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Varroa-tolerante Bienen: Zuchtansaetze

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VSH, SMR, Grooming: Koennen wir Bienen zuechten, die sich selbst gegen die Varroamilbe wehren? Ein Blick auf Zuchtprogramme, Bienenrassen und den aktuellen Stand der Forschung.

Varroa-tolerante Bienen: Zuchtansaetze

Bienenkoenigin mit blauer Markierung auf einer Wabe
Die Koenigin traegt das genetische Potenzial fuer Varroa-Toleranz -- Zuchtauswahl ist der Schluessel

Seit ueber 40 Jahren kaempfen europaeische Imker gegen die Varroamilbe. Saeure, Thymol, Drohnenschnitt -- all das sind Massnahmen, die den Parasiten in Schach halten, aber nicht besiegen. Waere es nicht viel besser, wenn die Bienen sich selbst helfen koennten?

Genau daran arbeiten Bienenwissenschaftler und Zuechter weltweit. In dieser Lektion erfaehrst du, welche natuerlichen Abwehrmechanismen Bienen gegen Varroa entwickeln koennen, welche Zuchtprogramme in Deutschland laufen und wie realistisch die Vision von der "behandlungsfreien" Imkerei tatsaechlich ist.

Die asiatische Honigbiene: Das Vorbild

Die Asiatische Honigbiene (Apis cerana) lebt seit Millionen von Jahren mit der Varroamilbe zusammen und hat wirksame Abwehrmechanismen entwickelt:

  • Aktives Grooming: Die Bienen putzen Milben aktiv von ihren Koerpergenossen ab
  • Kuerzere Verdeckelungszeit: Die Brut entwickelt sich schneller, was die Milbenvermehrung einschraenkt
  • Erkennung befallener Zellen: Befallene Brutzellen werden geoeffnet und die Brut entfernt
  • Einkapselung: Milben werden manchmal in Propolis eingeschlossen

Unsere Westliche Honigbiene (Apis mellifera) wurde erst in den 1970er-Jahren mit Varroa destructor konfrontiert -- viel zu kurz fuer eine natuerliche Anpassung. Aber einige vielversprechende Verhaltensweisen koennen durch gezielte Zucht gefoerdert werden.

Die drei Sauelen der Varroa-Toleranz

1. VSH -- Varroa Sensitive Hygiene

VSH ist die am besten erforschte und vielversprechendste Eigenschaft fuer Varroa-Toleranz. VSH-Bienen koennen verdeckelte Brutzellen erkennen, die von Varroa befallen sind, und raeumen diese gezielt aus.

Wie VSH funktioniert:

  1. Arbeitsbienen inspizieren verdeckelte Brutzellen (vermutlich ueber Geruchsstoffe)
  2. Sie erkennen Zellen, in denen sich eine Varroamilbe vermehrt
  3. Die Zelle wird geoeffnet und die Puppe (samt Milben) entfernt
  4. Die Koenigin bestiftet die leere Zelle erneut

Wirksamkeit: In Studien des USDA Baton Rouge zeigten VSH-Linien eine um 50-80 % geringere Milbenvermehrung. Die Milbenpopulation waechst deutlich langsamer, und die Voelker benoetigen weniger oder gar keine chemische Behandlung.

50-80 %
geringere Milbenvermehrung bei Voelkern mit hohem VSH-Verhalten
Wie wird VSH gemessen?

VSH wird als Prozentsatz angegeben: Wie viele der befallenen Brutzellen werden von den Bienen ausgeraeumt? Ein VSH-Wert von 80 % bedeutet, dass die Bienen 4 von 5 befallenen Zellen erkennen und entfernen. Werte ueber 60 % gelten als relevant fuer die Varroa-Toleranz.

2. SMR -- Suppressed Mite Reproduction

SMR beschreibt das Phaenomen, dass in bestimmten Bienenvoelkern die Vermehrung der Varroamilbe unterdrueckt wird. Die Milbe dringt zwar in die Brutzelle ein, kann sich dort aber nicht erfolgreich fortpflanzen.

Moegliche Ursachen:

  • Die Bienenlarven produzieren Signalstoffe, die den Vermehrungszyklus der Milbe stoeren
  • Die Verdeckelungszeit ist leicht veraendert und passt nicht zum Timing der Milbe
  • Die Zellumgebung (Temperatur, Feuchtigkeit) ist fuer die Milbenvermehrung ungünstig

Abgrenzung zu VSH: Waehrend VSH ein aktives Verhalten der erwachsenen Bienen ist (Zellen oeffnen, Brut entfernen), findet SMR passiv in der Zelle statt. Beide Mechanismen koennen gemeinsam auftreten und sich ergaenzen.

In der Praxis sind VSH und SMR schwer zu trennen, da beide zur Reduktion der Milbenpopulation fuehren. Moderne Zuchtprogramme erfassen daher oft den Gesamteffekt als "Recapping" (Wiederverschluss von Zellen) und "Milbenvermehrungsrate".

3. Grooming-Verhalten

Grooming ist das aktive Abputzen von Milben vom eigenen Koerper (Autogrooming) oder von Nestgenossinnen (Allogrooming). Die Bienen beissen oder kratzen die Milbe, die dabei oft beschaedigt wird oder abfaellt.

Erkennungsmerkmale:

  • Beschaedigte Milben auf der Bodeneinlage (angebissene Beine, Loecher im Panzer)
  • Hoehere Anzahl toter Milben im Gemüll trotz niedrigem Befall

Bedeutung fuer die Praxis: Grooming allein reicht in der Regel nicht aus, um ein Volk milbenfrei zu halten. Es reduziert den Milbendruck um geschaetzt 10-30 % und ist damit eher eine ergaenzende Eigenschaft. In Kombination mit VSH und SMR kann es aber den entscheidenden Unterschied machen.

Makroaufnahme von Bienen bei der Wabenarbeit
Manche Bienen putzen sich gegenseitig Milben vom Koerper -- dieses Grooming-Verhalten kann durch gezielte Zucht gefoerdert werden

Bienenrassen und Varroa-Toleranz

Nicht alle Bienenrassen verhalten sich gleich gegenueber der Varroamilbe. Hier ein Ueberblick ueber die in Deutschland relevanten Rassen:

RasseVSH-PotenzialGroomingSanftmutSchwarmneigungVerbreitung DE
Carnica (A. m. carnica)MittelGering-MittelSehr hochMittel-HochAm haeufigsten
BuckfastMittel-HochMittelHochGeringHaeufig
Dunkle Biene (A. m. mellifera)MittelMittel-HochVariabelMittelSelten, im Aufwind
Primorsky-Linien (aus Russland)HochHochMittelHochSehr selten
Rasse ≠ Garantie

Die Varroa-Toleranz ist keine feste Rasseneigenschaft, sondern variiert stark zwischen einzelnen Voelkern innerhalb einer Rasse. Ein Carnica-Volk kann durchaus toleranter sein als ein Buckfast-Volk -- es kommt auf die konkrete Genetik der Koenigin und deren Paarungspartner an. Zuchtauswahl auf Toleranz ist daher wichtiger als die Rassenwahl.

Carnica

Die in Deutschland am weitesten verbreitete Rasse wird seit Jahrzehnten auf Sanftmut, Honigertrag und geringe Schwarmneigung selektiert. Varroa-Toleranz war lange kein primaeres Zuchtziel, wird aber zunehmend einbezogen. Einzelne Carnica-Zuchtlinien zeigen vielversprechendes VSH-Verhalten.

Buckfast

Die von Bruder Adam (Buckfast Abbey) begruendete Zuchtlinie ist fuer ihre Anpassungsfaehigkeit bekannt. Buckfast-Zuechter haben frueh begonnen, Varroa-Toleranz als Zuchtziel zu integrieren. Die offene Zuchtphilosophie (Einkreuzung verschiedener Unterarten) erleichtert die Einbringung von Toleranz-Genen.

Dunkle Biene (Apis mellifera mellifera)

Die urspruengliche europaeische Honigbiene erlebt eine Renaissance. Befuerworter argumentieren, dass die an nordeuropaeische Verhaeltnisse angepasste Rasse ein natuerlich hoeheres Grooming-Verhalten und robustere Gesundheit zeigt. Die Datenlage zur Varroa-Toleranz ist aber noch duenn.

Zuchtprogramme in Deutschland

AGT -- Arbeitsgemeinschaft Toleranzzucht

Die AGT ist das groesste deutsche Netzwerk fuer Varroa-Toleranzzucht und koordiniert die Zuchtarbeit von ueber 150 Imkereien.

Methodik:

  • Jaehrliche Leistungspruefung an Pruefstaenden
  • Messung des natuerlichen Milbenfalls (als Indikator fuer Toleranz)
  • Erfassung von Hygieneverhalten (Nadeltest, Frigitest)
  • Seit 2018 auch VSH-Testung mit standardisierten Methoden
  • Zuchtbuchfuehrung ueber Beebreed

Ergebnisse: Die AGT berichtet von messbaren Fortschritten: Voelker aus dem Toleranzzucht-Programm zeigen im Schnitt 15-25 % niedrigere Milbenvermehrungsraten als unselektierte Voelker. Einzelne Spitzenvoelker erreichen deutlich hoerere Werte.

Beebreed

Beebreed ist die zentrale europaeische Zuchtwert-Datenbank fuer Honigbienen, betrieben vom Laenderinstitut fuer Bienenkunde Hohen Neuendorf.

  • Ueber 170.000 Pruefergebnisse von Bienenvoelkern
  • Berechnung von Zuchtwerten fuer Honigertrag, Sanftmut, Schwarmneigung -- und zunehmend auch Varroa-Toleranz
  • Oeffentlich zugaenglich unter beebreed.eu
  • Imker koennen gezielt nach Koeniginnen mit hohen Toleranz-Zuchtwerten suchen

Smartbees und weitere EU-Projekte

Das EU-Forschungsprojekt SMARTBEES (2014-2018) hat die Grundlagen fuer eine europaweite Toleranzzucht gelegt:

  • Entwicklung standardisierter VSH-Testmethoden
  • Identifikation genetischer Marker fuer Toleranzeigenschaften
  • Aufbau eines europaeischen Netzwerks von Toleranz-Pruefstaenden
  • Nachfolgeprojekte bauen auf diesen Ergebnissen auf

Die Toleranzzucht macht stetige Fortschritte. Wir sehen bei selektierten Voelkern deutlich niedrigere Milbenvermehrungsraten. Aber ich sage bewusst: Wir zuechten auf Toleranz, nicht auf Resistenz. Das Ziel ist, dass die Voelker mit weniger Behandlung auskommen -- nicht mit gar keiner.

Prof. Dr. Kaspar Bienefeld
Laenderinstitut fuer Bienenkunde Hohen Neuendorf

Der Realitaetscheck

So vielversprechend die Forschung ist -- ein ehrlicher Blick auf den aktuellen Stand ist wichtig:

Was Toleranzzucht KANN

  • Milbenvermehrungsrate um 15-30 % senken (bei selektierten Linien)
  • Zeitfenster zwischen Behandlungen verlaengern
  • Voelker robuster gegen Milbenbefall machen
  • Langfristig den Behandlungsaufwand reduzieren

Was Toleranzzucht (NOCH) NICHT kann

  • Chemische Behandlung vollstaendig ersetzen
  • Innerhalb weniger Jahre "varroa-resistente" Bienen liefern
  • Garantieren, dass ein einzelnes Volk ueberlebt
Behandlung bleibt Pflicht!

Auch Voelker mit Koeniginnen aus Toleranzzucht-Programmen muessen derzeit behandelt werden. Wer Behandlungen unterlässt, riskiert nicht nur seine eigenen Voelker, sondern auch die der Nachbarimker. Unbehandelte, zusammenbrechende Voelker setzen tausende Milben frei, die durch Verflug und Raeuberein andere Voelker befallen (sogenannte Milbenbomben).

Warum es so langsam geht

Die Zucht auf Varroa-Toleranz ist aus mehreren Gruenden besonders anspruchsvoll:

  1. Paarungsbiologie: Koeniginnen paaren sich im freien Flug mit 10-20 Drohnen. Die genetische Kontrolle ist schwieriger als bei Saeugetieren.
  2. Mehrstufige Selektion: VSH ist ein Verhalten der Arbeiterinnen, aber vererbt ueber die Koenigin -- ein indirektes Zuchtziel.
  3. Gegenlaefige Selektion: Hohe Varroa-Toleranz ging historisch oft mit geringerem Honigertrag oder hoeherer Schwarmneigung einher. Beides muss gleichzeitig selektiert werden.
  4. Natuerliche Rekombination: Nach erfolgreicher Selektion in einer Generation kann die Paarung mit unselektierten Drohnen den Fortschritt wieder verwischen.
  5. Kein "Ein-Gen-Merkmal": Varroa-Toleranz beruht auf vielen Genen, die komplex zusammenwirken.

Was du als Imker tun kannst

Auch ohne eigene Zuchtstation kannst du zur Toleranzzucht beitragen:

  1. Koeniginnen aus Toleranzzucht kaufen

    Beziehe Koeniginnen von AGT-Zuechtern oder Zuechtern mit nachgewiesenen Toleranz-Zuchtwerten auf Beebreed. Informiere dich bei deinem Landesverband ueber empfohlene Zuchtbetriebe.

  2. Selektionsdruck ausueben

    Vermehre bevorzugt von Voelkern, die trotz normalem Behandlungsregime niedrigen natuerlichen Milbenfall zeigen. Schwache oder milbenanfaellige Voelker nicht zur Nachzucht heranziehen.

  3. Am Monitoring teilnehmen

    Beteilige dich an Pruefstaenden deines Imkervereins oder Landesverbands. Deine Daten fliessen in die Zuchtwertschaetzung ein und helfen der Gemeinschaft.

  4. Vitalitaet beobachten

    Dokumentiere neben dem Milbenbefall auch das Hygieneverhalten deiner Voelker. Wie schnell raeumen sie tote Brut aus? Findest du beschaedigte Milben auf der Bodeneinlage? Diese Beobachtungen sind wertvolle Hinweise.

Wissenschaftlicher Ausblick

Die Forschung entwickelt sich rasant. Einige spannende Ansaetze fuer die Zukunft:

Genomische Selektion: Durch DNA-Analyse koennen Zuechter bereits vor der Leistungspruefung einschaetzen, welche Koeniginnen das hoechste Toleranzpotenzial haben. Das beschleunigt den Zuchtfortschritt erheblich.

CRISPR und Gentechnik: Theoretisch koennten gezielt Gene fuer VSH oder SMR verstaerkt werden. In der EU ist dies derzeit aber regulatorisch nicht moeglich, und ethische Fragen sind ungeklaert.

Natuerliche Selektion: In einigen Regionen (z. B. Gotland/Schweden, Avignon/Frankreich) ueberleben verwilderte Bienenvoelker seit Jahren ohne Behandlung. Diese Populationen werden intensiv erforscht -- sie zeigen, dass natuerliche Anpassung grundsaetzlich moeglich ist, aber unter hohen Verlusten (ueber 50 % der Voelker sterben in den ersten Jahren).

RNAi-Technologie: RNA-Interferenz koennte kuenftig gezielt die Vermehrung der Varroamilbe unterdruecken, ohne die Biene zu schaedigen. Erste Studien zeigen vielversprechende Ergebnisse, aber die Marktreife ist noch Jahre entfernt.

10-20 Jahre
geschaetzte Zeit, bis breit verfuegbare tolerante Linien den Behandlungsaufwand signifikant senken
Toleranz unterstuetzen, Behandlung nicht vernachlaessigen

Die Zukunft liegt in der Kombination: tolerante Genetik reduziert den Milbendruck, gezieltes Monitoring zeigt den tatsaechlichen Bedarf, und angepasste Behandlung greift nur ein, wenn noetig. Dieses integrierte Konzept (IPM) ist das Thema unserer Abschlusslektion.

Wissenscheck

Was beschreibt VSH (Varroa Sensitive Hygiene)?

Koennen Varroa-tolerante Bienen derzeit auf eine Behandlung verzichten?

Was ist die AGT?


In der naechsten Lektion zeigen wir dir, wie digitales Varroa-Tracking mit Dashboards und Prognosen dir hilft, datenbasierte Entscheidungen zu treffen.

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