Varroa-Monitoring: Zaehlen, messen, dokumentieren
Lerne die wichtigsten Methoden zur Varroa-Befallskontrolle: Puderzucker, Gemuelldiagnose, Alkoholwaschung und kritische Schwellenwerte.
Varroa-Monitoring: Zaehlen, messen, dokumentieren

"Behandle nicht nach Kalender, sondern nach Befall." Dieser Grundsatz ist das A und O eines erfolgreichen Varroa-Managements. Ohne zuverlaessiges Monitoring triffst du Behandlungsentscheidungen im Blindflug -- und das kann dich Voelker kosten. Zu frueh behandeln verschwendet Ressourcen und belastet die Bienen unnoetig. Zu spaet behandeln fuehrt zu irreversiblen Schaeden an den Winterbienen.
In dieser Lektion lernst du die vier wichtigsten Monitoring-Methoden, ihre jeweiligen Staerken und Schwaechen, und die entscheidenden Schwellenwerte, die dir sagen, wann du handeln musst.
Warum Monitoring ueber Erfolg und Misserfolg entscheidet
Jedes Bienenvolk ist anders. Selbst am selben Stand koennen zwei Voelker voellig unterschiedliche Befallswerte haben -- abhaengig von Volkstaerke, Brutumfang, Schwarmgeschehen und Reinvasionsdruck. Ein pauschaler Behandlungsplan nach Kalender wird dieser Realitaet nicht gerecht.
Regelmaessiges Monitoring ermoeglicht dir:
- Den optimalen Behandlungszeitpunkt zu bestimmen (nicht zu frueh, nicht zu spaet)
- Die Wirksamkeit einer Behandlung zu ueberpruefen
- Voelker mit unerwartet hohem Befall fruehzeitig zu identifizieren
- Reinvasionsereignisse nach der Behandlung zu erkennen
- Eine lueckenlose Dokumentation fuer die Behandlungsplanung aufzubauen
Studien zeigen, dass Imker, die regelmaessig den Befall kontrollieren, im Durchschnitt 30-50 % weniger Winterverluste haben als Imker, die nach Bauchgefuehl behandeln. Monitoring kostet Zeit -- aber es spart Voelker.
Methode 1: Puderzuckermethode (Empfohlen!)
Die Puderzuckermethode (auch "Puderzucker-Auswaschung" oder "Sugar Shake") ist die empfohlene Standardmethode fuer Hobbyimker. Sie ist zuverlaessig, bienenschonend und liefert quantitative Ergebnisse.
Prinzip
Bienen werden mit feinem Puderzucker bestaeut. Der Zucker stoert den Halt der Milben auf der Bienenoberflaeche, und sie fallen ab. Durch ein Sieb werden die Milben aufgefangen und gezaehlt. Die Bienen ueberleben den Vorgang unbeschadet.

Schritt-fuer-Schritt-Anleitung
Material vorbereiten

Du brauchst: ein Weithalsglas (500 ml) mit Drahtgitterdeckel (Maschenweite 3-4 mm, laesst Milben durch, haelt Bienen zurueck), einen Messbecher (125 ml / halbe Tasse), ca. 2 Essloeffel feinen Puderzucker, eine weisse Schale oder ein weisses Blatt Papier, und Wasser.
Bienen abfegen
Oeffne das Volk und waehle eine Brutwabe mit moeglichst vielen aufsitzenden Bienen. Wichtig: Stelle sicher, dass die Koenigin NICHT auf dieser Wabe sitzt! Fege ca. 300 Bienen (etwa eine halbe Tasse / 125 ml) in das Glas. 300 Bienen sind der Standard fuer aussagekraeftige Ergebnisse.
Puderzucker hinzufuegen
Gib 2 gehaeufte Essloeffel Puderzucker durch den Drahtgitterdeckel ins Glas. Verschliesse das Glas und rolle es 1-2 Minuten vorsichtig, damit alle Bienen gleichmaessig eingestaubt werden. Der Zucker stoert die Haftung der Milben.
Milben ausschuetteln
Drehe das Glas um und schuettle es kraeftig ueber der weissen Schale. Milben und ueberschuessiger Puderzucker fallen durch das Gitter. Schuettle 30-60 Sekunden. Wiederhole ggf. mit einem Spritzer Wasser -- das loest den Zucker und macht die Milben besser sichtbar.
Zaehlen und berechnen
Zaehle die rotbraunen Milben auf der weissen Flaeche. Berechne: (Milbenzahl / 300) x 100 = Befall in Prozent. Also: 9 Milben bei 300 Bienen = 3 % Befall.
Bienen zurueckgeben
Schuettle die angezuckerten Bienen zurueck ins Volk. Sie putzen sich den Zucker innerhalb weniger Minuten ab -- unbeschadet.
- Weithalsglas 500ml mit Drahtgitterdeckel (3-4mm Maschenweite)
- Messbecher 125ml
- Feiner Puderzucker (2 EL)
- Weisse Schale oder Papier
- Wasser (optional zum Ausloesen)
- Brutwabe waehlen (ohne Koenigin!)
- Ca. 300 Bienen in Glas fegen (125 ml Volumen)
- 2 EL Puderzucker durch Gitter einfuellen
- Glas 1-2 Minuten vorsichtig rollen
- Ueber weisser Flaeche 30-60 Sekunden schuetteln
- Milben zaehlen, Befall in Prozent berechnen
- Bienen zurueck ins Volk geben
Methode 2: Gemuelldiagnose (Natuerlicher Milbenfall)
Die Gemuelldiagnose ist die einfachste und stoerungsaermste Methode. Du zaaehlst die Milben, die auf natuerlichem Weg vom Volk abfallen -- ohne das Volk zu oeffnen.
Prinzip
Unter dem Gitterboden wird eine weisse Einlage (Windel/Diagnosebrett) eingeschoben. Nach 3-7 Tagen werden die darauf gefallenen Milben gezaehlt und der taegliche Milbenfall berechnet.

- Weisse Bodeneinlage/Windel (passend zum Beutensystem)
- Lupe (hilfreich)
- Fettstift oder Vaseline (optional, gegen Ameisen)
- Weisse Einlage unter den Gitterboden schieben
- Optional: Einlage duenn mit Vaseline bestreichen (fixiert Milben, schuetzt vor Ameisen)
- 3-7 Tage liegen lassen (bei 3 Tagen Minimum genauer)
- Einlage herausziehen und Milben zaehlen
- Berechnung: Gesamtzahl Milben / Anzahl Tage = taeglicher Milbenfall
- Ergebnis dokumentieren und mit Schwellenwerten abgleichen
Einfetten der Einlage mit Vaseline verhindert, dass Ameisen die Milben wegtragen und das Ergebnis verfaelschen. Ausserdem bleiben die Milben fixiert und rollen nicht beim Herausziehen weg.
Methode 3: Alkohol-/Seifenwasserwaschung
Diese Methode ist die genaueste, toetet aber die Probenbienen. Sie wird von Forschungseinrichtungen und professionellen Imkern bevorzugt.
Prinzip
Ca. 300 Bienen werden in einer Loesung aus Alkohol (70 % Isopropanol) oder Spuelmittelwasser ausgewaschen. Die Milben loesen sich von den Bienen und koennen exakt gezaehlt werden.
| Aspekt | Alkoholwaschung | Seifenwasserwaschung |
|---|---|---|
| Genauigkeit | Sehr hoch (>90 % der Milben werden erfasst) | Hoch (~85 % Erfassungsrate) |
| Bienen ueberleben? | Nein | Nein |
| Material | 70 % Isopropanol | Wasser + Spuelmittel |
| Kosten | Gering (Alkohol aus der Apotheke) | Minimal |
| Empfohlen fuer | Profis, Zuchtbetriebe, Forschung | Alternative wenn kein Alkohol verfuegbar |
Fuer die meisten Hobbyimker reicht die Puderzuckermethode voellig aus. Die Alkoholwaschung lohnt sich, wenn du Zuchtvoelker selektierst (geringe Varroa-Toleranz als Zuchtkriterium) oder bei widerspruechlichen Ergebnissen anderer Methoden eine zweite Meinung brauchst.
Methode 4: Drohnenbrutentnahme und Kontrolle
Die Kontrolle von Drohnenbrut liefert wertvolle Informationen ueber den Befall, da die Milbe Drohnenzellen stark bevorzugt.
Prinzip
Verdeckelte Drohnenzellen werden mit einer Entdeckelungsgabel geoeffnet und die Puppen auf Milbenbefall untersucht. Die rotbraunen Milben sind auf den weissen Drohnenpuppen gut sichtbar.

- Entdeckelungsgabel
- Helle Unterlage
- Lupe (hilfreich)
- Verdeckelten Drohnenbau-Bereich auf dem Baurahmen suchen
- Mit der Entdeckelungsgabel mindestens 100 Drohnenpuppen vorsichtig herausziehen
- Puppen auf heller Unterlage ausbreiten
- Milben zaehlen (rotbraune, ovale Koerper, ca. 1,5 mm)
- Berechnung: Milben / Anzahl Puppen x 100 = Befall in Prozent
- Ab 10 % Befall in Drohnenbrut ist dringendes Handeln noetig
Vergleich aller Monitoring-Methoden
| Kriterium | Puderzucker | Gemuelldiagnose | Alkoholwaschung | Drohnenbrutkontrolle |
|---|---|---|---|---|
| Genauigkeit | Gut (80-90 %) | Mittel (Tendenzwert) | Sehr gut (>90 %) | Gut (nur Drohnenbrut) |
| Bienenverlust | Keiner | Keiner | Ca. 300 Bienen | Drohnenpuppen |
| Stoerung des Volkes | Mittel (Volk oeffnen) | Keine | Mittel (Volk oeffnen) | Gering bis mittel |
| Zeitaufwand | 10-15 min/Volk | 5 min + Wartezeit | 10-15 min/Volk | 10 min/Volk |
| Materialkosten | Minimal (Puderzucker) | Minimal (Einlage) | Gering (Alkohol) | Keine |
| Zeitraum nutzbar | April-Oktober | Ganzjaehrig | April-Oktober | April-Juni |
| Empfehlung | Standardmethode | Ergaenzend / Verlaufskontrolle | Zuchtbetriebe | Fruehjahrskontrolle |
Die besten Ergebnisse erzielst du mit einer Kombination: Gemuelldiagnose als laufende Verlaufskontrolle (billig, stoerungsfrei) plus Puderzuckermethode vor jeder Behandlungsentscheidung (quantitativ, zuverlaessig). So hast du sowohl den Trend als auch den aktuellen Absolutwert.
Die kritischen Schwellenwerte
Die entscheidende Frage: Ab wann muss ich behandeln? Die folgenden Schwellenwerte basieren auf den Empfehlungen der deutschen Bieneninstitute und gelten fuer den natuerlichen Milbenfall (Gemuelldiagnose) und die Puderzuckermethode:
Natuerlicher Milbenfall (Gemuelldiagnose)
| Milben pro Tag | Bewertung | Massnahme |
|---|---|---|
| < 3 | Geringer Befall | Weiter beobachten, naechste Kontrolle in 3-4 Wochen |
| 3-5 | Erhoehter Befall | Behandlung planen, innerhalb der naechsten 2 Wochen behandeln |
| 5-10 | Hoher Befall | Behandlung noetig! Zeitnah (innerhalb 1 Woche) behandeln |
| > 10 | Kritischer Befall | SOFORT behandeln! Wirtschaftlicher Totalschaden droht |
Puderzuckermethode / Auswaschung (pro 300 Bienen)
| Milben pro 300 Bienen | Befall in % | Bewertung | Massnahme |
|---|---|---|---|
| 0-3 | < 1 % | Geringer Befall | Weiter beobachten |
| 3-9 | 1-3 % | Erhoehter Befall | Behandlung planen |
| 9-15 | 3-5 % | Hoher Befall | Zeitnah behandeln |
| > 15 | > 5 % | Kritischer Befall | SOFORT behandeln! |
Die Schwellenwerte muessen im saisonalen Kontext interpretiert werden. 5 Milben pro Tag im Mai sind deutlich alarmierender als 5 Milben pro Tag Anfang August nach der Honigernte -- denn im Mai steht dem Volk noch eine ganze Brutsaison bevor, in der sich die Milbenpopulation vervielfacht. Fruehe hohe Werte deuten auf massive Reinvasion oder eine fehlgeschlagene Winterbehandlung hin.
Saisonale Einordnung der Schwellenwerte
| Monat | Natuerlicher Milbenfall/Tag | Beurteilung |
|---|---|---|
| Mai | > 3 | Alarmierend! Winterbehandlung war unzureichend oder starke Reinvasion. Sofort handeln. |
| Juni | > 5 | Besorgniserregend. Behandlung planen, Honigernte vorziehen wenn moeglich. |
| Juli (nach Ernte) | > 10 | Sofort behandeln! Winterbienen in Gefahr. |
| September (nach Behandlung) | > 1 | Behandlung war nicht ausreichend. Nachbehandlung erwaegen. |
| Oktober | > 0,5 | Reinvasion moeglich. Winterbehandlung besonders wichtig. |
Monitoring-Kalender: Wann zaehlen?
Erste Kontrolle
Gemuelldiagnose nach Auswinterung: Wie erfolgreich war die Winterbehandlung? Ausgangswert fuer die Saison bestimmen.
Drohnenbrutkontrolle
Bei der Baurahmen-Entnahme: Drohnenbrut auf Befall pruefen. Gleichzeitig Gemuelldiagnose laufen lassen.
Halbzeit-Check
Puderzuckermethode durchfuehren. Entscheidend: Liegt der Befall schon jetzt ueber den Schwellenwerten?
Vor der Behandlung
KRITISCH: Puderzucker-Test VOR der Sommerbehandlung. Bestimmt ob sofortige oder geplante Behandlung noetig ist.
Behandlungskontrolle
Gemuelldiagnose NACH der Ameisensaeurebehandlung: War die Behandlung erfolgreich? Nachbehandlung noetig?
Vor der Winterbehandlung
Letzte Gemuelldiagnose vor der Oxalsaeurebehandlung. Einschaetzung der Restbelastung.
Dokumentation: Der Schluessel zum Langzeiterfolg
Einzelne Messwerte sind gut -- eine lueckenlose Dokumentationskette ist besser. Nur wenn du die Befallsentwicklung ueber die Saison und ueber Jahre hinweg verfolgst, erkennst du Muster:
- Welche Voelker sind systematisch staerker befallen? (Genetik? Standort?)
- Welche Behandlung hat die beste Wirksamkeit gezeigt?
- Gibt es Reinvasionsprobleme an bestimmten Standorten?
- Verschlechtert sich die Situation von Jahr zu Jahr?

In Hivekraft kannst du den Varroa-Befall bei jeder Durchsicht dokumentieren: Methode, Milbenzahl, berechneter Prozentsatz. Das Varroa-Dashboard zeigt dir den Befallsverlauf als Grafik -- so erkennst du auf einen Blick, ob eine Behandlung noetig ist.
Was du dokumentieren solltest
Dokumentation bei jeder Varroa-Kontrolle
Wissenscheck
Bei der Puderzuckermethode findest du 12 Milben auf 300 Bienen. Wie hoch ist der Befallsgrad?
Ab welchem natuerlichen Milbenfall pro Tag sollte SOFORT behandelt werden?
Warum ist die Gemuelldiagnose allein nicht ausreichend fuer die Behandlungsentscheidung?
In der naechsten Lektion geht es um biotechnische Methoden: Wie du den Varroa-Befall ohne Chemie senken kannst -- von Drohnenschnitt ueber totale Brutentnahme bis zur Koeniginnenkaefigung.