Biotechnische Methoden: Drohnenschnitt & Brutpause
Varroa ohne Chemie bekaempfen: Drohnenschnitt, totale Brutentnahme, Bannwabenverfahren und Koeniginnenkaefigung im Praxisueberblick.
Biotechnische Methoden: Drohnenschnitt & Brutpause

Biotechnische Methoden sind Verfahren zur Varroa-Bekaempfung, die ohne chemische Wirkstoffe auskommen. Sie nutzen das Wissen ueber die Biologie der Milbe, um ihr gezielt Vermehrungsmoeglichkeiten zu entziehen. Das Prinzip: Wenn Varroa sich fast ausschliesslich in verdeckelter Brut vermehrt, dann entzieht man ihr genau diese Brut.
Diese Methoden sind ein unverzichtbarer Baustein im integrierten Varroa-Management. Sie ersetzen keine Saeure-Behandlung, aber sie reduzieren den Befallsdruck waehrend der Saison erheblich -- und verringern damit die noetige Menge an chemischen Behandlungen.
Ueberblick: Welche Methoden gibt es?
| Methode | Wirksamkeit | Aufwand | Zeitraum | Empfohlen fuer |
|---|---|---|---|---|
| Drohnenschnitt (Baurahmen) | 20-30 % Reduktion | Gering | April-Juni | Alle Imker (Standard) |
| Totale Brutentnahme (TBE) | 90-95 % Reduktion | Hoch | Juni-Juli | Bei hohem Befall Mitte Saison |
| Bannwabenverfahren | 60-80 % Reduktion | Mittel | Juni-Juli | Erfahrene Imker |
| Koeniginnenkaefigung | Variable (in Kombi mit Behandlung bis 95 %) | Gering | Juli-August | In Kombination mit OAS-Behandlung |
Drohnenschnitt: Die Standardmethode
Der Drohnenschnitt ist die einfachste und am weitesten verbreitete biotechnische Methode. Das Prinzip ist elegant: Da die Varroa-Milbe Drohnenbrut 8- bis 12-fach staerker befaellt als Arbeiterinnenbrut, bieten wir ihr gezielt Drohnenbau an -- und entfernen diesen mitsamt den Milben, sobald er verdeckelt ist.
Warum es funktioniert

Drohnenzellen bieten der Milbe optimale Bedingungen:
- Laengere Verdeckelungsdauer (14-15 Tage statt 12 bei Arbeiterinnen) = mehr Nachkommen
- Staerkere Lockstoffe der Drohnenlarven
- Groessere Zelle = mehr Platz fuer die Milbenfamilie
Durch das Anbieten eines Baurahmens (leeres Rahmchen ohne Mittelwand) provozieren wir den natuerlichen Bautrieb der Bienen, die hier bevorzugt Drohnenzellen errichten. Die Milben wandern konzentriert in diese Brutzellen ein -- und werden mit dem verdeckelten Drohnenbau entfernt.
Schritt-fuer-Schritt-Anleitung
Baurahmen einhaengen (April)
Haenge ein leeres Rahmchen (nur Obertaeger und Seitenteile, keine Mittelwand) an Position 2 oder 3 im Brutraum ein -- nahe dem Brutnest. Die Bienen werden hier innerhalb von 1-2 Wochen Drohnenbau errichten. Tipp: Ein kleiner Streifen Anfangsstreifen (2 cm) hilft den Bienen beim geraden Bauen.
Bau kontrollieren (nach 10-14 Tagen)
Pruefe, ob der Drohnenbau verdeckelt ist. Die Drohnenbrut ist an den markant gewoelbten, groesseren Zelldeckeln leicht zu erkennen. Warte, bis mindestens 3/4 der Flaeche verdeckelt ist -- dann sind die meisten Milben in den Zellen gefangen.
Verdeckelten Bau ausschneiden
Schneide den verdeckelten Drohnenbau mit einem scharfen Messer heraus. Arbeite ueber einer Wanne, damit kein Baumaterial ins Volk faellt. Die ausgeschnittenen Brutstuecke werden entsorgt (Biomuell) oder eingeschmolzen (Wachsgewinnung).
Baurahmen zurueckhaengen
Haenge den leeren Baurahmen sofort wieder ein. Die Bienen beginnen innerhalb weniger Tage erneut mit dem Bau. So entsteht ein laufender Zyklus.
Rhythmus einhalten
Wiederhole den Vorgang alle 24 Tage (ein Drohnen-Brutzyklus). Von April bis Ende Juni ergeben sich typischerweise 3-4 Schnittdurchgaenge pro Saison.
Der Drohnenschnitt reduziert die Milbenlast um 20-30 % -- das ist ein wertvoller Beitrag, aber keine ausreichende Bekaempfung. Er ist eine ergaenzende Massnahme, die den Befallsanstieg waehrend der Saison verlangsamt. Die Ameisen- und Oxalsaeurebehandlung bleibt zwingend noetig!
Totale Brutentnahme (TBE)
Die Totale Brutentnahme ist die wirksamste biotechnische Methode mit einer Effizienz von 90-95 %. Sie ist allerdings aufwendig und greift stark in das Volk ein. Sie kommt vor allem bei hohem Befall waehrend der Saison zum Einsatz, wenn eine regulaere Ameisensaeurebehandlung (noch) nicht moeglich ist (z. B. waehrend der Honigernte).
Wann ist eine TBE sinnvoll?
- Befallswert im Juni/Juli ueber dem Schwellenwert (>5 Milben/Tag oder >3 % Befall)
- Varroa-Zusammenbruch im Vorjahr und unsichere Winterbehandlung
- Voelker mit Bruterkrankungen (Faulbrut-Sanierung)
- Wenn die regulaere Sommerbehandlung nicht abgewartet werden kann
Prinzip
Dem Volk werden saemtliche Brutwaben entnommen. Die Bienen werden auf Mittelwaende oder Leerwaaben gesetzt. Da sich ca. 80 % der Milben in der verdeckelten Brut befinden, entfernt man mit den Brutwaben den Grossteil der Milbenpopulation auf einen Schlag.
Vorbereitung
Bereite einen zweiten Beutenkoerper mit Mittelwaenden oder ausgebauten Leerwaben vor. Du brauchst ausserdem eine Ersatzbeute fuer die entnommene Brut (Brutscheune) und Futterwaben oder Fluessigfutter.
Koenigin sichern
Finde die Koenigin und setze sie in einen Kaefig oder auf eine leere Wabe im vorbereiteten Beutenkoerper. Die Koenigin darf NICHT mit den Brutwaben entfernt werden!
Alle Brutwaben entnehmen
Entnimm saemtliche Waben mit verdeckelter und offener Brut aus dem Volk. Fege die Bienen zurueck ins Volk -- die Milben auf den Bienen werden spaeter mit einer Oxalsaeure-Behandlung erfasst.
Kunstschwarm bilden
Setze die bienenbesetzte Koenigin mit den Mittelwaenden zusammen. Das Volk sitzt jetzt brutfrei auf neuen Waben. Das ist ein Kunstschwarm -- er verhaelt sich wie ein Naturschwarm und beginnt sofort mit dem Wabenbau.
Sofortige OAS-Behandlung
Da das Volk jetzt brutfrei ist, kannst du sofort mit Oxalsaeure behandeln (Traeufeln oder Sublimation). Alle verbliebenen Milben sitzen auf den Bienen und sind erreichbar. Wirksamkeit: >95 %.
Brutscheune versorgen
Die entnommenen Brutwaben kommen in eine separate Beute (Brutscheune). Die schluepfenden Bienen koennen spaeter dem Volk zugesetzt oder als Ableger verwendet werden. Die Milben in der Brutscheune werden nach dem Schlupf ebenfalls behandelt.
Bei extrem hohem Befall ist es sicherer, die entnommenen Brutwaben einzuschmelzen statt eine Brutscheune aufzustellen. So werden alle Milben definitiv vernichtet. Bei moderatem Befall lohnt sich die Brutscheune -- die schluepfenden Bienen sind wertvoll fuer die Volkstaerke.
Bannwabenverfahren
Das Bannwabenverfahren ist eine schonendere Alternative zur TBE. Statt alle Brutwaben auf einmal zu entnehmen, wird die Koenigin auf einer einzelnen Wabe gefangen (gebannt) und die restliche Brut laeuft ueber 3 Wochen aus.
Ablauf
Koenigin finden und auf eine Brutwabe setzen
Finde die Koenigin und setze sie auf eine Wabe mit vorwiegend offener Brut. Begrenze sie mit einem Absperrgitter auf diese eine Wabe (Bannwabe).
9 Tage warten
Die Koenigin bestiftet nur die Bannwabe. In der restlichen Beute laeuft die vorhandene Brut aus. Gleichzeitig wandern Milben bevorzugt in die letzte verfuegbare Brut -- die Bannwabe.
Bannwabe entnehmen, neue setzen
Nach 9 Tagen: Entnimm die Bannwabe (mit verdeckelter Brut und konzentrierten Milben). Setze der Koenigin eine neue leere Wabe als zweite Bannwabe. Die erste Bannwabe wird eingeschmolzen oder kommt in die Brutscheune.
Weitere 9 Tage warten
Die restliche Altbrut im Volk laeuft weiter aus. Die Koenigin legt auf der neuen Bannwabe.
Zweite Bannwabe entnehmen + OAS-Behandlung
Nach insgesamt 18-21 Tagen ist das Volk weitgehend brutfrei. Entnimm die zweite Bannwabe. Jetzt ist der ideale Zeitpunkt fuer eine Oxalsaeure-Behandlung.
| Aspekt | Totale Brutentnahme | Bannwabenverfahren |
|---|---|---|
| Dauer | 1 Tag (Eingriff) + OAS sofort | 18-21 Tage |
| Belastung fuer das Volk | Hoch (kompletter Brutverlust) | Mittel (schrittweiser Verlust) |
| Wirksamkeit | 90-95 % | 60-80 % |
| Arbeitsaufwand | Hoch (1 grosser Eingriff) | Mittel (3 Eingriffe) |
| Erfahrung noetig | Ja (Koenigin finden, Kunstschwarm) | Ja (Absperrgitter-Management) |
| Erholung des Volkes | Langsamer (alle Brut weg) | Schneller (schrittweise) |
Koeniginnenkaefigung
Die Koeniginnenkaefigung ist die technisch einfachste Methode, eine Brutpause zu erzwingen. Die Koenigin wird fuer 21-25 Tage in einen Kaefig gesperrt, der auf einer Wabe befestigt wird. Die Arbeiterinnen koennen sie fuettern und pflegen, aber sie kann keine Eier legen.
Prinzip
Ohne Eier gibt es keine neue Brut. Nach 21 Tagen (der Entwicklungsdauer einer Arbeiterin) ist alle vorhandene Brut geschluepft. Alle Milben sitzen jetzt auf den Bienen -- und koennen mit einer einmaligen Oxalsaeure-Behandlung hocheffektiv erfasst werden.

Vorteile
- Einfach: Nur ein Eingriff (Kaefigung) + ein Eingriff (Freilassung + Behandlung)
- Hochwirksam: In Kombination mit OAS-Behandlung bis 95 % Reduktion
- Schonend: Keine Brutentnahme, Volk bleibt intakt
- Flexibel: Kann im Juli/August durchgefuehrt werden
Nachteile
- Volksentwicklung: 3 Wochen ohne Brut reduziert die Bienenmasse
- Koenigin finden: Die Koenigin muss gefunden werden (bei grossen Voelkern herausfordernd)
- Schwarmgefahr: In schwarmfreudiger Phase kann die Kaefigung Probleme verursachen
- Timing: Muss praezise geplant werden (Brutfreiheit + OAS-Behandlung)
Die beste Strategie ist ein integrierter Ansatz: Drohnenschnitt waehrend der Saison (April-Juni) reduziert den Befallsanstieg. Bei Bedarf kommt eine TBE oder Kaefigung hinzu. Im Spaetsommer folgt die Ameisensaeure, im Winter die Oxalsaeure. Jede Methode allein ist unzureichend -- zusammen bilden sie ein robustes Konzept.
Vor- und Nachteile biotechnischer Methoden
| Vorteile | Nachteile |
|---|---|
| Keine Rueckstaende im Wachs oder Honig | Arbeitsintensiver als reine Saeure-Behandlung |
| Keine Resistenzbildung moeglich | Erfordern Erfahrung und praezises Timing |
| Unabhaengig von Temperatur (ausser bei OAS-Kombination) | Allein nicht ausreichend (ausser TBE) |
| Foerdern das Verstaendnis der Bienenbiologie | Greifen teilweise stark ins Volk ein (TBE) |
| Reduzieren den Bedarf an chemischen Behandlungen | Drohnenschnitt entfernt auch nuetzliche Drohnen |
| Integrierbar in die regulaere Voelkerfuehrung | Nicht anwendbar in bestimmten Betriebsweisen |
Biotechnische Massnahmen sind kein Ersatz fuer die Saeurebehandlung, aber sie sind ein unverzichtbarer Baustein. Wer konsequent Drohnenschnitt betreibt, hat im Spatsommer ein deutlich leichteres Spiel bei der Ameisensaeurebehandlung.
Dr. Ralph BuechlerBieneninstitut Kirchhain
Entscheidungshilfe: Welche Methode wann?
Wissenscheck
Warum werden Varroa-Milben bevorzugt in Drohnenbrut gefunden?
Was ist der groesste Nachteil des Drohnenschnitts als alleinige Varroa-Massnahme?
Was ist der Hauptvorteil der Totalen Brutentnahme (TBE) gegenueber der Ameisensaeurebehandlung?
In der naechsten Lektion wird es chemisch: Du lernst alles ueber die Ameisensaeurebehandlung -- das Herzstuck der Sommerbehandlung gegen Varroa.