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Zuchtauslese: Die richtigen Voelker identifizieren

25 min9 min Lesezeit
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Bewertungskriterien, Leistungspruefung und Zuchtbuchfuehrung. So erkennst du deine besten Voelker und triffst fundierte Zuchtentscheidungen.

Zuchtauslese: Die richtigen Voelker identifizieren

Werkzeug zum Zeichnen einer Bienenkoenigin
Die gezielte Selektion der besten Voelker ist der Grundstein jeder zuechterischen Verbesserung

Jeder Imker, der Ableger bildet oder Koeniginnen nachzieht, betreibt -- ob bewusst oder unbewusst -- Selektion. Die entscheidende Frage ist: Geschieht sie zufaellig oder systematisch? In dieser Lektion erarbeitest du die Grundlagen der Zuchtauslese -- vom Bewertungskriterium bis zur strategischen Populationsplanung.

5-7 Kriterien
werden bei einer standardisierten Koerung bewertet -- mehr wuerde die Selektion verwassern

Die Bewertungskriterien

KriteriumHeritabilitaetMessbarkeitZucht-Prioritaet
Sanftmut0.3-0.5 (hoch)Subjektiv (Skala 1-4)1 (immer)
Wabensitz0.2-0.4 (mittel)Subjektiv (Skala 1-4)2
Schwarmneigung0.2-0.4 (mittel)Bedingt objektiv1 (immer)
Honigertrag0.15-0.25 (niedrig)Objektiv (kg)2-3
Varroa-Toleranz0.1-0.3 (niedrig-mittel)Objektiv (Tests)2 (steigend)
Ueberwinterung0.15-0.3Objektiv (Messung)2
Putztrieb0.2-0.35 (mittel)Objektiv (Nadeltest)2-3

Sanftmut und Wabensitz

Sanftmut (Skala 1-4: aggressiv bis sehr sanft) ist das am unmittelbarsten spuerbare Kriterium. Mit einer Heritabilitaet von 0,3-0,5 reagiert es gut auf Selektion. Beurteile dreimal pro Saison unter vergleichbaren Bedingungen (Wetter, Tageszeit).

Wabensitz beschreibt, wie ruhig die Bienen auf der gezogenen Wabe bleiben. Guter Wabensitz erleichtert die Arbeit enorm -- besonders bei Koeniginnensuche und Weiselzellenkontrolle.

Sanftmut korrekt beurteilen

Immer unter vergleichbaren Bedingungen bewerten: gleiche Tageszeit, aehnliches Wetter. Ein Volk bei Gewitterstimmung ist nicht automatisch aggressiv. Bilde den Durchschnitt aus mindestens 3 Bewertungen.

Schwarmneigung und Honigertrag

Schwarmneigung (Skala 1-4) ist oekonomisch eines der wichtigsten Kriterien. Ein Schwarm = Ertragsverlust + geschwächtes Muttervolk. Dokumentiere bei jeder Kontrolle: Spielnaepfchen, bestiftete Weiselzellen, gebrochener Schwarmtrieb.

Honigertrag ist einfach messbar (kg/Volk), aber stark umweltabhaengig. Vergleiche nur zwischen Voelkern am gleichen Stand und berechne die Abweichung vom Standmittelwert.

Varroa-Toleranz und Putztrieb

Varroa-Toleranz wird ueber natuerlichen Milbenfall, Milbenvermehrungsrate und den Nadeltest (Hygieneverhalten) gemessen. Beim Nadeltest werden 100 Brutzellen durchstochen -- ueber 80 % Ausraeumung nach 24 Stunden zeigt hygienisch hochwertiges Verhalten.

Leistungspruefung durchfuehren

  1. Voelker kennzeichnen (Maerz)

    Jedes Volk bekommt eine Nummer, die Koenigin wird farblich markiert. Alle Voelker erhalten eine vergleichbare Ausgangslage: aehnliche Volksstaerke, gleicher Standort.

  2. Schwarmzeit-Bewertung (Mai/Juni)

    Bei jedem Kontrollgang Schwarmneigung dokumentieren. Gleichzeitig Sanftmut und Wabensitz beurteilen (Skala 1-4).

  3. Honigernte erfassen (Juni-August)

    Jede Ernte pro Volk wiegen -- nicht schaetzen! Am Saisonende ergibt sich der Gesamtertrag.

  4. Varroa-Assessment (Juli-September)

    Vor der Sommerbehandlung Milbenbefall quantifizieren. Voelker mit niedrigerem Befall sind Toleranz-Kandidaten.

  5. Herbstbeurteilung (Oktober)

    Einwinterungsstaerke, Futtervorrat, Zustand der Koenigin. Gesamtbewertung eintragen.

  6. Fruehjahrsresultat (Maerz Folgejahr)

    Hat das Volk ueberlebt? Wie stark ist es im Vergleich zur Einwinterung? Erst jetzt ist die Leistungspruefung vollstaendig.

Brutwabe bei der Leistungspruefung kontrollieren
Gruendliche Durchsichten liefern die Daten fuer eine fundierte Leistungspruefung

Der Bewertungsbogen

Pflichtfelder pro Volk und Saison

Fortschritt0/0

A/B/C-Einstufung

  • A-Voelker: Ueberdurchschnittlich in allen Kriterien. Von diesen wird nachgezogen.
  • B-Voelker: Durchschnitt. Bleiben am Stand, keine Nachzucht.
  • C-Voelker: Unterdurchschnittlich. Koenigin wird ersetzt.
Die 20/60/20-Regel

Typische Verteilung: 20 % A-Voelker (Zucht), 60 % B-Voelker (Stand), 20 % C-Voelker (Umweiseln). Konsequente Selektion in beide Richtungen -- von den Besten nachziehen UND die Schlechtesten umweiseln -- beschleunigt den Fortschritt.

AGT-Toleranzzucht: Das Praxisbeispiel

Die Arbeitsgemeinschaft Toleranzzucht (AGT) ist das groesste deutsche Zuchtprogramm mit Fokus auf Varroa-Toleranz und zeigt beispielhaft, wie systematische Zuchtauslese funktioniert.

Teilnehmende Imker (ueber 150 Betriebe) melden Pruefvoelker an, die nach einheitlichem Schema bewertet werden. Neben den Standardkriterien (Honigertrag, Sanftmut, Schwarmneigung) werden Toleranz-spezifische Merkmale geprueft: natuerlicher Milbenfall, Nadeltest und optionale VSH-Testung. Die Ergebnisse fliessen in die Beebreed-Zuchtwertschaetzung ein, und die besten Koeniginnen werden fuer die Nachzucht ausgewaehlt.

Koerung und Belegstellen

Eine Koerung ist die offizielle Bewertung durch ausgebildete Koermeister -- Voraussetzung fuer die Zuchtbuch-Eintragung. Der Koermeister bewertet Sanftmut, Wabensitz, Wabenbau, Volksentwicklung und Krankheitsfreiheit.

Belegstellen bieten kontrollierte Drohnen-Genetik. Drei Typen: Inselbelegstellen (zuverlaessigste Isolation), Gebirgsbelegstellen (Alpen-Taeler) und Landstandbelegstellen (Flachland, weniger zuverlaessig). Alternative: Instrumentelle Besamung fuer vollstaendige Paarungskontrolle.

Die kontrollierte Anpaarung auf Belegstellen oder durch instrumentelle Besamung ist das maechtigste Werkzeug der Bienenzucht. Ohne Kontrolle der Vaterseite ist jede Selektion nur halb so wirksam.

Prof. Dr. Kaspar Bienefeld
Laenderinstitut fuer Bienenkunde Hohen Neuendorf

Zuchtbuecher und Beebreed

Beebreed (beebreed.eu) ist die zentrale europaeische Zuchtwert-Datenbank mit ueber 170.000 Pruefergebnissen. Zuchtwerte werden als Abweichung vom Populationsmittel angegeben (100 = Durchschnitt, 110 = ueberdurchschnittlich).

170.000+
gepruefte Bienenvoelker in der Beebreed-Datenbank -- die groesste ihrer Art weltweit

Auch ohne offizielle Teilnahme fuehrst du ein eigenes Zuchtbuch mit: Zuchtbuchnummer, Geburtsjahr, Muttervolk, Begattungsart, Belegstelle und Leistungsdaten jeder Saison.

Blau markierte Bienenkoenigin auf einer Wabe
Die farbliche Markierung nach Internationaler Farbkonvention ist fuer jede Zuchtarbeit unverzichtbar

Internationaler Farbcode fuer Koeniginnen

Die Markierung der Koenigin folgt einem international einheitlichen System, das nach dem letzten Ziffernpaar des Geburtsjahres bestimmt wird:

EndzifferFarbeBeispieljahre
1 oder 6Weiss2021, 2026
2 oder 7Gelb2022, 2027
3 oder 8Rot2023, 2028
4 oder 9Gruen2024, 2029
5 oder 0Blau2025, 2030

Die Markierung erfolgt mit einem Farbstift (Opalith-Plaettchen oder Lackstift) auf dem Thorax der Koenigin. Sie ermoeglicht es, das Alter jeder Koenigin sofort zu erkennen und stille Umweiselungen zu entdecken (pploetzlich eine Koenigin mit "falscher" Farbe).

Populationsgenetik-Grundlagen

Heterosis und Inzucht

Heterosis (Hybridvitalitaet): Nachkommen aus der Kreuzung genetisch unterschiedlicher Linien sind oft leistungsfaehiger als beide Eltern. Maximaler Effekt in der F1-Generation, nimmt in F2 ab.

Inzucht ist bei Honigbienen besonders schaedlich wegen des CSD-Gens: Bei Homozygotie entstehen diploide Drohnen, die sofort gefressen werden -- es bleiben leere Brutzellen. Sichtbar als lueckiges Brutnest.

Inzucht aktiv vermeiden

Nie mehrere Generationen vom selben Muttervolk nachziehen, ohne frisches Erbgut einzubringen. Alle 2-3 Jahre eine Koenigin von einem fremden Zuechter kaufen. Verschiedene Belegstellen nutzen.

Zuchtfortschritt berechnen

Der Zuchtfortschritt pro Generation: Heritabilitaet x Selektionsdifferential

Beispiel Sanftmut (h2 = 0.4): Populationsmittel 2.8, Zuchtvolk-Mittel 3.6 -> Selektionsdifferential 0.8 -> Erwarteter Fortschritt: 0.4 x 0.8 = 0.32 Punkte pro Generation. In der Praxis wird der Effekt durch die unkontrollierte Drohnenseite halbiert (bei Standbegattung).

Zuchtauslese im eigenen Bestand: Sofort starten

Dein Einstiegsplan
ueber die Saison verteilt
Material
  • Stockkarte/App (z.B. Hivekraft)
  • Federwaage fuer Honigernte
  • Puderzucker-Kit fuer Varroa-Monitoring
  • Koeniginnen-Zeichenstifte

Schritt 1: Alle Koeniginnen markieren und nummerieren.

Schritt 2: Bei jeder Durchsicht Sanftmut und Wabensitz dokumentieren.

Schritt 3: Schwarmverhalten lueckenlos erfassen.

Schritt 4: Honigertrag pro Volk wiegen -- nicht schaetzen!

Schritt 5: Am Saisonende A/B/C einstufen. Von A nachziehen, C umweiseln.

Schritt 6: Alle 2-3 Jahre frisches Erbgut einfuehren (Koeniginnenkauf, Belegstelle).

Zuchtauslese im eigenen Bestand: Praktische Tipps

Auch ohne Zuchtstation kannst du deinen Bestand systematisch verbessern:

Tipp 1: Nicht von Schwarmvoelkern nachziehen. Wenn du Ableger von Voelkern bildest, die gerade in Schwarmstimmung sind, selektierst du unbewusst auf Schwarmneigung. Bilde Ableger gezielt von schwarmtraegen A-Voelkern.

Tipp 2: Standbegattung ist besser als ihr Ruf. Auch ohne Belegstelle erzielst du Zuchtfortschritt, wenn du konsequent von den besten Voelkern nachziehst und die schlechtesten umweiselst. Der Effekt ist langsamer, aber vorhanden.

Tipp 3: Drohnenvoelker am Stand beeinflussen. Stelle sicher, dass deine A-Voelker im Fruehjahr Drohnen aufziehen (Drohnenrahmen gezielt bei den besten Voelkern einhaengen). Damit erhoehst du den Anteil guter Genetik im Drohnenraum deines Stands.

Tipp 4: Mindestens 8-10 Voelker vergleichen. Zuchtauslese funktioniert nur mit einer Mindestanzahl an Vergleichsvoelkern. Mit 3-4 Voelkern sind die Daten statistisch nicht aussagekraeftig. Deshalb ist die Zusammenarbeit im Verein so wertvoll.

Haeufige Fehler

Gesundes, lueckenloses Brutnest
Ein geschlossenes Brutnest ist ein positives Zeichen -- und kann auf gute Genetik hinweisen

Wissenscheck

Was bedeutet eine Heritabilitaet von 0.4 bei der Sanftmut?

Warum ist die A/B/C-Einstufung wichtig?

Was ist das Problem diploider Drohnen bei Inzucht?


In der naechsten Lektion widmen wir uns verschiedenen Beutensystemen -- vom Zweivolksystem bis zur Top Bar Hive.

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