Den Feind kennen: Varroa destructor im Detail
Biologie, Lebenszyklus und Schadwirkung der Varroa-Milbe verstehen. Warum unsere Honigbienen wehrlos sind und wie sich der Befall exponentiell entwickelt.
Den Feind kennen: Varroa destructor im Detail

Bevor wir ueber Behandlungsmethoden, Schwellenwerte und Jahreszeitplanung sprechen, muessen wir verstehen, womit wir es eigentlich zu tun haben. Die Varroa destructor ist kein gewoehnlicher Parasit. Sie ist ein hochspezialisierter Brutparasit, der sich ueber Millionen von Jahren gemeinsam mit der Asiatischen Honigbiene entwickelt hat -- und der unsere Westliche Honigbiene innerhalb weniger Jahrzehnte vor eine existenzielle Bedrohung gestellt hat.
In dieser ersten Lektion des Varroa-Meisterkurses legen wir das Fundament fuer alles Weitere: Biologie, Lebenszyklus, Schadwirkung und die Dynamik des Befallswachstums.
Die Geschichte einer Invasion
Die Varroa-Milbe war fuer die europaeische Imkerei lange ein Unbekannter. Urspruenglich lebt Varroa destructor auf der Asiatischen Honigbiene (Apis cerana), wo sie als Parasit der Drohnenbrut eine relativ harmlose Rolle spielt. Apis cerana hat ueber Jahrmillionen wirksame Abwehrstrategien entwickelt und haelt die Milbenpopulation auf einem niedrigen Niveau.
Der Wirtswechsel
In den 1950er- und 1960er-Jahren wurde die Westliche Honigbiene (Apis mellifera) zu kommerziellen Zwecken nach Suedostasien importiert. Dort kam sie erstmals mit Varroa destructor in Kontakt -- und die Milbe fand einen neuen, wehrlosen Wirt.
Ursprung (bis 1950er)
Varroa destructor lebt ausschliesslich auf Apis cerana in Suedostasien. Die Milbe parasitiert vorwiegend Drohnenbrut, Apis cerana reguliert den Befall durch gezielte Brutentfernung und intensives Putzverhalten (Grooming).
Wirtswechsel (1950er-1960er)
Europaeische Honigbienen werden nach Asien importiert. In Kontaktzonen springen Varroa-Milben auf Apis mellifera ueber. Die neue Wirtsart hat keine Abwehrmechanismen.
Ausbreitung in Europa (1970er-1980er)
Ueber importierte Bienen gelangt die Milbe nach Europa. 1977 wird sie erstmals in Deutschland nachgewiesen. Innerhalb von zehn Jahren ist praktisch jedes Bienenvolk in Mitteleuropa befallen.
Globale Pandemie (ab 1990er)
Heute ist Varroa destructor auf allen Kontinenten praesent -- mit Ausnahme von Australien, das bis vor kurzem verschont blieb (erster Nachweis 2022). Es gibt kein zurueck zu einer varroafreien Imkerei.
Die Asiatische Honigbiene hat mindestens drei Verteidigungsstrategien gegen Varroa entwickelt: (1) Befallene Brutzellen werden erkannt und ausgeraeumt (hygienisches Verhalten), (2) Arbeiterinnen beissen Milben aktiv von befallenen Bienen ab (Grooming), (3) die Milbe vermehrt sich fast ausschliesslich in Drohnenbrut, die insgesamt weniger vorhanden ist. Unserer Apis mellifera fehlen diese Verhaltensweisen weitgehend.
Anatomie der Milbe

Varroa destructor gehoert zu den Spinnentieren (Arachnida), genauer zu den Milben (Acari). Die ausgewachsene weibliche Milbe ist mit blossem Auge erkennbar:
- Groesse: ca. 1,1 x 1,6 mm (oval, flach)
- Farbe: Rotbraun bis dunkelbraun
- Koerperform: Schildfoermig, flach -- perfekt angepasst, um sich zwischen den Bauchschuppen der Biene festzuklammern
- Mundwerkzeuge: Stechend-saugende Cheliceren, mit denen sie die Koerperhuelle der Biene durchbohrt
- Beine: 8 Beine mit Haftlappen (Ambulacra) zum Festhalten an glatten Oberflaechen
- Sinnesorgane: Hochempfindliche chemorezeptive Haare (Sensillen), mit denen sie Bienenpheromone und Brutduefte wahrnimmt
Die maennliche Milbe ist deutlich kleiner (ca. 0,7 mm), weisslich-gelb und weichhaeutig. Sie verlaesst die Brutzelle nie und stirbt kurz nach der Paarung. Du wirst maennliche Milben daher nur sehen, wenn du befallene Brutzellen oeffnest.
Der Lebenszyklus: Reproduktion in der Brutzelle
Das Verstaendnis des Varroa-Lebenszyklus ist entscheidend fuer jede Bekaempfungsstrategie. Denn die Milbe verbringt einen Grossteil ihres Lebens geschuetzt in der verdeckelten Brutzelle -- dort, wo die meisten Behandlungsmittel sie nicht erreichen koennen.
Phoretische Phase (auf der Biene)
Zwischen den Fortpflanzungszyklen sitzt die weibliche Milbe auf erwachsenen Bienen, bevorzugt zwischen den Bauchschuppen (Sternite). Dort ernaehrt sie sich vom Fettkoerpergewebe der Biene. Diese Phase dauert 5 bis 11 Tage, kann in brutfreien Phasen aber auch mehrere Monate andauern.
Waehrend der phoretischen Phase orientiert sich die Milbe gezielt zu Brutzellen. Sie erkennt die kurz vor der Verdeckelung stehende Brut anhand spezifischer chemischer Signale.
Reproduktionsphase (in der Brutzelle)

Der eigentliche Vermehrungszyklus laeuft in praezise getakteten Schritten ab:
Einwandern (Tag 0)
Die Muttermilbe (Foundress) dringt ca. 20 Stunden vor der Verdeckelung in eine Brutzelle ein. Sie bevorzugt Drohnenbrut (8-12-fach gegenueber Arbeiterinnenbrut), da die laengere Verdeckelungsdauer mehr Nachkommen ergibt.
Erstes Ei (ca. 60 Stunden nach Verdeckelung)
Die Muttermilbe legt ihr erstes Ei -- ein unbefruchtetes maennliches Ei. Es entwickelt sich zum einzigen Maennchen des Geleges.
Weitere Eier (alle 30 Stunden)
In Abstaenden von etwa 30 Stunden werden befruchtete weibliche Eier gelegt. In Arbeiterinnenbrut sind es typischerweise 3-4, in Drohnenbrut 4-6 Eier.
Entwicklung der Nachkommen
Jedes Ei durchlaeuft die Stadien Larve -> Protonymphe -> Deutonymphe -> Adulte Milbe. Die gesamte Entwicklung dauert etwa 6-7 Tage.
Paarung in der Zelle
Das Maennchen paart sich mit seinen Schwestern, sobald diese das Adultstadium erreichen -- noch innerhalb der verdeckelten Brutzelle. Danach stirbt das Maennchen.
Schlupf (Tag 12 / Tag 14-15)
Wenn die junge Biene schluepft, verlassen die begatteten Tochter-Milben zusammen mit der Muttermilbe die Zelle. In Arbeiterinnenbrut (12 Tage verdeckelt) schaffen typisch 1-2 Tochtermilben die vollstaendige Entwicklung. In Drohnenbrut (14-15 Tage) koennen es 2-3 sein.
Die Milbe bevorzugt Drohnenbrut nicht nur wegen der laengeren Verdeckelungsdauer (= mehr Nachkommen), sondern auch aufgrund staerkerer Lockstoffe. Drohnenbrut gezielt zu entfernen, entzieht der Milbe ihre produktivste Brutstube -- mehr dazu in Lektion 3.
Wie die Milbe schaedigt: Mehr als nur ein Blutsauger
Lange dachte man, Varroa wuerde Haemolymphe (Bienenblut) saugen. Neuere Forschung zeigt: Die Milbe ernaehrt sich primaer vom Fettkoerpergewebe der Biene. Der Fettkoerper ist ein lebenswichtiges Organ, vergleichbar mit der Leber bei Saeugetieren. Er ist zentral fuer:
- Immunabwehr der Biene
- Entgiftung von Pestiziden und anderen Schadstoffen
- Eiweissproduktion (Vitellogenin, das "Langlebigkeitsprotein" der Winterbienen)
- Energiespeicherung fuer die Ueberwinterung
| Schadwirkung | Mechanismus | Folge fuer das Volk |
|---|---|---|
| Fettkoerper-Schaedigung | Direktes Anstechen und Aussaugen des Fettkoerpergewebes | Verkuerzte Lebensdauer, geschwaechtere Winterbienen |
| Virenuebertragung (DWV) | Fluegeldeformationsvirus wird beim Saugen injiziert | Verkrueppelte Fluegel, flugunfaehige Bienen |
| Virenuebertragung (ABPV) | Akutes Bienenparalyse-Virus wird uebertragen | Lahmungen, schneller Tod, Volkszusammenbruch |
| Immunsuppression | Geschwaechter Fettkoerper reduziert Immunantwort | Hoehere Anfaelligkeit fuer Sekundaerinfektionen |
| Gewichtsverlust der Puppen | Naehrstoffentzug waehrend der Entwicklung | Leichtere, schwaecher entwickelte Jungbienen |
Die Rolle der Viren
Die Virenuebertragung ist heute als die eigentliche Hauptgefahr erkannt. Ohne Varroa sind Bienenviren wie DWV (Deformed Wing Virus) und ABPV (Acute Bee Paralysis Virus) in geringen Mengen vorhanden, aber harmlos. Die Milbe veraendert die Situation auf zwei Wegen:
- Direkte Injektion: Beim Saugen uebertraegt die Milbe Viren direkt in die Biene -- am Immunsystem vorbei
- Virusvermehrung: In stark befallenen Voelkern explodiert die Viruslast, weil die Milbe als "Virenkatapult" wirkt

Ein Volk mit hoher Milbenlast zeigt oft monatelang keine sichtbaren Symptome. Der Zusammenbruch kommt dann ploetzlich -- meist im Spaetherbst oder Fruehwinter. Bis du verkrueppelte Bienen vor dem Flugloch siehst, ist es oft schon zu spaet. Deshalb ist regelmaessiges Monitoring (Lektion 2) so wichtig!
Exponentielles Wachstum: Die Mathematik des Befalls
Das Verstaendnis der Befallsdynamik ist entscheidend fuer die Wahl des richtigen Behandlungszeitpunkts. Die Varroa-Population waechst waehrend der Brutsaison exponentiell.
Die Zahlen
Beginnen wir mit einer einzigen Milbe im Fruehling:
| Monat | geschaetzte Milbenzahl | Kommentar |
|---|---|---|
| Maerz | 50 | Restbefall nach Winterbehandlung |
| Mai | 200 | Langsames Wachstum (wenig Brut) |
| Juli | 1.000-2.000 | Beschleunigtes Wachstum mit Bruthoehepunkt |
| August | 3.000-5.000 | Kritische Schwelle wird ueberschritten |
| Oktober (ohne Behandlung) | 10.000+ | Volkszusammenbruch steht bevor |
Die Verdoppelungszeit der Milbenpopulation liegt waehrend der Brutsaison bei etwa 3-4 Wochen. Das bedeutet: Wer im Juli bei 1.000 Milben nicht handelt, hat im September 4.000-8.000 Milben -- der Punkt, an dem der Schaden irreversibel wird.
Ab ca. 3.000-5.000 Milben in einem Volk kippt die Situation. Die Viruslast steigt sprunghaft an, die Winterbienen werden massiv geschaedigt, und das Volk ist ohne sofortige Intervention verloren. Die jaehrlichen Winterverluste in Deutschland (10-20 %) gehen ueberwiegend auf zu spaete oder unzureichende Varroa-Behandlung zurueck.
Der Reinvasions-Effekt
Ein weiterer kritischer Faktor: Selbst perfekt behandelte Voelker werden durch Reinvasion aus der Umgebung wieder befallen. Milben wechseln ueber verfliegende Bienen, Raeuberei und driftende Drohnen von Volk zu Volk. In bienenreichen Gebieten koennen pro Woche 100-300 Milben in ein behandeltes Volk eingetragen werden.
Varroa ist kein Problem einzelner Voelker, sondern ein Flaechenproblem. Wer seine Voelker perfekt behandelt, aber ein unbehandeltes Volk in der Nachbarschaft hat, kann trotzdem Voelker verlieren. Deshalb sind abgestimmte Behandlungskonzepte in der Region so wichtig.
Prof. Dr. Peter RosenkranzLandesanstalt fuer Bienenkunde, Universitaet Hohenheim
Die Jahreszeituhr der Varroa
Die Milbenentwicklung ist eng mit dem Brutzyklus des Bienenvolkes verknuepft. Je mehr Brut vorhanden ist, desto staerker vermehrt sich die Milbe:
Brutfreie Phase
Minimale Milbenvermehrung. Milben sitzen phoretisch auf Bienen in der Wintertraube. Idealer Zeitpunkt fuer Oxalsaeure-Behandlung.
Brutbeginn
Das Volk startet die Brut. Milben wandern in die ersten Brutzellen ein. Langsames Populationswachstum.
Bruthoehepunkt
Maximale Brutflaeche. Starke Milbenvermehrung, besonders in Drohnenbrut. Biotechnische Massnahmen (Drohnenschnitt) wirken jetzt am besten.
Kritische Phase
Milbenpopulation erreicht ihr Maximum. Winterbienen werden aufgezogen. JETZT muss behandelt werden -- jede Woche zaehlt!
Brutrueckgang
Brutflaeche nimmt ab, Milbenanteil auf Bienen steigt. Nachbehandlung wenn noetig. Kontrolle des Behandlungserfolgs.
Brutfrei
Keine oder minimale Brut. Alle Milben sitzen auf Bienen. Winterbehandlung mit Oxalsaeure -- der wichtigste Behandlungszeitpunkt des Jahres.
Zusammenfassung: Was du dir merken musst
Kernwissen Varroa-Biologie
Wissenscheck
Warum ist Apis mellifera besonders anfaellig fuer Varroa destructor?
Was ist die Hauptgefahr durch Varroa-Befall?
In welcher Phase ihres Lebenszyklus ist die Varroa-Milbe fuer die meisten Behandlungen NICHT erreichbar?
In der naechsten Lektion lernst du, wie du den Varroa-Befall in deinen Voelkern zuverlaessig misst und dokumentierst -- die Grundlage fuer jede gezielte Behandlungsentscheidung.