August: Die wichtigste Varroabehandlung des Jahres
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August: Die wichtigste Varroabehandlung des Jahres

9 minVon Hivekraft Redaktion
VarroaAmeisensäureAugustBehandlungWinterbienen

Die August-Behandlung gegen Varroa entscheidet über das Überleben deiner Völker. Zeitfenster, Ameisensäure 60% und Temperaturfenster erklärt.

Wenn der letzte Honig geschleudert ist und der Sommer sich dem Ende neigt, steht die wichtigste Behandlung des gesamten Bienenjahres an: die Varroabehandlung im August. Von ihrem Erfolg hängt ab, ob deine Winterbienen gesund schlüpfen und deine Völker den Winter überstehen. Jeder Tag Verzögerung kostet Winterbienen – und damit Überlebenschancen. Dieser Artikel erklärt dir, warum der August so entscheidend ist, wie du mit Ameisensäure arbeitest und welche Temperaturfenster du beachten musst.

Varroabehandlung mit Verdunster im Bienenstock
Die Sommerbehandlung mit Ameisensäure ist der wichtigste Einzeltermin im Varroa-Bekämpfungskonzept.

Warum ist der August so entscheidend?

Die Antwort liegt in der Biologie der Winterbienen. Ab Anfang August schlüpfen die Bienen, die dein Volk durch den Winter bringen müssen. Diese Winterbienen unterscheiden sich fundamental von Sommerbienen:

EigenschaftSommerbienenWinterbienen
Lebensdauer4-6 Wochen5-7 Monate
FettkörperKleinStark ausgeprägt
SchlupfzeitraumMärz bis JuliAugust bis Oktober
AufgabeSammeln, BrütenÜberwintern, erste Brut im Frühjahr

Werden Winterbienen als Puppe von Varroa-Milben parasitiert, haben sie einen reduzierten Fettkörper, eine kürzere Lebensdauer und tragen oft Viren (DWV – Deformed Wing Virus). Diese geschädigten Bienen schaffen es nicht durch den Winter.

August
Ab August schlüpfen die Winterbienen – jeder Tag ohne Behandlung kostet gesunde Winterbienen
Der fatale Fehler: Zu spät behandeln

Eine Behandlung Ende September oder Oktober ist für die Winterbienen zu spät. Diese sind dann bereits geschlüpft – und zwar als geschädigte Bienen, wenn die Varroa-Last hoch war. Die Sommerbehandlung muss VOR dem Schlupf der Winterbienen wirken. Das Zeitfenster ist Ende Juli bis Mitte August.

Das integrierte Varroa-Konzept

Die Augustbehandlung ist kein isolierter Termin, sondern Teil eines ganzjährigen Konzepts:

  1. Frühjahr: Drohnenrahmen schneiden (April-Juni)

    Durch regelmäßiges Ausschneiden von verdeckelter Drohnenbrut entfernst du Varroa-Milben aus dem Volk. Die Milben vermehren sich bevorzugt in Drohnenbrut (8- bis 12-fache Bevorzugung gegenüber Arbeiterinnenbrut). Schneide alle 3 Wochen den verdeckelten Drohnenrahmen aus.

  2. Sommer: Natürlichen Milbenfall kontrollieren (Juli)

    Lege die Bodeneinlage (Windel) für 3 Tage ein und zähle die Milben. Teile die Zahl durch 3 für den täglichen Milbenfall. Bei mehr als 5 Milben pro Tag im Juli ist schnelles Handeln nötig.

  3. Sommer: Hauptbehandlung mit Ameisensäure (August)

    Die zentrale Behandlung. Nach der letzten Honigernte wird mit Ameisensäure 60% behandelt. Ziel: Varroa-Last auf unter 1 Milbe pro Tag senken, damit die Winterbienen gesund schlüpfen.

  4. Herbst: Behandlungserfolg kontrollieren (September/Oktober)

    Nach der Behandlung erneut den natürlichen Milbenfall kontrollieren. Bei mehr als 1 Milbe pro Tag im Oktober: Nachbehandlung nötig.

  5. Winter: Restentmilbung mit Oxalsäure (Dezember/Januar)

    In der brutfreien Phase wird mit Oxalsäure behandelt (Träufeln oder Sublimation). Ziel: Die letzten Milben entfernen, damit das Volk sauber ins neue Jahr startet.

Ameisensäure 60%: Die Standard-Sommerbehandlung

Ameisensäure (AS) ist das einzige zugelassene Mittel, das sowohl die Milben auf den Bienen (phoretische Milben) als auch die Milben in der verdeckelten Brut (reproduktive Milben) erreicht. Das macht sie zum Mittel der Wahl für die Sommerbehandlung.

Wirkprinzip

Die Ameisensäure verdunstet im Bienenstock und erreicht als Gas die gesamte Beute. Sie dringt auch durch die Wachsdeckel der Brutzellen und tötet dort die Milben ab. Die Wirksamkeit liegt bei korrekter Anwendung bei 85 bis 95 Prozent.

Zugelassene Präparate

In Deutschland sind mehrere Ameisensäure-Präparate zugelassen:

PräparatKonzentrationAnwendungDauer

Das richtige Temperaturfenster

Die Verdunstungsrate der Ameisensäure ist stark temperaturabhängig. Zu kalt: Die Säure verdunstet nicht ausreichend, die Wirkung ist mangelhaft. Zu warm: Die Verdunstung ist zu stark, die Bienen werden geschädigt.

15-25°C
Optimales Temperaturfenster für die Ameisensäure-Behandlung
TemperaturVerdunstungWirkungRisiko
Unter 12°CZu geringUnwirksamKeine Wirkung
12-15°CGeringGrenzwertigBehandlung verlängern
15-25°COptimalSehr gut (85-95%)Gering bei korrekter Dosierung
25-30°CErhöhtGut, aber kritischKöniginnenverlust möglich
Über 30°CZu starkSchädlichBienen- und Brutschäden
Hitzewarnung

Behandle NIEMALS mit Ameisensäure bei Temperaturen über 30 Grad. Die Säure verdunstet zu schnell und kann die Königin töten, Brut schädigen und erwachsene Bienen vergiften. Warte auf kühlere Tage oder behandle in den kühlen Morgenstunden.

Schritt-für-Schritt: Langzeitbehandlung mit Ameisensäure

Die Langzeitbehandlung über 14 Tage ist die gängigste Methode für die Sommerbehandlung. Hier am Beispiel des Nassenheider Professional:

Vorbereitung

  1. Letzte Honigernte abschließen und Honigräume abnehmen
  2. Futtervorräte prüfen – das Volk braucht mindestens 5 kg Futter während der Behandlung
  3. Flugloch komplett öffnen für maximale Belüftung
  4. Schutzausrüstung anlegen: Säurefeste Handschuhe, Schutzbrille, Imkeranzug
  5. Wettervorhersage prüfen: Nächste 14 Tage sollten im Temperaturfenster liegen

Durchführung

  1. Verdunster mit Ameisensäure 60% füllen (Dosierung laut Herstellerangabe)
  2. Verdunster auf die Oberträger der Brutzarge stellen
  3. Innendeckel auflegen (mit Abstandshalter für Luftzirkulation)
  4. Blechdeckel schließen
  5. Datum, Uhrzeit und Außentemperatur dokumentieren

Nach der Behandlung

  • Tag 1-3: Erhöhter Milbenfall ist normal und gewünscht
  • Tag 7: Kontrolle des Milbenfalls auf der Windel
  • Tag 14: Verdunster entfernen, Milbenfall zählen
  • Tag 21: Abschlusskontrolle des natürlichen Milbenfalls (3-Tage-Windel)

Behandlungserfolg kontrollieren

Nach der Behandlung ist die Kontrolle entscheidend. Nur so weißt du, ob die Behandlung ausreichend gewirkt hat.

Natürlicher Milbenfall nach der Behandlung

Milbenfall/Tag (Oktober)BewertungMaßnahme

Puderzucker-Methode (Schnelltest)

Für eine schnelle Einschätzung der Milbenbelastung eignet sich die Puderzucker-Methode:

  1. Ca. 300 Bienen (etwa 100 ml) in ein Glas abschütteln
  2. 2 Esslöffel Puderzucker dazugeben
  3. Glas verschließen (Gazedeckel) und 1 Minute rollen
  4. Puderzucker durch das Gaze-Gitter auf ein weißes Blatt abschütteln
  5. Milben zählen
  6. Bienen zurück ins Volk geben

Bewertung: Bei 300 Bienen entspricht jede gezählte Milbe ungefähr 1% Befallsrate. Mehr als 3 Milben (= über 3% Befall) im August ist behandlungsbedürftig.

Puderzucker-Methode zur Varroa-Kontrolle
Die Puderzucker-Methode liefert in wenigen Minuten eine zuverlässige Einschätzung der Varroa-Belastung.

Häufige Fehler bei der Augustbehandlung

Dokumentation der Behandlung

Seit der EU-Verordnung 2019/6 müssen alle Behandlungen im Bestandsbuch dokumentiert werden. Das gilt für Hobbyimker genauso wie für Berufsimker. Folgende Daten sind Pflicht:

Pflichtangaben im Bestandsbuch

Fortschritt0/0

Alternativen zur Ameisensäure im August

In bestimmten Situationen kann die Ameisensäure-Behandlung problematisch sein – etwa bei anhaltender Hitze oder empfindlichen Königinnen. Folgende Alternativen stehen zur Verfügung:

Totale Brutentnahme + Oxalsäure

Bei der totalen Brutentnahme werden alle Brutwaben entnommen und durch Mittelwände ersetzt. Die brutfreien Bienen können sofort mit Oxalsäure (Sprüh- oder Träufelmethode) behandelt werden, da alle Milben auf den Bienen sitzen.

Vorteile: Sehr hohe Wirksamkeit (>95%), keine Temperaturabhängigkeit, gleichzeitig Wabenerneuerung Nachteile: Hoher Arbeitsaufwand, Volk wird stark zurückgeworfen, Brut muss anderweitig verwertet werden

Hyperthermie (Wärmbehandlung)

Die Varroa-Milbe ist hitzeempfindlicher als die Bienenbrut. Spezielle Geräte (z.B. Varroa Controller) erhitzen die Brutwaben auf 42°C – die Milben sterben, die Brut überlebt.

Vorteile: Rückstandsfrei, keine Chemie, temperaturunabhängig Nachteile: Teure Geräte (500-1000 Euro), zeitaufwändig, nur für erfahrene Imker

Die Sommerbehandlung ist der Dreh- und Angelpunkt der Varroa-Bekämpfung. Wer hier sorgfältig arbeitet und den Behandlungserfolg kontrolliert, hat seinen Völkern die besten Überlebenschancen gegeben.

Dr. Ralph Büchler
Leiter des Bieneninstituts Kirchhain

Fazit: Dein August-Fahrplan

Der August ist der entscheidende Monat im Kampf gegen die Varroa. Hier ist dein Fahrplan:

WocheAufgabe
Woche 1 (Ende Juli/Anfang August)Letzte Honigernte, Honigräume abnehmen
Woche 1-2Sofort Ameisensäure-Behandlung starten (Temperaturfenster beachten!)
Woche 2-3Behandlung läuft, Milbenfall kontrollieren
Woche 3Verdunster entfernen, mit Einfütterung beginnen
Woche 4Behandlungserfolg kontrollieren (3-Tage-Windel)
Bei BedarfNachbehandlung einleiten

Nimm dir die August-Behandlung ernst – sie ist die wichtigste Einzelmaßnahme für das Überleben deiner Völker. Dokumentiere alles sorgfältig, kontrolliere den Erfolg und handle schnell bei unzureichender Wirkung.

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