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Königinnenzucht für Fortgeschrittene

25 min9 min Lesezeit

Von der Zuchtstoffauswahl über das Umlarven bis zur Belegstelle: Professionelle Königinnenzucht Schritt für Schritt mit allen Systemen und Methoden.

Königinnenzucht für Fortgeschrittene

Königin wird mit einem Markierungsröhrchen markiert
Eigene Königinnen zu züchten ist die Königsdisziplin der Imkerei -- und der Schlüssel zur genetischen Verbesserung.

Die Fähigkeit, eigene Königinnen zu züchten, hebt deine Imkerei auf ein neues Niveau. Du wirst unabhängig von zugekauften Königinnen, kannst die Genetik deiner Völker gezielt verbessern und bist bei der Ablegerbildung flexibel. Professionelle Königinnenzucht erfordert Planung, Übung und biologisches Verständnis -- belohnt dich aber mit sanftmütigen, leistungsstarken Bienenvölkern.

16 Tage
von der Eiablage bis zum Schlupf einer Königin -- jeder Tag im Zuchtkalender zählt

Grundlagen: Wie entsteht eine Königin?

Jede befruchtete Eizelle kann sich zu einer Königin oder Arbeiterin entwickeln. Der Unterschied liegt ausschließlich in der Ernährung: Königinnenlarven erhalten während der gesamten Entwicklung Gelée royale in großer Menge, Arbeiterinnenlarven nur in den ersten 3 Tagen.

Für die Zucht entnehmen wir jüngste Arbeiterinnenlarven (12-24 Stunden alt) und geben sie in künstliche Weiselbecher, wo Ammenbienen sie als Königinnen aufziehen.

Das Zeitfenster ist eng

Nur Larven unter 24 Stunden Alter eignen sich. Ältere Larven wurden bereits teilweise als Arbeiterinnen programmiert und ergeben minderwertige Königinnen mit geringerer Spermatheka-Füllung und kürzerer Lebensdauer.

Entwicklungskalender

TagStadiumImker-Aktion
Tag 0EiablageKönigin auf leere Wabe sperren
Tag 3,5-4LarvenschlupfUmlarven in Weiselbecher
Tag 4-8Larvenphase (Gelée-royale-Fütterung)Pflegevolk nicht stören
Tag 8-9VerdeckelungZellen kontrollieren, in Begattungskästchen umhängen
Tag 16Schlupf der JungköniginSchlupf kontrollieren
Tag 20-24BegattungsflügeWetter beobachten
Tag 26-30Beginn EiablageEiablage prüfen, Königin zeichnen

Warum eigene Zucht?

Selbst gezüchtete Königinnen bieten entscheidende Vorteile gegenüber zugekauften:

  • Genetische Anpassung: Deine Königinnen stammen aus Völkern, die unter deinen lokalen Bedingungen (Klima, Tracht, Milbendruck) erfolgreich sind
  • Kostenersparnis: Eine zugekaufte, begattete Königin kostet 25-50 €, eine selbst gezogene praktisch nichts
  • Unabhängigkeit: Du bist nicht auf Liefertermine und Verfügbarkeit angewiesen
  • Zuchtfortschritt: Nur durch eigene Zucht kannst du Eigenschaften wie Sanftmut und Schwarmträgheit in deinem Bestand systematisch verbessern
  • Flexibilität: Bei unerwartetem Königinnenverlust hast du Ersatz parat
25-50 €
kostet eine zugekaufte begattete Königin -- eigene Zucht macht dich unabhängig

Zuchtstoff auswählen

Die Qualität deiner Zuchtköniginnen steht und fällt mit der Auswahl des Zuchtmaterials. Zuchtstoff sollte vom besten Volk stammen -- bewertet über mindestens 2 Jahre.

EigenschaftBewertungsmethodeGewichtung
SanftmutVerhalten bei Durchsicht (Stechverhalten, Ruhe auf der Wabe)Sehr hoch
SchwarmträgheitSchwarmzellen trotz gutem Raumangebot?Hoch
HonigertragVergleich bei gleichen Standortbedingungen (2+ Jahre)Hoch
Varroa-ToleranzNatürlicher Milbenfall, Ausräumverhalten, GroomingHoch
Brutnest-KompaktheitGeschlossenes, lückenloses BrutnestMittel
ÜberwinterungGeringer Futterverbrauch, niedrige VerlusteMittel

Selektion ohne Dokumentation ist Zufall. Nur wer über mehrere Generationen systematisch bewertet und dokumentiert, kann die Genetik seiner Völker wirklich verbessern.

Zuchtstoff vorbereiten

Um garantiert jüngste Larven zu haben, sperrst du die Zuchtmutter 3-4 Tage vor dem Umlarvtermin auf eine leere, ausgebaute Wabe (Absperrgitter oder Isolierkasten). So weißt du exakt, wie alt die Larven sind.

Zuchtstoff-Gewinnung
15 min
Material
  • Absperrgitter oder Isolierkasten
  • Leere helle Wabe
  • Markierungsstift
  1. Zuchtmutter-Königin auf leere, helle Wabe setzen
  2. Mit Absperrgitter-Rahmen begrenzen
  3. Datum notieren (Tag 0)
  4. Nach 4 Tagen: Larven frisch geschlüpft -- ideal zum Umlarven
  5. Königin wieder freilassen

Das Umlarven: Drei Systeme im Vergleich

System 1: Chinesischer Umlarvlöffel

Die klassische, kostengünstigste Methode -- erfordert Geschick und Übung.

Makroaufnahme von Bieneneiern und juengsten Larven in offenen Wabenzellen
Beim Umlarven werden jüngste Larven vorsichtig aus der Zelle gehoben und in Weiselbecher umgesetzt.
  1. Weiselbecher vorbereiten

    10-20 Näpfchen auf Zuchtlatte. In jedes einen Tropfen verdünntes Gelée royale als Bett für die Larve.

  2. Bei gutem Licht umlarven

    Umlarvlöffel unter die Larve (nicht hinein!) schieben und mit Futtersaft anheben. Die Larve darf nie direkt berührt werden.

  3. In Weiselbecher ablegen

    Am Rand des Bechers abstreifen, sodass die Larve in den Gelée-royale-Tropfen gleitet. Zuchtrahmen sofort ins Pflegevolk hängen (max. 15-20 min).

Chinesischer Umlarvlöffel
Chinesischer Umlarvlöffel
Pflichtausstattung
5-15 €

Dünner Metallstift mit flexibler Zunge. Modelle mit federnder Zunge erleichtern das Abstreifen. Für Anfänger: Varianten mit beleuchteter Lupe. Übung an Senfkörnern hilft.

System 2: Nicot-System

Eine Kunststoffkassette wird in die Wabe eingesetzt. Die Königin bestiftet die Zellen, nach Larvenschlupf werden die herausnehmbaren Zellböden in Weiselbecher umgesteckt -- kontaktfrei.

System 3: Jenter-System

Ähnlich wie Nicot, aber mit naturgetreuerer Zellenform, was die Akzeptanz durch die Königin oft verbessert.

MerkmalUmlarvlöffelNicot-SystemJenter-System
Kosten5-15 €25-45 €30-50 €
Geschick nötigHochGeringGering
Annahmequote60-85 %70-90 %75-90 %
Larven-KontaktDirektKontaktfreiKontaktfrei
EmpfehlungProfis mit ÜbungZucht-EinsteigerEinsteiger & Fortgeschrittene

Pflegevölker: Starter und Finisher

Das Starter-Finisher-Verfahren

  1. Starter vorbereiten (weisellos)

    Aus starkem Volk Königin entfernen, 2-4 Stunden warten. Mind. 2-3 kg Bienen, viel offene Brut (= aktive Futtersaftdrüsen), reichlich Pollen und Futter.

  2. Zuchtrahmen einhängen

    Umgelarvte Weiselzellen mittig zwischen offene Brut hängen. Ammenbienen beginnen sofort mit intensiver Fütterung.

  3. Nach 24-48 h in Finisher umhängen

    Angenommene Zellen (verlängert, mit Gelée royale gefüllt) in weiselrichtiges Finisher-Volk umhängen. Zuchtrahmen über Absperrgitter im Honigraum platzieren.

  4. Verdeckelung kontrollieren (ca. Tag 5 nach Umlarven)

    Verdeckelte Zellen entnehmen und in Begattungskästchen verteilen. Spätestens 2 Tage vor erwartetem Schlupf (Tag 10). Temperatur beim Transport: 34-35°C, isolierter Behälter.

Temperatur bei verdeckelten Zellen

Unterkühlung unter 32°C während der Puppenphase führt zu Entwicklungsschäden und reduzierten Spermatheka. Immer in isoliertem, vorgewärmtem Behälter transportieren. Auch Überhitzung >37°C vermeiden.

Begattungskästchen

Mehrere Mini-Plus Begattungskaestchen aus Styropor mit verschiedenfarbigen Anflugbrettern
Mini-Plus Begattungskaestchen auf einer Belegstelle -- die farbigen Anflugbretter helfen den Koeniginnen, nach dem Begattungsflug das richtige Kaestchen wiederzufinden.
SystemBienenmengeVorteileNachteile
Kieler Kästchen200-300 mlGeringer Bieneneinsatz, kompaktEmpfindlich, nur kurzfristig
Mini-Plus500-800 mlStabil, überwinterungsfähigMehr Bienen nötig, teurer
EWK (Einwaben)300-500 mlEinfach, für DNM passendNur kurzfristig nutzbar
Ableger (5-6 W.)1.500+ mlStabil, wird WirtschaftsvolkHoher Bieneneinsatz
Mini-Plus Begattungskästchen
Mini-Plus Begattungskästchen
Optional
20-35 €

Der Kompromiss für regelmäßige Zucht (10-30 Königinnen/Saison). Königin kann nach Begattung im Mini-Plus verbleiben, sogar überwintern.

Belegstelle vs. Standbegattung

Bei Standbegattung paart sich die Königin mit unkontrollierten Drohnen aus der Umgebung (7 km Radius). Einfach, aber keine genetische Kontrolle.

Auf der Belegstelle (isolierter Standort: Inseln, Gebirgstäler) sind nur Drohnen einer definierten Zuchtlinie vorhanden. In Deutschland gibt es ca. 100 anerkannte Belegstellen (Carnica, Buckfast, Dunkle Biene). Anmeldung über Zuchtverbände, Begattungskästchen für 2-3 Wochen aufstellen. Kosten: 10-25 € pro Königin.

Für absolute Kontrolle gibt es die instrumentelle Besamung (IB) unter dem Mikroskop -- vorbehalten für Grundlagen- und Leistungszucht (Ausrüstung: 3.000-5.000 €).

12-20
Drohnen begatten eine Königin beim natürlichen Begattungsflug

Zuchtkalender

Zuchtdurchgang planen
30 Tage
Material
  • Zuchtmuttervolk
  • Starter + Finisher
  • Begattungskästchen
  • Umlarvzubehör

Tag -4: Königin auf leere Wabe sperren Tag 0: Umlarven, Zuchtrahmen in Starter Tag 1: Annahme-Kontrolle (24h) Tag 2: In Finisher umhängen Tag 5: Verdeckelte Zellen in Begattungskästchen verteilen Tag 12: Schlupf (Tag 16 nach Eiablage) Tag 16-20: Begattungsflüge (wetterabhängig) Tag 22-26: Eiablage kontrollieren Tag 26-30: Königin zeichnen, verwenden

Häufige Fehler bei der Zucht

Zuchtbuch führen

Zuchtbuch-Dokumentation

Fortschritt0/0
Imker führt Aufzeichnungen am Bienenstand
Präzise Dokumentation ist die Grundlage für langfristigen Zuchterfolg.


Wissenscheck

Wie alt dürfen Larven maximal sein, um für die Königinnenzucht geeignet zu sein?
Was ist der Hauptvorteil des Nicot-Systems?
Warum wird der Zuchtrahmen nach 24-48 h vom Starter in den Finisher umgehängt?
Welche Farbe erhält eine Königin aus 2026?

In der nächsten Lektion: Professionelles Schwarmmanagement -- Schwarmstimmung erkennen, verhindern oder gezielt nutzen.

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