Professionelles Schwarmmanagement
Schwarmstimmung frühzeitig erkennen, gezielt verhindern oder nutzen. Von der Kippkontrolle bis zum Schwarmfang -- alle Techniken für erfahrene Imker.
Professionelles Schwarmmanagement

Schwärmen ist der natürliche Vermehrungsmechanismus des Bienenvolkes. Für den Imker bedeutet ein abgegangener Schwarm den Verlust der Hälfte seiner Bienen und oft der Honigernte. Professionelles Schwarmmanagement heißt: die Biologie verstehen, Anzeichen erkennen und gezielt eingreifen.
Biologie des Schwarmtriebs
Der Schwarmtrieb wird durch ein Zusammenspiel mehrerer Faktoren ausgelöst:
| Faktor | Wirkung | Beeinflussbarkeit |
|---|---|---|
| Volksstärke | Ab ca. 40.000-60.000 Bienen steigt der Schwarmtrieb | Hoch (Raum, Ableger) |
| Platzmangel | Überfüllter Brutraum, fehlender Platz für Nektar | Hoch (erweitern) |
| Königinnen-Alter | Nachlassende Pheromone bei >2 Jahre alten Königinnen | Mittel (umweiseln) |
| Genetik | Manche Linien schwarmfreudiger als andere | Mittel (Zuchtauswahl) |
| Wetter/Tracht | Trachtlücken und schwüles Wetter fördern Schwarmtrieb | Gering |
Der Schwarm-Zeitplan
Vom ersten Anzeichen bis zum Schwarmabgang vergehen 8-14 Tage:
Spielnäpfchen-Phase (Tag -14 bis -10)
Bienen bauen leere Wachsschalen an Wabenunterkanten. Allein noch kein Alarm -- erst wenn die Königin sie bestiftet.
Bestiftung (Tag -9)
Königin legt Eier in Näpfchen. Ab jetzt echte Schwarmstimmung. Typisch: 5-20 Weiselzellen gleichzeitig. Sammelaktivität lässt nach.
Verdeckelung der ersten Zelle (Tag 0)
Der Triggerpunkt: Das Volk schwärmt typisch am Tag der Verdeckelung oder 1-2 Tage danach bei gutem Flugwetter. Die alte Königin geht mit ca. 50-60 % der Bienen.
Nachschwärme (Tag +7 bis +14)
Weitere Jungköniginnen schlüpfen. Ist das Volk noch stark genug, gehen Nachschwärme ab -- noch schädlicher für die Volksstärke.
Zwischen Bestiftung und Verdeckelung einer Weiselzelle vergehen 9 Tage. Dein Kontrollintervall muss kürzer als 9 Tage sein (idealerweise 7 Tage). Sonst kann eine Zelle entstehen und verdeckelt werden, ohne dass du sie siehst.
Schwarmstimmung erkennen
Spielnäpfchen vs. echte Schwarmzellen
| Merkmal | Spielnäpfchen (harmlos) | Echte Schwarmzelle (Alarm!) |
|---|---|---|
| Form | Kleine Wachsschale, rund, offen | Verlängert, erdnussförmig, hängend |
| Inhalt | Leer oder poliert | Ei oder Larve + Gelée royale |
| Anzahl | 1-5, vereinzelt | 5-20+ im gesamten Brutraum |
| Bienenbesatz | Keine besondere Pflege | Dicht von Ammenbienen umringt |
| Handlungsbedarf | Keiner | Sofort eingreifen! |
Die Kippkontrolle
Die schnellste und effektivste Methode zur Schwarmkontrolle. Statt jede Wabe zu ziehen, kippst du den Brutraum und inspizierst die Unterkanten von unten.

Honigraum abnehmen
Honigraum und Absperrgitter seitlich abstellen.
Brutraum nach hinten kippen (45-60°)
Von vorne auf die Unterkanten aller Waben schauen. Taschenlampe nutzen. Bestiftete oder belarvte Zellen suchen.
Bei Bedarf: Randwaben zusätzlich ziehen
Schwarmzellen auch an Seitenflächen, Ecken und zwischen eng sitzenden Waben möglich.
Die Kippkontrolle ist die beste Erfindung seit dem Absperrgitter. In 3 Minuten weiß ich, ob ein Volk in Schwarmstimmung ist -- und ich störe die Bienen minimal.
Dr. Pia AumeierBienenforscherin, Ruhr-Universität Bochum
Weitere Schwarm-Indikatoren
Neben Weiselzellen gibt es ergänzende Hinweise auf nahende Schwarmstimmung:
- Bärte vor dem Flugloch: Bienen hängen bei warmem Wetter in dichten Trauben vor dem Flugloch. Allerdings auch bei reiner Überhitzung möglich -- erst in Kombination mit anderen Zeichen alarmierend.
- Reduzierte Sammelaktivität: Das Volk trägt trotz guter Tracht weniger ein -- die Bienen "sparen Energie" für den Schwarm.
- Königin wird schlanker: Ammenbienen reduzieren die Fütterung, damit die Königin flugfähig wird. Erfahrene Imker erkennen die schlankere Königin auf der Wabe.
- Viele Drohnen: Ein überdurchschnittlich hoher Drohnenanteil ist oft ein Begleitzeichen.
- Veränderter Brummton: Erfahrene Imker erkennen ein "aufgeregtes" Brummen, das sich vom normalen Arbeitsgeräusch unterscheidet.
Keines dieser Zeichen ist für sich allein beweisend -- aber in Kombination mit bestifteten Weiselzellen ergibt sich ein klares Bild.
Schwarmverhinderung: 5 Strategien
1. Raum geben (präventiv)
Die wichtigste Maßnahme: rechtzeitig Honigraum aufsetzen, sobald Bienen den Brutraum füllen. Lieber einen Tag zu früh als zu spät. Bei starken Völkern auch zweiten Honigraum geben.
Bei starker Tracht lagern Bienen Nektar direkt über dem Brutnest ein und drücken es zusammen. Die Königin hat keinen Platz zum Stiften = Schwarmstimmung. Lösung: Leere Waben zwischen Brutwaben hängen oder Honigraum direkt aufs Brutnest setzen.
2. Drohnenrahmen schneiden

Leerer Baurahmen im Brutraum → Bienen bauen Drohnenwabe → alle 3-4 Wochen verdeckelte Drohnenbrut ausschneiden. Doppelfunktion: Bautrieb befriedigen + Varroa-Bekämpfung. April bis Juli.
3. Brutableger/Flugling als Eingriff
Bei bestifteten Weiselzellen: Sofort handeln!
Alle Weiselzellen ausbrechen
Sämtliche bestifteten und belarvten Zellen. Auch versteckte Stellen prüfen: zwischen Waben, Ecken, hinter Schied.
Flugling bilden
Muttervolk versetzen, neue Beute am alten Standort mit 1-2 Brutwaben + Leerwaben. Flugbienen-Verlust bricht die Schwarmstimmung.
Nach 7 Tagen erneut kontrollieren
Schwarmstimmung kann zurückkehren. 7-Tage-Rhythmus beibehalten.
4. Umweiselung
Junge Königinnen (1-2 Jahre) produzieren mehr Pheromone und unterdrücken Schwarmtrieb. Alle 2 Jahre umweiseln, bei schwarmfreudigen Völkern jährlich. Idealzeitpunkt: Juli-August.
5. Totale Brutentnahme (Notfall)
Bei hartnäckiger Schwarmstimmung, die sich durch konventionelle Maßnahmen nicht brechen lässt: Alle Brutwaben entnehmen und durch Mittelwände ersetzen. Das Volk wird in die Situation eines Kunstschwarms versetzt.
Die totale Brutentnahme wirft das Volk massiv zurück. Sie ist nur gerechtfertigt, wenn alle anderen Methoden versagt haben und du den Schwarmabgang unbedingt verhindern musst (z.B. Sortenhonig-Ernte steht bevor oder kein Schwarmfang möglich). Vorteil: Wie beim Kunstschwarm ergibt sich ein ideales Fenster für die Varroa-Behandlung (alle Milben phoretisch). Die entnommenen Brutwaben können einem Ableger gegeben oder, bei hohem Milbenbefall, eingeschmolzen werden.
Schwarm einfangen
Trotz aller Vorsorge kann ein Schwarm abgehen. Frische Schwärme sind sehr sanftmütig (vollgesogen, kein Brutnest zu verteidigen).

Schwarmfang-Ausrüstung
Schwarm lokalisieren und einsprühen
Schwarmtraube mit Wasser besprühen (verhindert Auffliegen). Der Schwarm bleibt meist 1-3 Stunden an einer Stelle.
Schwarm abnehmen
Fangkasten unter den Schwarm halten und kräftig schütteln oder Bienen mit Besen einfegen. Wenn die Königin im Kasten ist, sterzeln die Bienen am Eingang (Nassanoff-Drüse) und Nachzügler folgen.
Abends verschließen und umsetzen
Bis zum Abend stehen lassen (Nachzügler sammeln). Dann verschließen und an neuen Standort bringen.
(1) In Beute mit Mittelwänden einschlagen -- sofortige Oxalsäure-Behandlung möglich (brutfrei!). (2) Mit schwachem Volk vereinigen (Zeitungsmethode). (3) Ableger verstärken. Wichtig: Fremde Schwärme immer in Quarantäne halten und auf Faulbrut prüfen.
Vereinigung mit Zeitungsmethode
- Zeitung (1 Blatt)
- Nadel
- Sprühflasche mit Zuckerwasser
- Schwarmkönigin vorher entfernen (nur wenn bestehendes Volk eigene Königin hat)
- Einzelne Zeitungsseite auf die Oberträger des bestehenden Volkes legen
- Mit Nadel 5-10 kleine Löcher stechen (Geruchskontakt)
- Schwarm-Zarge (ohne Königin) oben aufsetzen
- Bienen fressen sich in 1-2 Tagen durch und vereinigen sich friedlich
- Nach 3 Tagen kontrollieren
Naturschwarm vs. kontrollierte Teilung
| Aspekt | Naturschwarm | Kontrollierte Teilung |
|---|---|---|
| Zeitpunkt | Unvorhersehbar | Vom Imker planbar |
| Königin-Qualität | Alte Königin, Nachschaffung | Zuchtkönigin einsetzbar |
| Honigernte | Starker Verlust (50 % Bienen weg) | Minimal |
| Genetik | Schwarmtrieb wird vererbt | Selektion möglich |
| Nachbarprobleme | Schwarm im Nachbargarten | Keine |
Ein Imker, der seine Völker schwärmen lässt, macht sich das Leben schwer. Er verliert Bienen, Honig und verschlechtert die Genetik. Professionelles Schwarmmanagement ist die Grundlage wirtschaftlicher Imkerei.
Dr. Gerhard LiebigBienenkundler, Landesanstalt für Bienenkunde Hohenheim
Schwarmzeit-Kalender
Vorbereitung
Drohnenrahmen einhängen, Material bereitlegen. Erste Spielnäpfchen möglich (noch harmlos).
Schwarmzeit-Beginn
Erste Kippkontrollen (alle 7-9 Tage). Honigraum aufsetzen. Starke Völker beobachten.
Hauptschwarmzeit
Wöchentliche Kontrolle ist Pflicht! Ableger bilden, Drohnenrahmen schneiden. Höchstes Risiko bei Raps-Trachtende.
Schwarmzeit-Höhepunkt
Hohe Wachsamkeit. Sonnenwende: Schwarmtrieb lässt langsam nach. Letzte Ableger bilden.
Schwarmzeit-Ende
Schwarmtrieb klingt ab. Fokus wechselt auf Honigernte und Varroa-Behandlung.
Wissenscheck
Wie viele Tage vergehen zwischen Bestiftung und Verdeckelung einer Weiselzelle?
Was ist der effektivste Eingriff bei fortgeschrittener Schwarmstimmung?
Woran erkennst du beim Schwarmfang, dass die Königin im Kasten ist?
Warum ist ein eingefangener Schwarm ideal für Varroa-Behandlung?
Nächste Lektion: Wanderimkerei -- Trachten gezielt folgen und Sortenhonig ernten.