht bieten — kleiner als die Lüneburger Heide, aber für lokale Imker wertvoll.

Imkervereine und Organisationen in NRW

NRW hat eine gut organisierte Imkerschaft mit starken Verbänden:

Landesverband Westfälischer und Lippischer Imker e.V.

Der LWL-Imkerverband betreut die Imker in Westfalen-Lippe (östliches NRW). Er bietet:

  • Anfänger- und Fortbildungskurse
  • Honigprüfung und DIB-Zulassung
  • Rechtsberatung und Versicherung
  • Bienenzucht und Belegstellenbetrieb

Imkerverband Rheinland e.V.

Der Rheinische Imkerverband ist für das westliche NRW zuständig. Neben den üblichen Verbandsleistungen hat er sich besonders um die Förderung der Stadtimkerei verdient gemacht.

Bieneninstitut der Landwirtschaftskammer NRW

Das Bieneninstitut Münster (vormals Mayen, seit 2024 in Münster) ist die zentrale Forschungs- und Beratungseinrichtung für die Imkerei in NRW. Es bietet:

  • Bienengesundheitsuntersuchungen
  • Honiganalysen
  • Fortbildungen und Fachtagungen
  • Beratung bei Vergiftungsverdacht
Förderprogramme

NRW fördert die Imkerei über das Landesumweltministerium und die Landwirtschaftskammer. Fördermöglichkeiten gibt es für Anfängerausstattung, Bienenweiden und die Aus- und Fortbildung von Imkern. Informiere dich bei deinem Kreisimkerverein über aktuelle Programme.

Besondere Herausforderungen in NRW

Hohe Bienendichte in den Städten

Die wachsende Beliebtheit der Stadtimkerei hat in einigen NRW-Städten zu einer hohen Bienendichte geführt. In Köln und Düsseldorf stehen teilweise mehr als 15 Völker pro Quadratkilometer. Das kann zu Problemen führen:

  • Konkurrenz um Trachtquellen — auch mit Wildbienen
  • Erhöhtes Seuchenrisiko durch räumliche Nähe
  • Schwarmfänge in dicht besiedelten Gebieten werden aufwändiger
Verantwortungsbewusst imkern

Mehr Bienen bedeuten nicht automatisch mehr Naturschutz. Achte auf eine angemessene Völkerzahl und vergiss nicht: Honigbienen konkurrieren mit den oft stärker bedrohten Wildbienen um Nahrung. Im Idealfall kombinierst du deine Imkerei mit Maßnahmen für Wildbienen — zum Beispiel mit Nisthilfen und heimischen Blühpflanzen.

Agrare Monokulturen im Münsterland

Das Münsterland und die Soester Börde sind intensiv landwirtschaftlich genutzt. Nach der Rapsblüte herrscht oft eine ausgeprägte Trachtlücke, weil Mais und Getreide den Bienen nichts bieten. Blühstreifen-Programme und die Zusammenarbeit mit Landwirten gewinnen hier an Bedeutung.

Autobahnnetze und Verkehr

NRW hat das dichteste Autobahnnetz Deutschlands. Für Wanderimker bedeutet das zwar gute Erreichbarkeit, aber auch Risiken durch Verkehr für die Bienen. Standorte direkt an vielbefahrenen Straßen sind nicht ideal — Abgase und Feinstaub können den Honig belasten.

Praxis-Tipps für NRW-Imker

  1. Standort clever wählen

    In NRW hast du die Wahl zwischen Stadt und Land. Beide haben Vorteile. In der Stadt profitierst du von der Trachtvielfalt, auf dem Land von den Rapserträgen. Ideal: Ein Stadtstand für die Grundversorgung und ein Wanderstand für die Rapstracht.

  2. Vereinsnetzwerk nutzen

    NRW hat über 500 Imkervereine. Nutze diese Infrastruktur: Anfängerkurse, Patenschaften, Honigprüfung und gemeinschaftliche Gerätenutzung (Schleuder, Wachsschmelzer) machen den Einstieg einfacher und günstiger.

  3. Rheinische Spezialitäten entdecken

    Probiere die regionalen Besonderheiten: Edelkastanienhonig aus dem Siebengebirge, Lindenhonig aus Kölner Alleen oder Waldhonig aus dem Sauerland. Regionale Honigsorten erzielen bei der Direktvermarktung Premiumpreise.

  4. Digital arbeiten

    Die kurzen Wege in NRW machen es leicht, mehrere Standorte zu betreuen. Eine digitale Stockkarte wie Hivekraft hilft dir, den Überblick zu behalten — besonders wenn du Stadt- und Landstandorte kombinierst.

Vorzeigeprojekte der NRW-Imkerei

„Bienen machen Schule"

Zahlreiche Schulen in NRW betreiben eigene Bienenvölker. Das Projekt verbindet Naturwissenschaft, Umweltbildung und praktisches Lernen. Imkervereine stellen oft Paten, die die Schulimkerei begleiten.

Bienenweiden auf Industriebrachen

Das Programm „Industrienatur" des Regionalverbands Ruhr fördert die Anlage von Blühflächen auf ehemaligen Industriebrachen. Diese Flächen sind nicht nur für Honigbienen wertvoll, sondern auch für seltene Wildbienenarten.

Firmenbienen

Immer mehr NRW-Unternehmen stellen Bienenvölker auf ihrem Firmengelände auf — vom Chemiepark in Leverkusen bis zum Technologiepark in Aachen. Der Firmenhonig dient als Mitarbeitergeschenk und Nachhaltigkeitssymbol.

Imkervereinstreffen mit Teilnehmern
Imkervereine in NRW — starke Gemeinschaften für Anfänger und Profis

Fazit: NRW — unterschätzt und voller Möglichkeiten

Nordrhein-Westfalen ist ein Imkerland der Kontraste: Dachimkerei auf dem Zollverein-Gelände, Rapstracht im Münsterland, Waldhonig im Sauerland und Edelkastanie im Siebengebirge. Die dichte Besiedlung, die starke Vereinskultur und die Pionierarbeit in der Stadtimkerei machen NRW zu einem der spannendsten Imkerstandorte Deutschlands. Wer hier imkert, findet eine lebendige Gemeinschaft und überraschend vielfältige Trachtmöglichkeiten.

Warum sind ehemalige Industriebrachen im Ruhrgebiet für Bienen wertvoll?

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