Frühlingserwachen am Bienenstock: Was jetzt zu tun ist
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Frühlingserwachen am Bienenstock: Was jetzt zu tun ist

8 minVon Hivekraft Redaktion
FrühlingDurchsichtSaisonstartBienenstockWinterverluste

Der Frühling beginnt – erfahre, was am Bienenstock jetzt ansteht: erste Kontrolle, Winterverluste erkennen, Raum geben und den Saisonstart planen.

Der Frühling ist für viele Imker die aufregendste Zeit im Bienenjahr. Nach Monaten der Winterruhe erwacht der Bienenstock zum Leben, und mit den ersten warmen Tagen beginnt die neue Saison. Doch bevor die Freude über die ersten Pollenflüge überwiegt, stehen wichtige Aufgaben an. In diesem Artikel erfährst du, was du im Frühjahr am Bienenstock tun solltest, wie du Winterverluste erkennst und wie du deine Völker optimal in die Saison führst.

Bienenstand im Frühling mit blühenden Obstbäumen
Die ersten warmen Tage bringen den Bienenstand zum Leben – und den Imker in Aktion.

Die ersten Zeichen: Wann erwachen die Bienen?

Die Natur gibt klare Signale, wann der Frühling am Bienenstock beginnt. Schon bei Temperaturen ab 8 bis 10 Grad Celsius unternehmen die Bienen ihren ersten Reinigungsflug – sie entleeren ihre Kotblase, die den ganzen Winter über nicht geleert wurde. Dieser Flug ist lebensnotwendig und ein wichtiges Zeichen, dass das Volk den Winter überstanden hat.

Die phänologischen Zeiger helfen dir, den richtigen Zeitpunkt einzuschätzen:

  • Haselblüte (Februar/März): Erste Pollenquelle, Bienen fliegen an milden Tagen
  • Weidenblüte (März): Massiver Polleneintrag, Bienen starten die Bruttätigkeit richtig durch
  • Obstblüte (April): Volle Frühjahrsentwicklung, Völker wachsen schnell
Regionaler Unterschied

In Süddeutschland beginnt das Frühlingserwachen oft 2 bis 3 Wochen früher als im Norden. Höhenlagen über 500 Meter liegen nochmal 1 bis 2 Wochen zurück. Orientiere dich immer an der lokalen Vegetation, nicht am Kalender.

Winterverluste erkennen und bewerten

Nicht jedes Volk übersteht den Winter. Durchschnittlich verlieren deutsche Imker 10 bis 15 Prozent ihrer Völker. In schlechten Jahren können es 20 bis 30 Prozent sein. Je früher du Verluste erkennst, desto besser kannst du reagieren.

Zeichen eines toten Volkes

Schon von außen kannst du erste Hinweise bekommen:

  • Kein Flugbetrieb an milden Tagen, während Nachbarvölker fliegen
  • Tote Bienen vor dem Flugloch in größerer Menge
  • Kotspritzer an der Beute (Hinweis auf Nosema)
  • Kein Summen beim Anklopfen an die Beute
  • Wachsmotten am Flugloch (Volk bereits länger tot)

Häufigste Ursachen für Winterverluste

UrsacheHäufigkeitAnzeichenVermeidung

Die erste Kontrolle: Kurzcheck von außen

Bevor du den Stock öffnest, machst du einen Kurzcheck von außen. Dieser liefert bereits wertvolle Informationen, ohne die Bienen zu stören.

  1. Flugloch beobachten

    Stelle dich seitlich neben die Beute und beobachte den Flugbetrieb. Tragen die Bienen Pollen ein? Das ist das beste Zeichen – es bedeutet, die Königin legt und das Volk zieht Brut auf. Notiere die Farbe der Pollenhöschen: Gelb deutet auf Hasel oder Weide hin, Orange auf Krokus.

  2. Totenfall prüfen

    Ziehe die Bodeneinlage (Windel) heraus und inspiziere den Gemüll. Normaler Totenfall besteht aus Wachsdeckeln, wenigen toten Bienen und hellem Gemüll. Viele tote Varroa-Milben oder verkrüppelte Bienenflügel deuten auf ein Problem hin.

  3. Gewicht schätzen

    Hebe die Beute vorsichtig an der Rückseite an. Ein gut versorgtes Volk fühlt sich noch schwer an. Fällt die Beute auffällig leicht, ist eine Notfütterung nötig. Noch besser: Nutze eine Stockwaage für exakte Daten.

  4. Dokumentieren

    Halte deine Beobachtungen fest – Flugbetrieb, Polleneintrag, geschätztes Gewicht. So hast du einen Ausgangspunkt für die Saison und kannst die Entwicklung jedes Volkes nachverfolgen.

Die Frühjahrsdurchsicht: Wann und wie?

Die erste vollständige Durchsicht ist der wichtigste Termin im Frühjahr. Hier verschaffst du dir einen Überblick über den Zustand jedes Volkes und triffst erste Entscheidungen für die Saison.

Der richtige Zeitpunkt

Öffne deine Völker erst, wenn die Bedingungen stimmen:

15°C+
Mindesttemperatur für die Frühjahrsdurchsicht
  • Stabile Temperaturen über 15 Grad Celsius (besser 18 Grad)
  • Sonnenschein oder mindestens bedeckt-warm
  • Kein Wind – kalter Wind kühlt offene Brutnester schnell aus
  • Idealerweise zur Mittagszeit, wenn viele Flugbienen unterwegs sind

Was du bei der Durchsicht prüfst

Bei der ersten vollständigen Durchsicht achtest du auf fünf zentrale Punkte:

1. Weiselrichtigkeit: Siehst du Stifte (frisch gelegte Eier)? Dann ist die Königin da und legt. Die Königin selbst musst du nicht unbedingt finden – Stifte reichen als Beweis.

2. Volksstärke: Wie viele Wabengassen sind besetzt? Ein gutes Überwinterungsergebnis sind 5 bis 7 besetzte Gassen. Weniger als 3 Gassen bedeuten, dass das Volk Unterstützung braucht.

3. Brutnest: Ist das Brutnest geschlossen und kompakt? Lückige Brut oder mosaikartiges Brutbild können auf eine alte Königin, Inzucht oder Krankheiten hindeuten.

4. Futtervorräte: Schätze die verbleibenden Futterreserven. Pro Wabe Futter rechnest du mit etwa 2 bis 2,5 Kilogramm. Mindestens 5 Kilogramm sollten noch vorhanden sein.

5. Krankheitszeichen: Achte auf kalkige oder mumifizierte Brut (Kalkbrut), eingefallene Zelldeckel (Amerikanische Faulbrut!) oder ungewöhnlichen Geruch.

Amerikanische Faulbrut (AFB)

Eingefallene, löchrige Zelldeckel mit fadenziehender, bräunlicher Masse sind ein Alarmzeichen für die meldepflichtige Amerikanische Faulbrut. Bei Verdacht: Sofort das Veterinäramt informieren und nichts an der Beute verändern. AFB ist eine Seuche und muss gemeldet werden.

Nach der Durchsicht: Die richtigen Maßnahmen

Basierend auf deinen Beobachtungen stehen verschiedene Maßnahmen an:

Starke Völker (7+ Wabengassen)

  • Erweiterung vorbereiten: Sobald 7 von 10 Waben besetzt sind, ist es Zeit für den Honigraum oder eine zweite Brutraumzarge
  • Drohnenrahmen: Einen leeren Rähmchen als Baurahmen einhängen – dient der Varroa-Kontrolle und gibt den Bienen eine Bauaufgabe
  • Schwarmkontrolle ab April im Hinterkopf behalten

Mittelstarke Völker (4-6 Wabengassen)

  • Alte Waben austauschen: Dunkle, schwere Altwaben gegen Mittelwände tauschen
  • Engere Beute: Gegebenenfalls mit Schied einengen, damit das Volk den Wärmehaushalt besser halten kann
  • Zufüttern, falls Futter knapp (Zuckerwasser 1:1 in kleinen Portionen)

Schwache Völker (unter 4 Wabengassen)

  • Vereinigen mit einem mittelstarken Volk (Zeitungsmethode)
  • Keine Einzelkämpfer: Ein schwaches Volk allein aufzupäppeln kostet Ressourcen und bringt selten eine Ernte
  • Ursache klären: Weisellos? Varroa-geschädigt? Altes Futter?

Checkliste: Erste Frühjahrsdurchsicht

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Raum geben: Wann erweitern?

Einer der häufigsten Fehler im Frühjahr ist das zu späte Erweitern. Die Bienen vermehren sich im Frühling explosionsartig – ein Volk kann von 10.000 auf 40.000 Bienen wachsen. Gibst du nicht rechtzeitig Raum, kommt es zur Schwarmstimmung.

Faustregel für den Honigraum: Wenn 7 von 10 Brutraumwaben besetzt sind und die Obstblüte beginnt, wird es Zeit. Setze den Honigraum mit Absperrgitter auf. Lieber einen Tag zu früh als eine Woche zu spät.

Bienenstand im Frühling mit aufgesetzten Honigräumen
Rechtzeitiges Erweitern verhindert Schwarmstimmung und maximiert die Honigernte.

Typische Fehler im Frühjahr

Der Futtervorrat im Frühjahr

Gerade im Spätwinter und Vorfrühling ist Futtermangel die häufigste Verlustursache. Die Völker starten die Bruttätigkeit, verbrauchen dadurch deutlich mehr Energie – und die Vorräte schwinden rapide.

2-4 kg
Monatlicher Futterverbrauch im Vorfrühling (Februar/März)

Wenn du Anfang März noch weniger als 5 Kilogramm Futter im Volk schätzt, solltest du sofort handeln:

  • Futterteig direkt auf die Rähmchen legen (funktioniert auch bei kühlen Temperaturen)
  • Futterwabe aus einer Reserve einhängen
  • Zuckerwasser 1:1 in kleinen Mengen, sobald die Temperaturen es zulassen

Zusammenfassung: Dein Frühjahrsfahrplan

Der Frühling am Bienenstock folgt einem klaren Rhythmus. Hier ist dein Fahrplan für die ersten Wochen:

ZeitraumAufgabePriorität
Ab 8°CReinigungsflug beobachten, Flugloch freimachenHoch
Ab 10°CBodeneinlage kontrollieren, Gewicht schätzenHoch
Ab 15°CErste Frühjahrsdurchsicht durchführenSehr hoch
ObstblüteHonigraum aufsetzen, Absperrgitter einlegenHoch
AprilDrohnenrahmen einhängen, Wabenhygiene startenMittel
Ab MaiSchwarmkontrolle im 7-Tage-Rhythmus beginnenSehr hoch

Der Frühling entscheidet über die Saison. Wer bei der Frühjahrsdurchsicht sauber arbeitet, hat den Rest des Jahres weniger Probleme.

Dr. Gerhard Liebig
Bienenkundler, Landesanstalt für Bienenkunde

Der Frühling ist die Zeit des Neuanfangs – für die Bienen und für dich als Imker. Nimm dir die Zeit für eine gründliche Frühjahrsdurchsicht, dokumentiere alles sorgfältig und handle entschlossen bei Problemen. So legst du den Grundstein für eine erfolgreiche Saison.

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