Imkern in Norddeutschland: Von der Lüneburger Heide über die Rapsfelder bis zur Küste. Trachten, Wind und die Besonderheiten der norddeutschen Imkerei.
Norddeutschland — das ist die weite Landschaft zwischen Nordsee und Ostsee, die endlosen Rapsfelder Schleswig-Holsteins, die mystische Lüneburger Heide und die windgepeitschten Deiche Ostfrieslands. Für Imker bietet diese Region einzigartige Chancen und ebenso spezielle Herausforderungen. Wer hier erfolgreich imkern will, braucht Wissen über das Küstenklima, die norddeutschen Trachten und die richtige Strategie für Wind und Wetter.

Die norddeutsche Imkerei-Landschaft
Norddeutschland umfasst die Bundesländer Schleswig-Holstein, Niedersachsen, Mecklenburg-Vorpommern, Hamburg und Bremen sowie Teile Brandenburgs. Die Landschaft ist überwiegend flach, von Landwirtschaft geprägt und bietet ein maritimes bis gemäßigt-kontinentales Klima.
Was den Norden für Imker besonders macht
- Raps: Die mit Abstand wichtigste Einzeltracht in Deutschland — und der Norden ist das Zentrum
- Heide: Die Lüneburger Heide bietet eine der exklusivsten Honigsorten überhaupt
- Küstenklima: Mild, aber windig — Bienen und Imker brauchen spezielle Strategien
- Wanderimkerei-Tradition: Norddeutsche Imker wandern seit Jahrhunderten mit ihren Völkern
- Große Betriebe: Im Norden gibt es überproportional viele Erwerbsimker mit 100+ Völkern
Die großen Trachten des Nordens
Raps: Das gelbe Gold
Raps (Brassica napus) ist die Leittracht Norddeutschlands. Besonders in Schleswig-Holstein, Mecklenburg-Vorpommern und dem nördlichen Niedersachsen blühen im April und Mai die Felder in leuchtendem Gelb. Für Imker bedeutet das:
Vorteile der Rapstracht:
- Extrem ergiebig: 20–40 kg Honig pro Volk in guter Saison
- Zuverlässig: Raps blüht fast jedes Jahr reichlich
- Frühe Ernte: Bereits Ende Mai kann geschleudert werden
Herausforderungen:
- Schnelle Kristallisation: Rapshonig hat einen hohen Glucoseanteil und kristallisiert innerhalb von Tagen bis Wochen. Wer nicht rechtzeitig schleudert, riskiert festen Honig in den Waben.
- Pflanzenschutzmittel: Raps wird intensiv behandelt — Abstimmung mit Landwirten ist essenziell
- Monotracht: Reiner Rapshonig kann geschmacklich recht eintönig sein
Rapshonig muss spätestens 3–4 Tage nach dem Ende der Rapstracht geschleudert werden. Danach beginnt er in den Waben zu kristallisieren und lässt sich nicht mehr vollständig schleudern. Kontrolliere regelmäßig den Wassergehalt mit einem Refraktometer — unter 18 % ist ideal.
Lüneburger Heide: Heidehonig — die Krone der norddeutschen Imkerei
Die Besenheide (Calluna vulgaris) blüht im August und September in der Lüneburger Heide und verwandelt die Landschaft in ein violettes Meer. Heidehonig ist eine der exklusivsten und teuersten Honigsorten Deutschlands.

Was Heidehonig so besonders macht:
- Konsistenz: Gelée-artig, thixotrop — wird beim Rühren flüssig, setzt sich wieder
- Geschmack: Kräftig-würzig, leicht bitter, malzig
- Farbe: Bernstein bis dunkelbraun
- Preis: 15–25 EUR pro 500g-Glas — deutlich über dem Durchschnitt
- Ernte: Kann nicht geschleudert werden, sondern wird mit dem Heidehonig-Presser (Stipper) gewonnen oder gestippt
Wanderung vorbereiten (Juli)
Kontaktiere rechtzeitig die Heideflächenbesitzer oder den lokalen Imkerverein. Wanderplätze in der Heide sind begehrt und müssen oft Monate im Voraus reserviert werden. Die Lüneburger Heide ist als Naturpark geschützt — informiere dich über Genehmigungen.
Völker vorbereiten
Nur starke Völker mit mindestens 30.000 Bienen eignen sich für die Heidetracht. Schwache Völker verhungern, weil die Heide zwar Nektar, aber kaum Pollen bietet. Füttere vorher eiweißreich (Pollenwaben) und stelle sicher, dass die Völker brutfreudig sind.
Anwanderung (Mitte August)
Transportiere die Völker abends, wenn alle Bienen im Stock sind. Die Heide blüht typischerweise von Mitte August bis Mitte September — die genaue Blütezeit hängt von Temperatur und Niederschlag ab.
Ernte (September)
Heidehonig ist thixotrop und kann nicht klassisch geschleudert werden. Verwende einen Heidehonig-Presser oder die traditionelle „Stipp"-Methode: Mit einem Nagelbrett werden die Wabenzellen aufgestochen, dann wird der Honig durch Pressen gewonnen.
Weitere wichtige Trachten
Obstblüte (April–Mai): Das Alte Land bei Hamburg ist Europas größtes zusammenhängendes Obstanbaugebiet. Kirschen, Äpfel und Birnen bieten eine zuverlässige Frühtracht.
Linde (Juni–Juli): In den Städten Hamburg, Lübeck, Hannover und Rostock stehen große Lindenbestände. Lindenhonig aus dem Norden ist hell, frisch-minzig und sehr begehrt.
Phacelia und Senf (Sommer): Als Zwischenfrüchte in der Landwirtschaft bieten diese Pflanzen eine willkommene Sommertracht, besonders in Mecklenburg-Vorpommern.
Buchweizen (Juli–August): In einigen Regionen Niedersachsens wird Buchweizen angebaut. Der daraus gewonnene Honig ist dunkel, kräftig und hat ein charakteristisches, leicht herbes Aroma.
Das Küstenklima: Fluch und Segen
Wind — der ständige Begleiter
An der Nord- und Ostseeküste ist Wind der dominierende klimatische Faktor. Für Bienen und Imker bedeutet das:
| Faktor | Auswirkung auf Bienen | Lösung |
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Standortwahl an der Küste
Die Standortwahl ist in Norddeutschland besonders wichtig. Ein guter Standort an der Küste bietet:
- Windschutz: Hecken, Knicks (typisch schleswig-holsteinische Wallhecken), Gebäude
- Südausrichtung: Fluglöcher nach Süden oder Südosten
- Drainage: Norddeutsche Böden können staunass sein — erhöhte Aufstellung schützt
- Vielfältige Tracht: Mischung aus Obstbäumen, Wildblumen und landwirtschaftlichen Kulturen
Die typisch schleswig-holsteinischen Knicks (Wallhecken) sind wahre Schatzkammern für Bienen. Auf wenigen Metern finden sich Weißdorn, Schlehe, Holunder, Haselnuss und Brombeere — ein Blüten-Buffet von Februar bis September. Platziere deine Beuten möglichst in der Nähe solcher Knicks.
Die Wanderimkerei-Tradition des Nordens
Norddeutschland hat eine lange Wanderimkerei-Tradition, die eng mit dem Heideimkern verbunden ist. Seit Jahrhunderten transportieren Imker ihre Bienen im Spätsommer in die Heide — früher auf Karren, heute auf Anhängern.
Typischer Wanderplan eines norddeutschen Imkers
- März–April: Heimatstand — Obstblüte und Frühblüher
- Mai–Juni: Wanderung zum Raps (Schleswig-Holstein oder Mecklenburg-Vorpommern)
- Juni–Juli: Zurück zum Heimatstand oder Lindentracht
- August–September: Wanderung in die Lüneburger Heide
- Oktober: Auffütterung und Wintervorbereitung am Heimatstand
Wanderimkerei: Rechtliches
In Niedersachsen und Schleswig-Holstein gelten besondere Regeln für die Wanderimkerei:
- Wandergebühr: Einige Gemeinden erheben eine geringe Gebühr
- Gesundheitszeugnis: Pflicht beim Verbringen von Völkern über Kreisgrenze
- Seuchenfreiheitsbescheinigung: Vom zuständigen Veterinäramt auszustellen
- Naturschutzgebiete: Genehmigung des Naturparks erforderlich (besonders in der Heide)
Norddeutsche Imkervereine und Organisationen
Die norddeutsche Imkerei ist gut organisiert. Wichtige Anlaufstellen:
- Landesverband Schleswig-Holsteinischer und Hamburger Imker e.V.: Einer der traditionsreichsten Verbände
- Landesverband Hannoverscher Imker e.V.: Betreut Niedersachsen
- Landesverband der Imker Mecklenburg-Vorpommern e.V.: Stark gewachsen seit der Wiedervereinigung
- LAVES Institut für Bienenkunde Celle: Eines der wichtigsten Bieneninstitute Deutschlands
- Norddeutsche Imkertage: Jährliche Fachtagung mit Vorträgen und Workshops

Das Bieneninstitut Celle
Das LAVES Institut für Bienenkunde Celle in Niedersachsen ist eine zentrale Einrichtung für die norddeutsche Imkerei. Es bietet:
- Bienengesundheitsuntersuchungen (Faulbrut, Nosema, Varroa)
- Honiganalysen und Qualitätsprüfungen
- Forschung zu Bienengesundheit und Pflanzenschutz
- Aus- und Fortbildung für Imker
- Beratung bei Bienenkrankheiten
Herausforderungen im Norden
Trachtlücken im Sommer
Nach der Rapstracht (Ende Mai) und vor der Heidetracht (Mitte August) klafft im Norden oft eine Trachtlücke von 8–10 Wochen. In dieser Zeit finden Bienen kaum Nahrung in der intensiv genutzten Agrarlandschaft. Gegenmaßnahmen:
- Standorte mit Blühstreifen und extensivem Grünland wählen
- Kontakt zu Landwirten suchen, die Zwischenfrüchte anbauen
- Notfütterung bei extremer Trachtarmut
Varroa im milden Küstenklima
Das milde Küstenklima hat einen Nachteil: Bienenvölker brüten oft bis in den November oder Dezember hinein. Das verlängert die Varroa-Vermehrungsphase und erschwert die brutfreie Winterbehandlung.
Im milden Küstenklima empfiehlt sich eine kombinierte Varroa-Strategie: Drohnenbrutentnahme im Mai, Ameisensäure-Behandlung nach der Ernte (August) und Oxalsäure-Träufelbehandlung erst, wenn sicher Brutfreiheit erreicht ist — im Norden oft erst Ende Dezember oder Anfang Januar.
Intensive Landwirtschaft
Die norddeutsche Tiefebene ist eine der produktivsten Agrarregionen Europas. Der intensive Ackerbau bringt zwar Rapstracht, aber auch:
- Monotone Fruchtfolgen mit wenig Blütenvielfalt
- Einsatz von Pflanzenschutzmitteln
- Große Flächen ohne Saumstrukturen
- Verdichtete Böden mit weniger Wildblumen
Tipps für angehende Nordimker
Windschutz priorisieren
Suche dir einen Standort hinter einer Hecke, einem Gebäude oder einem Knick. In der norddeutschen Tiefebene kann selbst ein leichter Windschutz die Sammelleistung deiner Bienen um 20–30 % steigern.
Rapstracht nutzen, aber planen
Lerne die Rapsfelder in deiner Umgebung kennen. Sprich mit Landwirten über Spritztermine und plane die Ernte frühzeitig. Ein Refraktometer ist Pflicht — Rapshonig muss schnell geschleudert werden.
Heidewanderung ausprobieren
Auch Hobbyimker können die Heidewanderung ausprobieren. Beginne mit wenigen Völkern und schließe dich einem erfahrenen Wanderimker an. Der Heidehonig-Ertrag kann die gesamte Saison aufwerten.
Winterbehandlung anpassen
Im milden Küstenklima brüten Völker oft lange. Passe deine Varroa-Strategie an und sei geduldig mit der Winterbehandlung. Eine brutfreie Phase Mitte Januar ist realistischer als im Binnenland.
Fazit: Der Norden — Raps, Heide und viel Wind
Norddeutschland bietet Imkern ein kontrastreiches Erlebnis: Die ergiebige Rapstracht im Frühjahr, die exklusive Heidetracht im Spätsommer und die Herausforderungen des Küstenklimas formen einen einzigartigen Imkercharakter. Wer die Besonderheiten des Nordens versteht und seine Betriebsweise anpasst, kann hier hervorragende Honige produzieren — vom cremig-milden Rapshonig bis zum würzig-thixotropen Heidehonig.
Warum muss Rapshonig besonders schnell geschleudert werden?
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