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Der Varroa-Jahresplan: Timing ist alles

20 min11 min Lesezeit
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Monat fuer Monat durch das Varroa-Jahr: Wann welche Massnahme noetig ist und warum das richtige Timing ueber Erfolg oder Misserfolg entscheidet.

Der Varroa-Jahresplan: Timing ist alles

Bienenstand im Fruehling mit bluehender Umgebung
Das Varroa-Jahr beginnt nicht erst im Sommer -- die Planung startet im Winter

Beim Varroa-Management gibt es einen Faktor, der wichtiger ist als die Wahl des Behandlungsmittels, wichtiger als die Dosierung und wichtiger als die Methode: das Timing. Eine perfekt durchgefuehrte Behandlung zum falschen Zeitpunkt nuetzt wenig, waehrend eine einfache Massnahme zur richtigen Zeit den entscheidenden Unterschied machen kann.

In dieser Lektion begleiten wir dich Monat fuer Monat durch das Varroa-Jahr und zeigen dir, wann welche Massnahmen anstehen -- und vor allem, warum gerade dieses Zeitfenster so entscheidend ist.

Juli-September
Kritischstes Zeitfenster: Hier werden die Winterbienen aufgezogen

Warum Timing so entscheidend ist

Die Varroamilbe vermehrt sich exponentiell. Ein Volk, das im Fruehjahr mit 50 Milben startet, kann im Herbst ohne Behandlung leicht 5.000-10.000 Milben beherbergen. Aber die reine Milbenzahl ist nicht das Problem -- entscheidend ist, wann die Milbenlast kritisch wird.

Das Winterbienen-Fenster

Ab August werden die langlebigen Winterbienen aufgezogen, die das Volk 5-6 Monate durch den Winter tragen. Jede Milbe, die in dieser Phase eine Brutzelle befaellt, schaedigt eine potenzielle Winterbiene. Ist die Milbenlast im August zu hoch, schluepfen geschaedigte Winterbienen -- und das Volk bricht im Dezember oder Januar zusammen, auch wenn es im Herbst noch stark aussah.

Genau deshalb muss die Hauptbehandlung vor August abgeschlossen sein oder zumindest begonnen haben -- nicht erst im September, wenn es bereits zu spaet sein kann.

Der Jahresueberblick

Jan

Restentmilbung

Oxalsaeure traeufeln falls im Dezember nicht geschehen. Nur bei Brutfreiheit! Einmalige Anwendung.

Feb

Ruhezeit

Keine Massnahmen am Volk. Bodeneinlage zur Kontrolle des natuerlichen Milbenfalls einlegen.

Maer

Fruehjahrskontrolle

Erste Durchsicht: Milbenfall auf Bodeneinlage pruefen. Brutnest begutachten. Bei Auffaelligkeiten notieren.

Apr

Drohnenschnitt beginnen

Drohnenrahmen einhaengen. Erste biotechnische Varroa-Reduktion. Ab jetzt alle 3-4 Wochen Drohnenbrut ausschneiden.

Mai

Drohnenschnitt + Monitoring

Drohnenschnitt fortfuehren (2-3 Mal in der Saison). Monitoring per Puderzucker oder Bodeneinlage starten.

Jun

Monitoring verstaerken

Alle 3-4 Wochen Milbenbefall pruefen. Schwellenwerte beachten: ueber 3 Milben/100 Bienen = Alarm.

Jul

LETZTE Ernte + Behandlung

Letzte Honigernte. SOFORT danach Sommerbehandlung starten! Ameisensaeure Langzeit oder Thymol einsetzen.

Aug

Hauptbehandlung

Ameisensaeure-Behandlung laeuft oder beginnt. Winterbienen-Aufzucht startet! Jeder Tag zaehlt.

Sep

Behandlung abschliessen

Sommerbehandlung beenden. Wirksamkeit pruefen: Milbenfall auf Bodeneinlage kontrollieren. Bei Bedarf nachbehandeln.

Okt

Monitoring + Einfuetterung

Letztes Monitoring. Einfuetterung sollte abgeschlossen sein. Milbenfall muss unter 0,5/Tag liegen.

Nov

Warten auf Brutfreiheit

Kaelteperiode abwarten. Volk wird brutfrei oder brutarm. Zeitpunkt fuer Winterbehandlung planen.

Dez

Winterbehandlung

Oxalsaeure traeufeln bei Brutfreiheit (3-4 Wochen Frost). 5 ml pro besetzte Wabengasse. Einmalig!

Detaillierter Monatsplan

Winter (Dezember -- Februar): Restentmilbung

Die Winterbehandlung ist der sauberste Schnitt im Varroa-Jahr. In der brutfreien Phase sitzen alle Milben auf den Bienen und koennen durch Oxalsaeure erreicht werden.

Varroa-Monitoring mit Puderzuckermethode
Die Winterbehandlung mit Oxalsaeure ist der effektivste Einzeleingriff im ganzen Jahr

Dezember (idealerweise):

  • Oxalsaeure 3,5 % traeufeln, 5 ml pro besetzte Wabengasse
  • Maximal 50 ml pro Volk
  • Nur bei Brutfreiheit (mindestens 3 Wochen Frost vorher)
  • Einmalige Anwendung -- Wiederholung schaedigt die Bienen!

Januar -- Februar:

  • Falls die Dezember-Behandlung nicht moeglich war (milde Witterung, Restbrut), kann im Januar nachgeholt werden
  • Bodeneinlage einlegen und natuerlichen Milbenfall kontrollieren
  • Ab Februar: Keine Behandlung mehr -- das Brutnest wird wieder angelegt
Nicht zu frueh aufmachen!

Widerste der Versuchung, im Februar bei der ersten Sonnenstunde die Voelker zu oeffnen. Die Bienen sitzen in der Wintertraube. Jede Oeffnung kostet Waerme und Energie. Die Bodeneinlage kannst du von unten einschieben, ohne das Volk zu stoeren.

Fruehling (Maerz -- Mai): Biotechnische Phase

Im Fruehling beginnt die Bruttaetigkeit wieder -- und damit auch die Vermehrung der Varroamilbe. Jetzt ist die Zeit fuer biotechnische Massnahmen, die den Milbendruck ohne Chemie reduzieren.

Maerz:

  • Erste Fruehjahrsdurchsicht bei mildem Wetter (ueber 12 °C)
  • Bodeneinlage pruefen: natuerlicher Milbenfall gibt ersten Anhaltspunkt
  • Volksentwicklung beurteilen: schwache Voelker vereinigen

April:

  • Drohnenrahmen einhaengen: Einen leeren Rahmen (oder Baurahmen) in das Brutnest haengen
  • Die Bienen bauen Drohnenzellen, die Koenigin bestiftet sie
  • Varroamilben bevorzugen Drohnenbrut 8- bis 12-fach gegenueber Arbeiterinnenbrut!

Mai:

  • Drohnenschnitt durchfuehren: Wenn die Drohnenbrut verdeckelt ist (nach ca. 24 Tagen), Wabe entnehmen und Brut ausschneiden
  • Milben, die in der Drohnenbrut eingeschlossen sind, werden mit entfernt
  • 2-3 Mal in der Saison wiederholen (April bis Juni)
  • Monitoring starten: Puderzuckermethode oder Bodeneinlage
8-12x
hoehere Attraktivitaet der Drohnenbrut fuer Varroamilben gegenueber Arbeiterinnenbrut
Drohnenschnitt richtig timen

Schneide die Drohnenbrut aus, wenn die Zellen gerade verdeckelt sind (erkennbar an den gewoelbten, grobporigen Zelldeckeln). Zu diesem Zeitpunkt sind die Milben in den Zellen eingeschlossen und vermehren sich. Wartest du zu lange, schluepfen Drohnen und Milben gemeinsam -- der Schnitt waere nutzlos.

Sommer (Juni -- August): Die entscheidende Phase

Hier wird das Varroa-Jahr gewonnen oder verloren. Die Milbenpopulation waechst exponentiell, und du musst den Uebergang von Monitoring zur aktiven Behandlung perfekt timen.

Juni:

  • Monitoring alle 3-4 Wochen (Puderzuckermethode oder Bodeneinlage)
  • Schwellenwerte beachten:
    • Puderzuckermethode: ueber 3 Milben pro 100 Bienen = Behandlung noetig
    • Bodeneinlage: ueber 5 Milben pro Tag = Behandlung noetig
  • Noch Drohnenschnitt moeglich (letzter Durchgang)

Juli -- DAS Schluesselmonat:

Juli = Weichenstellung fuer den Winter

Im Juli faellt die wichtigste Entscheidung des Varroa-Jahres. Nach der letzten Honigernte (spaetestens Mitte Juli, fruehe Trachten oft schon Ende Juni) muss sofort die Sommerbehandlung starten. Jeder Tag Verzoegerung bedeutet mehr Milben in den Winterbienen-Brutzellen.

  • Letzte Honigernte durchfuehren
  • Sofort Ameisensaeure-Langzeitbehandlung starten (Nassenheider, 200 ml AS 60 %, 10-14 Tage)
  • Alternative: Thymol-Behandlung beginnen (Apiguard, Thymovar) -- braucht aber 4-6 Wochen!
  • Einfuetterung nach Abschluss der AS-Behandlung starten (mindestens 3 Tage Abstand -- gleichzeitige Fuetterung veraendert die Verdunstungsrate der Saeure)

August:

Ab August
werden die Winterbienen aufgezogen -- jede Milbe zaehlt!
  • Sommerbehandlung laeuft oder wird abgeschlossen
  • Bei Ameisensaeure: nach 14 Tagen Behandlung Milbenfall pruefen
  • Bei Bedarf: Zweite Kurzzeit-Behandlung (Schwammtuch, 3-5 Tage)
  • Einfuetterung fortsetzen (Ziel: 15-20 kg Winterfutter)

Herbst (September -- November): Kontrolle und Wintervorbereitung

September:

  • Sommerbehandlung abschliessen
  • Wirksamkeitskontrolle: Bodeneinlage 3 Tage einlegen
    • Unter 0,5 Milben/Tag: Sehr gut
    • 0,5-1 Milbe/Tag: Akzeptabel, weiter beobachten
    • Ueber 1 Milbe/Tag: Nachbehandlung in Erwaegung ziehen
  • Einfuetterung bis Mitte September abschliessen

Oktober:

  • Letztes Monitoring der Saison
  • Voelker einwintern: Flugloch einengen, Maeusegitter anbringen
  • Bestandsbuch auf Vollstaendigkeit pruefen

November:

  • Kaelteperiode abwarten
  • Sobald 3+ Wochen Frost waren: Brutfreiheit wahrscheinlich
  • Zeitpunkt fuer Winterbehandlung planen
Kontrolle der Bodeneinlage auf Milbenfall
Die Bodeneinlage verraet dir, ob die Behandlung erfolgreich war -- regelmaessige Kontrolle ist Pflicht

Das kritische Zeitfenster: Juli bis September

Wenn es einen Abschnitt in dieser Lektion gibt, den du dir merken solltest, dann diesen:

Die drei Monate Juli, August und September entscheiden ueber das Ueberleben deiner Voelker im naechsten Winter.

Die Gruende:

  1. Exponentielle Vermehrung: Die Milbenpopulation verdoppelt sich etwa alle 3-4 Wochen. Was im Juni noch unkritisch aussah, kann im August bereits katastrophal sein.

  2. Winterbienen-Aufzucht: Ab August werden die langlebigen Winterbienen aufgezogen. Milbenbefall in dieser Phase verkuerzt deren Lebensdauer und uebertraegt Viren (DWV, ABPV).

  3. Letzte Behandlungsmoeglichkeit: Nach September ist es fuer eine wirksame Sommerbehandlung zu kalt (Ameisensaeure braucht ueber 15 °C, Thymol ebenfalls). Die naechste Chance ist erst die Winterbehandlung im Dezember -- aber dann ist der Schaden an den Winterbienen bereits angerichtet.

Die Verluste im Winter werden im Sommer gemacht. Wer Ende Juli noch nicht behandelt hat, hat den Kampf gegen die Varroa praktisch schon verloren -- egal, wie gut die Winterbehandlung spaeter sein wird.

Dr. Ralph Buechler
Bieneninstitut Kirchhain

Dein persoenlicher Varroa-Jahreskalender

Varroa-Jahreskalender zum Abhaken

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Reinvasion: Der unterschaetzte Faktor

Selbst wenn deine Behandlung perfekt war, kann Reinvasion aus der Umgebung den Erfolg zunichte machen. Milben wechseln ueber verfliegende Bienen, Raeuberei und driftende Drohnen von Volk zu Volk.

Reinvasion nach der Behandlung erkennen

Wenn der Milbenfall nach einer erfolgreichen Sommerbehandlung (unter 0,5 Milben/Tag) ploetzlich wieder ansteigt (ueber 1-2 Milben/Tag), ist Reinvasion die wahrscheinlichste Ursache. In bienenreichen Gebieten oder in der Naehe unbehandelter Voelker koennen pro Woche 100-300 Milben eingetragen werden. Massnahmen: Raeuberei verhindern (Flugloch eng), Stand ggf. verlegen, und mit den Nachbarimkern ein abgestimmtes Behandlungskonzept vereinbaren.

Was tun, wenn du zu spaet dran bist?

Nicht immer laeuft alles nach Plan. Hier ein Notfall-Fahrplan:

SituationSofortmassnahmePrognose
Anfang August, noch nicht behandeltSofort AS-Kurzeitbehandlung starten (Schwammtuch, 3-4 Tage, ggf. 2x wiederholen)Noch machbar, Winterbienen teilweise rettbar
September, noch nicht behandeltFalls Temp. ueber 15 Grad C: kurze AS-Behandlung. Sonst auf Winterbehandlung (OAS) setzenVolk gefaehrdet -- Winterbienen bereits geschaedigt
Oktober, Varroa-Befall hochKeine AS mehr moeglich. Bodeneinlage einlegen, auf Brutfreiheit warten, dann OAS so frueh wie moeglichHohes Verlustrisiko -- Volk im Fruehjahr besonders beobachten
Dezember, Winterbehandlung verpasst, noch BrutWarten! Nicht behandeln bei Brut. Erst bei sicherer Brutfreiheit OAS traeufeln, ggf. erst JanuarSpaete Behandlung besser als keine

Haeufige Timing-Fehler

Wissenscheck

Warum ist der Juli das Schluesselmonat im Varroa-Management?

Wann sollte die Winterbehandlung mit Oxalsaeure idealerweise stattfinden?

Wie oft sollte der Milbenbefall waehrend der Saison ueberprueft werden?


In der naechsten Lektion schauen wir in die Zukunft: Koennen wir Bienen zuechten, die sich selbst gegen Varroa wehren? Wir erkunden VSH, SMR und die spannendsten Zuchtprogramme.

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