Königinnenzucht für Fortgeschrittene
Von der Zuchtstoffauswahl über das Umlarven bis zur Belegstelle: Professionelle Königinnenzucht Schritt für Schritt mit allen Systemen und Methoden.
Königinnenzucht für Fortgeschrittene

Die Fähigkeit, eigene Königinnen zu züchten, hebt deine Imkerei auf ein neues Niveau. Du wirst unabhängig von zugekauften Königinnen, kannst die Genetik deiner Völker gezielt verbessern und bist bei der Ablegerbildung flexibel. Professionelle Königinnenzucht erfordert Planung, Übung und biologisches Verständnis -- belohnt dich aber mit sanftmütigen, leistungsstarken Bienenvölkern.
Grundlagen: Wie entsteht eine Königin?
Jede befruchtete Eizelle kann sich zu einer Königin oder Arbeiterin entwickeln. Der Unterschied liegt ausschließlich in der Ernährung: Königinnenlarven erhalten während der gesamten Entwicklung Gelée royale in großer Menge, Arbeiterinnenlarven nur in den ersten 3 Tagen.
Für die Zucht entnehmen wir jüngste Arbeiterinnenlarven (12-24 Stunden alt) und geben sie in künstliche Weiselbecher, wo Ammenbienen sie als Königinnen aufziehen.
Nur Larven unter 24 Stunden Alter eignen sich. Ältere Larven wurden bereits teilweise als Arbeiterinnen programmiert und ergeben minderwertige Königinnen mit geringerer Spermatheka-Füllung und kürzerer Lebensdauer.
Entwicklungskalender
| Tag | Stadium | Imker-Aktion |
|---|---|---|
| Tag 0 | Eiablage | Königin auf leere Wabe sperren |
| Tag 3,5-4 | Larvenschlupf | Umlarven in Weiselbecher |
| Tag 4-8 | Larvenphase (Gelée-royale-Fütterung) | Pflegevolk nicht stören |
| Tag 8-9 | Verdeckelung | Zellen kontrollieren, in Begattungskästchen umhängen |
| Tag 16 | Schlupf der Jungkönigin | Schlupf kontrollieren |
| Tag 20-24 | Begattungsflüge | Wetter beobachten |
| Tag 26-30 | Beginn Eiablage | Eiablage prüfen, Königin zeichnen |
Warum eigene Zucht?
Selbst gezüchtete Königinnen bieten entscheidende Vorteile gegenüber zugekauften:
- Genetische Anpassung: Deine Königinnen stammen aus Völkern, die unter deinen lokalen Bedingungen (Klima, Tracht, Milbendruck) erfolgreich sind
- Kostenersparnis: Eine zugekaufte, begattete Königin kostet 25-50 €, eine selbst gezogene praktisch nichts
- Unabhängigkeit: Du bist nicht auf Liefertermine und Verfügbarkeit angewiesen
- Zuchtfortschritt: Nur durch eigene Zucht kannst du Eigenschaften wie Sanftmut und Schwarmträgheit in deinem Bestand systematisch verbessern
- Flexibilität: Bei unerwartetem Königinnenverlust hast du Ersatz parat
Zuchtstoff auswählen
Die Qualität deiner Zuchtköniginnen steht und fällt mit der Auswahl des Zuchtmaterials. Zuchtstoff sollte vom besten Volk stammen -- bewertet über mindestens 2 Jahre.
| Eigenschaft | Bewertungsmethode | Gewichtung |
|---|---|---|
| Sanftmut | Verhalten bei Durchsicht (Stechverhalten, Ruhe auf der Wabe) | Sehr hoch |
| Schwarmträgheit | Schwarmzellen trotz gutem Raumangebot? | Hoch |
| Honigertrag | Vergleich bei gleichen Standortbedingungen (2+ Jahre) | Hoch |
| Varroa-Toleranz | Natürlicher Milbenfall, Ausräumverhalten, Grooming | Hoch |
| Brutnest-Kompaktheit | Geschlossenes, lückenloses Brutnest | Mittel |
| Überwinterung | Geringer Futterverbrauch, niedrige Verluste | Mittel |
Selektion ohne Dokumentation ist Zufall. Nur wer über mehrere Generationen systematisch bewertet und dokumentiert, kann die Genetik seiner Völker wirklich verbessern.
Zuchtstoff vorbereiten
Um garantiert jüngste Larven zu haben, sperrst du die Zuchtmutter 3-4 Tage vor dem Umlarvtermin auf eine leere, ausgebaute Wabe (Absperrgitter oder Isolierkasten). So weißt du exakt, wie alt die Larven sind.
- Absperrgitter oder Isolierkasten
- Leere helle Wabe
- Markierungsstift
- Zuchtmutter-Königin auf leere, helle Wabe setzen
- Mit Absperrgitter-Rahmen begrenzen
- Datum notieren (Tag 0)
- Nach 4 Tagen: Larven frisch geschlüpft -- ideal zum Umlarven
- Königin wieder freilassen
Das Umlarven: Drei Systeme im Vergleich
System 1: Chinesischer Umlarvlöffel
Die klassische, kostengünstigste Methode -- erfordert Geschick und Übung.

Weiselbecher vorbereiten
10-20 Näpfchen auf Zuchtlatte. In jedes einen Tropfen verdünntes Gelée royale als Bett für die Larve.
Bei gutem Licht umlarven
Umlarvlöffel unter die Larve (nicht hinein!) schieben und mit Futtersaft anheben. Die Larve darf nie direkt berührt werden.
In Weiselbecher ablegen
Am Rand des Bechers abstreifen, sodass die Larve in den Gelée-royale-Tropfen gleitet. Zuchtrahmen sofort ins Pflegevolk hängen (max. 15-20 min).

Dünner Metallstift mit flexibler Zunge. Modelle mit federnder Zunge erleichtern das Abstreifen. Für Anfänger: Varianten mit beleuchteter Lupe. Übung an Senfkörnern hilft.
System 2: Nicot-System
Eine Kunststoffkassette wird in die Wabe eingesetzt. Die Königin bestiftet die Zellen, nach Larvenschlupf werden die herausnehmbaren Zellböden in Weiselbecher umgesteckt -- kontaktfrei.
System 3: Jenter-System
Ähnlich wie Nicot, aber mit naturgetreuerer Zellenform, was die Akzeptanz durch die Königin oft verbessert.
| Merkmal | Umlarvlöffel | Nicot-System | Jenter-System |
|---|---|---|---|
| Kosten | 5-15 € | 25-45 € | 30-50 € |
| Geschick nötig | Hoch | Gering | Gering |
| Annahmequote | 60-85 % | 70-90 % | 75-90 % |
| Larven-Kontakt | Direkt | Kontaktfrei | Kontaktfrei |
| Empfehlung | Profis mit Übung | Zucht-Einsteiger | Einsteiger & Fortgeschrittene |
Pflegevölker: Starter und Finisher
Das Starter-Finisher-Verfahren
Starter vorbereiten (weisellos)
Aus starkem Volk Königin entfernen, 2-4 Stunden warten. Mind. 2-3 kg Bienen, viel offene Brut (= aktive Futtersaftdrüsen), reichlich Pollen und Futter.
Zuchtrahmen einhängen
Umgelarvte Weiselzellen mittig zwischen offene Brut hängen. Ammenbienen beginnen sofort mit intensiver Fütterung.
Nach 24-48 h in Finisher umhängen
Angenommene Zellen (verlängert, mit Gelée royale gefüllt) in weiselrichtiges Finisher-Volk umhängen. Zuchtrahmen über Absperrgitter im Honigraum platzieren.
Verdeckelung kontrollieren (ca. Tag 5 nach Umlarven)
Verdeckelte Zellen entnehmen und in Begattungskästchen verteilen. Spätestens 2 Tage vor erwartetem Schlupf (Tag 10). Temperatur beim Transport: 34-35°C, isolierter Behälter.
Unterkühlung unter 32°C während der Puppenphase führt zu Entwicklungsschäden und reduzierten Spermatheka. Immer in isoliertem, vorgewärmtem Behälter transportieren. Auch Überhitzung >37°C vermeiden.
Begattungskästchen

| System | Bienenmenge | Vorteile | Nachteile |
|---|---|---|---|
| Kieler Kästchen | 200-300 ml | Geringer Bieneneinsatz, kompakt | Empfindlich, nur kurzfristig |
| Mini-Plus | 500-800 ml | Stabil, überwinterungsfähig | Mehr Bienen nötig, teurer |
| EWK (Einwaben) | 300-500 ml | Einfach, für DNM passend | Nur kurzfristig nutzbar |
| Ableger (5-6 W.) | 1.500+ ml | Stabil, wird Wirtschaftsvolk | Hoher Bieneneinsatz |

Der Kompromiss für regelmäßige Zucht (10-30 Königinnen/Saison). Königin kann nach Begattung im Mini-Plus verbleiben, sogar überwintern.
Belegstelle vs. Standbegattung
Bei Standbegattung paart sich die Königin mit unkontrollierten Drohnen aus der Umgebung (7 km Radius). Einfach, aber keine genetische Kontrolle.
Auf der Belegstelle (isolierter Standort: Inseln, Gebirgstäler) sind nur Drohnen einer definierten Zuchtlinie vorhanden. In Deutschland gibt es ca. 100 anerkannte Belegstellen (Carnica, Buckfast, Dunkle Biene). Anmeldung über Zuchtverbände, Begattungskästchen für 2-3 Wochen aufstellen. Kosten: 10-25 € pro Königin.
Für absolute Kontrolle gibt es die instrumentelle Besamung (IB) unter dem Mikroskop -- vorbehalten für Grundlagen- und Leistungszucht (Ausrüstung: 3.000-5.000 €).
Zuchtkalender
- Zuchtmuttervolk
- Starter + Finisher
- Begattungskästchen
- Umlarvzubehör
Tag -4: Königin auf leere Wabe sperren Tag 0: Umlarven, Zuchtrahmen in Starter Tag 1: Annahme-Kontrolle (24h) Tag 2: In Finisher umhängen Tag 5: Verdeckelte Zellen in Begattungskästchen verteilen Tag 12: Schlupf (Tag 16 nach Eiablage) Tag 16-20: Begattungsflüge (wetterabhängig) Tag 22-26: Eiablage kontrollieren Tag 26-30: Königin zeichnen, verwenden
Häufige Fehler bei der Zucht
Zuchtbuch führen
Zuchtbuch-Dokumentation

Wissenscheck
In der nächsten Lektion: Professionelles Schwarmmanagement -- Schwarmstimmung erkennen, verhindern oder gezielt nutzen.