Imkerei in der Schweiz: Bergimkerei und Tradition
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Imkerei in der Schweiz: Bergimkerei und Tradition

9 minVon Hivekraft Redaktion
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Schweizer Imkerei: Von der Bergimkerei in den Alpen über BienenSchweiz bis zu den strengen Qualitätsstandards. Ein umfassender Überblick.

Die Schweiz ist ein Land der Extreme — und das gilt auch für die Imkerei. Bienenstände auf über 2.000 Metern Höhe, strenge Qualitätsstandards, die zu den höchsten der Welt gehören, und eine Imkergemeinschaft, die ihre Traditionen pflegt, ohne den Blick in die Zukunft zu verlieren. Mit rund 17.500 Imkerinnen und Imkern und einem der höchsten Honigpreise Europas ist die Schweizer Imkerei einzigartig — und für den deutschsprachigen Raum ein faszinierendes Vorbild.

Bienenstand auf einer Wildblumenwiese mit Bergkulisse
Schweizer Bergimkerei — Bienenhaltung in atemberaubender Landschaft

Die Schweizer Imkerei im Überblick

~17.500
Imker in der Schweiz — eine der höchsten Imkerdichten weltweit

Die Schweiz hat trotz ihrer geringen Größe eine bemerkenswerte Imkereitradition. Einige Kennzahlen:

  • ~170.000 Bienenvölker im ganzen Land
  • Durchschnittlich 10 Völker pro Imker
  • Honigproduktion: 2.000–3.500 Tonnen pro Jahr (je nach Saison)
  • Selbstversorgungsgrad: Nur rund 30–40 % — die Schweiz importiert mehr Honig als sie produziert
  • Honigpreis: 18–30 CHF pro 500g-Glas — einer der höchsten Preise weltweit

Sprachregionen und Imkerei

Die viersprachige Schweiz hat auch in der Imkerei regionale Unterschiede:

  • Deutschschweiz: Größte Imkerschaft, starke Vereinskultur, CH-Kasten verbreitet
  • Romandie (Westschweiz): Französischsprachig, stärkerer Einfluss der französischen Imkertradition
  • Tessin: Italienischsprachig, mediterrane Trachten, Edelkastanie
  • Rätoromanisch: Kleine Gemeinschaft in Graubünden, alpine Spezialitäten

BienenSchweiz: Der Dachverband

BienenSchweiz (ehemals VDRB — Verein Deutschschweizer und Rätoromanischer Bienenfreunde) ist der Dachverband der Schweizer Imkerschaft und einer der am besten organisierten Imkerverbände Europas. Er vereint die deutschsprachigen und rätoromanischen Sektionen, während die Romandie und das Tessin eigene Verbände haben.

Was BienenSchweiz bietet

  • Grundausbildung: Standardisierter Imker-Grundkurs über zwei Jahre — einer der gründlichsten in Europa
  • Fachkurse: Spezialisierungen in Zucht, Honigqualität, Bienengesundheit
  • Betriebskonzept: Empfehlungen zur Betriebsweise, abgestimmt auf Schweizer Verhältnisse
  • Schweizerische Bienen-Zeitung: Monatliches Fachmagazin mit hohem Niveau
  • Forschungskoordination: Enge Zusammenarbeit mit dem Zentrum für Bienenforschung
Der Schweizer Imker-Grundkurs

Die Schweizer Imkerausbildung ist vorbildlich: Der Grundkurs erstreckt sich über zwei Bienenjahre und umfasst Theorie und Praxis. Erst nach bestandener Abschlussprüfung darf man in vielen Kantonen das Schweizer Honig-Goldsiegel verwenden. Dieses Ausbildungsmodell wird international als Best Practice angesehen.

Weitere Verbände

  • Société Romande d'Apiculture (SAR): Verband der Westschweizer Imker
  • Federazione Ticinese Apicoltori (FTA): Tessiner Imkerverband
  • Apisuisse: Dachorganisation aller drei Sprachverbände

Trachtregionen der Schweiz

Mittelland: Das Herz der Schweizer Imkerei

Das Schweizer Mittelland zwischen Genfer- und Bodensee ist die produktivste Imkerregion. Hier leben die meisten Imker und die Trachtverhältnisse sind am günstigsten:

Typische Trachten:

  • Obstblüte (April–Mai): Kirschen, Äpfel, Birnen — besonders im Thurgau und am Bodensee
  • Raps (April–Mai): In den Ackerbaugebieten, jedoch weniger als in Norddeutschland
  • Löwenzahn (April–Mai): Auf den Grünlandflächen, die die Schweiz prägen
  • Linde (Juni–Juli): In den Städten und Alleen
  • Wald (Juni–August): Mischwald mit Fichte, Tanne und Laubholz

Die Alpen: Bergimkerei par excellence

Die alpine Imkerei ist das, was die Schweizer Bienenhaltung international am bekanntesten macht. Bienenstände auf 1.000–2.000 Metern Höhe produzieren Honige mit einzigartigen Aromen:

HöhenlageTypische TrachtenSaisonBesonderheiten

Alpenrosenhonig (Rhododendron) aus den Hochlagen ist eine der seltensten und teuersten Honigsorten der Schweiz. Er wird nur in kleinen Mengen produziert und erzielt Preise von bis zu 50 CHF pro Glas.

Bienen an alpinen Blüten
Alpine Blütenpracht — Grundlage für die exklusivsten Schweizer Honige

Tessin: Mediterrane Einflüsse

Das Tessin ist die südliche Ausnahme: Mildes, fast mediterranes Klima ermöglicht eine längere Saison und besondere Trachten:

  • Akazie/Robinie (Mai–Juni): Milder, heller Honig
  • Edelkastanie (Juni–Juli): Die Tessiner Spezialität — dunkel, würzig, leicht bitter
  • Lindenblüte (Juni–Juli): In den Stadtgebieten Lugano und Locarno

Tessiner Kastanienhonig ist ein Slow-Food-Produkt und genießt über die Schweiz hinaus einen exzellenten Ruf.

Jura: Wildkräuter und Wald

Der Schweizer Jura bietet eine Mischung aus Kalkgrasland und Wald. Die extensiv genutzten Jura-Wiesen beherbergen eine reiche Wildkräuterflora, die einen aromatischen Blütenhonig liefert. Gleichzeitig bieten die Nadelwälder des Juras Waldhonig in guten Jahren.

Der CH-Kasten: Eine Schweizer Besonderheit

Eine der markantesten Unterschiede zur deutschen Imkerei ist der Schweizer Kasten (CH-Kasten). Dieses traditionelle Beutensystem basiert auf dem Hinterbehandlungsprinzip — die Beuten stehen in einem Bienenhaus, und der Imker arbeitet von hinten an den Waben.

Vor- und Nachteile des CH-Kastens

Vorteile:

  • Hervorragender Witterungsschutz im Bienenhaus
  • Komfortables Arbeiten bei jedem Wetter
  • Das Schweizer Maß ist standardisiert und gut verfügbar
  • Tradition: Generationen von Wissen und Erfahrung

Nachteile:

  • Bienenhäuser sind teuer in der Anschaffung
  • Keine Wandermöglichkeit
  • Schwieriger Einstieg für Anfänger, die moderne Literatur nutzen (meist auf Magazin-Systeme bezogen)
  • Geringere Flexibilität im Vergleich zu Magazinbeuten
Trend zur Magazinimkerei

In den letzten Jahren geht der Trend in der Schweiz zunehmend zur Magazinimkerei (Dadant, Langstroth oder Schweizer Maß als Magazin). Besonders jüngere Imker und Wanderimker bevorzugen die flexibleren Magazine. BienenSchweiz unterstützt beide Systeme und bietet für beide Betriebsweisen Kurse an.

Qualitätsstandards: Das Schweizer Goldsiegel

Die Schweiz hat einen der strengsten Honigqualitätsstandards der Welt. Das Goldsiegel von BienenSchweiz garantiert:

  • Herkunft: 100 % Schweizer Honig, nachvollbare Herkunft
  • Wassergehalt: Maximal 18,5 % (strenger als EU-Norm)
  • HMF-Wert: Maximal 15 mg/kg (EU erlaubt 40 mg/kg)
  • Keine Erwärmung: Über 40 °C nicht erhitzt
  • Regelmäßige Kontrollen: Stichprobenartige Laboranalysen
  • Ausbildung: Nur ausgebildete Imker dürfen das Goldsiegel nutzen
18–30 CHF
Preisspanne für 500g Schweizer Honig — deutlich über dem EU-Durchschnitt

Diese hohen Standards haben einen Preis — buchstäblich: Schweizer Honig gehört zu den teuersten der Welt. Aber sie sichern auch ein hohes Verbrauchervertrauen und ermöglichen faire Preise für die Imker.

Forschung: Das Zentrum für Bienenforschung

Das Zentrum für Bienenforschung am Agroscope-Standort Liebefeld (Bern) ist eine der weltweit führenden Bienenforschungseinrichtungen. Hier wird seit Jahrzehnten Grundlagen- und angewandte Forschung betrieben:

  • Varroa-Forschung: Entwicklung des Konzepts der „biotechnischen Varroa-Bekämpfung"
  • COLOSS-Netzwerk: Internationale Koordination zur Erforschung von Bienenvölkerverlusten (Sitz in Bern)
  • Bienenvergiftungen: Systematische Untersuchung von Verdachtsfällen
  • Zuchtforschung: Selektion auf Varroa-Toleranz und Vitalität
  • Honiguntersuchungen: Referenzlabor für Honiganalytik

Herausforderungen der Schweizer Imkerei

Hohe Produktionskosten

Die Schweizer Imkerei kämpft mit hohen Kosten: Ausrüstung, Futtermittel und Arbeit sind teurer als in den Nachbarländern. Gleichzeitig konkurriert der teure Schweizer Honig mit billigen Importen. Der Selbstversorgungsgrad von nur 30–40 % zeigt, dass die Nachfrage das Angebot bei Weitem übersteigt.

Klimawandel in den Alpen

Die Alpen erwärmen sich doppelt so schnell wie der globale Durchschnitt. Für die Bergimkerei bedeutet das:

  • Gletscherrückgang verändert die Wasserversorgung der Alpenpflanzen
  • Höhere Baumgrenze: Wald verdrängt alpine Matten
  • Spätfröste: Obstblüte wird riskanter
  • Neue Schädlinge: Der Kleine Beutenkäfer wurde 2024 erstmals in Norditalien nahe der Schweizer Grenze nachgewiesen
Kleiner Beutenkäfer

Die Schweiz hat ein umfassendes Überwachungsprogramm für den Kleinen Beutenkäfer (Aethina tumida) eingerichtet. Imker im Tessin und in Graubünden sollten besonders wachsam sein und verdächtige Beobachtungen sofort dem kantonalen Veterinäramt melden.

Völkerverluste

Auch die Schweiz kämpft mit überdurchschnittlichen Winterverlusten. Das COLOSS-Monitoring zeigt, dass in manchen Jahren bis zu 25 % der Völker den Winter nicht überleben. Die Ursachen sind bekannt: Varroa, Pflanzenschutzmittel, Trachtarmut und Klimastress.

Praxis-Tipps für die Schweizer Imkerei

  1. Grundkurs absolvieren

    Investiere in die zweijährige BienenSchweiz-Grundausbildung. Sie ist nicht nur die Voraussetzung für das Goldsiegel, sondern vermittelt fundiertes Wissen, das dir jahrelang nützt. Die Kurse werden in allen Landessprachen angeboten.

  2. Beutensystem wählen

    Entscheide dich bewusst zwischen CH-Kasten und Magazin. Wenn du ein bestehendes Bienenhaus übernehmen kannst, bietet der CH-Kasten Vorteile. Für Neueinsteiger ohne Bienenhaus sind Magazine flexibler und kostengünstiger.

  3. Standort nach Höhenlage planen

    In der Schweiz bestimmt die Höhenlage alles: Saisonlänge, Trachtangebot und Betriebsweise. Ein Talstandort (400–600 m) bietet eine längere Saison, ein Bergstandort (1.000–1.500 m) exklusivere Honige. Ideal ist die Kombination beider Lagen durch Wandern.

  4. Honig hochpreisig vermarkten

    Schweizer Honig ist ein Premiumprodukt — vermarkte ihn auch so. Das Goldsiegel, ansprechende Etiketten und die Geschichte deiner Imkerei (Standort, Trachten, Tradition) rechtfertigen Preise von 20–30 CHF pro 500g. Direktvermarktung auf Wochenmärkten und über Hofläden funktioniert am besten.

Schweizer Spezialitäten

Bienenhäuser als Kulturgut

Die traditionellen Schweizer Bienenhäuser sind ein Kulturgut. Besonders im Emmental und im Berner Oberland stehen wunderschöne, oft jahrhundertealte Bienenhäuser mit bemalten Fluglochbrettern. Einige sind denkmalgeschützt und werden von Vereinen oder Gemeinden erhalten.

Schweizer Honigwein (Met)

In der Schweiz erlebt der Met (Honigwein) eine Renaissance. Kleine Manufakturen kombinieren Schweizer Honig mit regionalen Zutaten — Alpenblütenhonig-Met, Kastanien-Met oder Edelweiß-Met sind Spezialitäten mit Liebhaber-Publikum.

Bienen und Tourismus

Mehrere Schweizer Regionen verbinden Imkerei und Tourismus: Bienen-Lehrpfade, Imker-Erlebnistage und Honigverkostungen in Berghütten machen die Imkerei zum touristischen Anziehungspunkt. Der Schweizerische Nationalpark in Graubünden bietet Führungen zur alpinen Bienenwelt an.

Traditionelles europäisches Bienenhaus aus Holz
Traditionelles Schweizer Bienenhaus — Handwerkskunst und Bienenhaltung vereint

Fazit: Die Schweiz — klein, aber imkerlich groß

Die Schweizer Imkerei ist ein Paradebeispiel dafür, wie Qualität über Quantität siegt. Strenge Standards, exzellente Ausbildung und der Respekt vor der Tradition verbinden sich mit moderner Forschung und einem starken Gemeinschaftssinn. Für deutschsprachige Imker ist der Blick in die Schweiz besonders inspirierend: Die Art, wie BienenSchweiz Ausbildung, Qualitätssicherung und Verbandsarbeit organisiert, setzt Maßstäbe — und der Schweizer Honig beweist, dass hohe Qualität ihren Preis wert ist.

Wie lang dauert die standardisierte Imker-Grundausbildung in der Schweiz?

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