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Zeichen eines gesunden Volks erkennen

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Lerne die wichtigsten Merkmale eines gesunden Bienenvolks: Flugverhalten, Brutbild, Volksstärke, Futtervorrat und Gemülldiagnose systematisch beurteilen.

Zeichen eines gesunden Volks erkennen

Geschlossenes, gleichmäßiges Brutbild mit verdeckelten Zellen auf einer Bienenwabe
Ein geschlossenes, gleichmäßiges Brutbild ist eines der wichtigsten Zeichen für ein gesundes Bienenvolk.

Die Fähigkeit, den Gesundheitszustand eines Bienenvolks zuverlässig einzuschätzen, ist eine der wichtigsten Kompetenzen in der Imkerei. Wer früh erkennt, dass etwas nicht stimmt, kann rechtzeitig handeln -- oft lange bevor sichtbare Krankheitssymptome auftreten.

In dieser Lektion lernst du systematisch, welche Parameter du bei jeder Durchsicht beobachten solltest und wie du ein verlässliches Bild des Volkszustands gewinnst. Die gute Nachricht: Vieles kannst du bereits vor dem Öffnen der Beute beurteilen.

80 %
aller Bienenprobleme lassen sich durch aufmerksame Beobachtung frühzeitig erkennen

Am Flugloch beginnt die Diagnose

Bevor du den Deckel hebst und den Smoker in Gang setzt, nimm dir zwei bis drei Minuten Zeit am Flugloch. Das Flugverhalten verrät erstaunlich viel über den Zustand eines Volks.

Normales Flugverhalten erkennen

Ein gesundes Volk zeigt am Flugloch ein lebhaftes, geordnetes Treiben:

  • Orientierungsflüge: Am frühen Nachmittag (13:00-15:00 Uhr) schweben junge Bienen in kleinen Wolken vor dem Flugloch, mit dem Kopf zur Beute gewandt. Dieses "Vorspiel" zeigt aktive Brutaufzucht an.
  • Sammlerinnen mit Pollen: Rückkehrende Bienen mit sichtbaren Pollenhöschen sind ein starkes Indiz für offene Brut. Kein Polleneintrag bei gutem Wetter kann auf Weisellosigkeit hindeuten.
  • Wächterbienen: Am Eingang positionierte Bienen, die Anfliegende kontrollieren, zeigen ein intaktes Abwehrsystem und Volksstärke.
  • Gleichmäßiger Flugbetrieb: Zielgerichteter, stetiger An- und Abflug bei gutem Wetter.
Sammelbiene mit vollen Pollenhöschen im Landeanflug
Rückkehrende Sammlerinnen mit Pollenhöschen signalisieren: Im Volk wird Brut aufgezogen.
Die 3-Minuten-Regel am Flugloch

Gewöhne dir an, bei jedem Standbesuch mindestens 3 Minuten vor jeder Beute zu verweilen. Beobachte den Flugbetrieb, höre auf das Summgeräusch, achte auf den Geruch. Mit der Zeit entwickelst du ein untrügliches Gespür dafür, wann etwas anders ist als sonst.

Warnsignale am Flugloch

BeobachtungMögliche UrsacheDringlichkeit
Kein Flugbetrieb bei SonnenscheinWeisellos, abgeschwärmt, Volk totSofort prüfen
Krabbelnde Bienen mit verkrüppelten FlügelnVarroa/DWV-BefallSofort behandeln
Kotflecken an der BeuteNosemose, Ruhr durch schlechtes FutterBeim nächsten Eingriff prüfen
Massenhafter Totenfall (>100/Tag)Vergiftung, VarroaschadenSofort untersuchen
Wespen dringen ungehindert einVolk zu schwach für VerteidigungFlugloch einengen
Zitternde, schwarze, haarlose BienenCBPV (Chronisches Bienenparalyse-Virus)Volk beobachten, ggf. isolieren

Das Brutbild beurteilen

Das Brutbild ist der wichtigste Gesundheitsindikator bei der Durchsicht. Kein anderer Parameter gibt so zuverlässig Auskunft über den Zustand der Königin und das Vorhandensein von Brutkrankheiten.

Das perfekte Brutbild

Gesunde Brutwabe mit geschlossenem Brutbild
Ein Lehrbuch-Brutbild: gleichmäßig verdeckelt, kaum Lücken, konzentrische Anordnung.
  • Geschlossenes Brutfeld: Weniger als 10 % leere Zellen innerhalb des Brutfeldes
  • Konzentrische Anordnung: Älteste Brut im Zentrum, jüngere außen, Futterkranz darüber
  • Einheitliche Verdeckelung: Leicht gewölbt, hellbraun bis mittelbraun, keine Einstiche oder Flecken
  • Stiftemuster: Je ein Ei pro Zelle, aufrecht in der Zellmitte -- bestätigt eine legefähige Königin
< 10 %
Lückenanteil im Brutfeld gilt als geschlossenes, gesundes Brutbild

Warnsignale im Brutbild

  1. Lückenhaftes Brutbild (> 20 % Lücken)

    Mögliche Ursachen: Inzuchtkönigin, alte Königin mit nachlassender Legeleistung, Brutkrankheit oder Varroa-Befall (hygienisches Verhalten räumt befallene Zellen).

  2. Buckelbrut

    Hoch aufgewölbte Zelldeckel auf Arbeiterinnenzellen deuten auf Drohnenbrut in Arbeiterinnenzellen hin -- Zeichen für eine unbefruchtete Königin oder drohnenbrütige Arbeiterinnen (Afterweisel).

  3. Eingefallene, durchlöcherte Zelldeckel

    Ein Alarmsignal für Brutkrankheiten, insbesondere Amerikanische Faulbrut (AFB). Die Bienen versuchen, kranke Larven zu entfernen, schaffen es aber nicht.

  4. Mehrere Stifte pro Zelle

    Mehrere Eier, ungeordnet an den Zellwänden, deuten auf legende Arbeiterinnen (Afterweisel) hin. Ausnahme: Sehr junge Königinnen können anfangs ebenso legen -- normalisiert sich in wenigen Tagen.

Brutbild-Veränderungen immer ernst nehmen

Jede plötzliche Verschlechterung des Brutbilds ist ein Warnsignal. Wenn ein Volk bisher geschlossen brütete und plötzlich lückenhaft wird: Dokumentiere den Befund und kontrolliere beim nächsten Mal gezielt nach.

Volksstärke einschätzen

Die gängigste Methode ist das Zählen der besetzten Wabengassen -- der Raum zwischen zwei Waben, von oben betrachtet.

Besetzte WabengassenEinstufungUngefähre Bienenzahl
1-3Sehr schwach2.000-6.000
4-6Schwach bis mittel8.000-15.000
7-9Mittelstark15.000-25.000
10-12Stark25.000-40.000
12+Sehr stark (Schwarmgefahr!)40.000-60.000
Wann ist die Zählung aussagekräftig?

Zähle die Wabengassen bei mäßigen Temperaturen (15-20 Grad) am Vormittag. Bei Hitze sitzen Bienen außen an der Beute (Bart-Bildung), bei Kälte ziehen sie sich zusammen -- beides verfälscht die Zählung.

6-9 Wabengassen
gelten als gute Winterstärke für die Einwinterung in Deutsch-Normalmaß oder Zander

Futtervorrat prüfen

Ausreichende Futterversorgung ist existenziell. Verhungern ist nach Varroa die zweithäufigste Ursache für Völkerverluste.

Kippprobe: Hebe die Beute von hinten leicht an. Eine volle Zander-Zarge wiegt ca. 15-18 kg, eine leere ca. 3-4 kg. Mit Übung wird dein Handgefühl erstaunlich zuverlässig.

Futterkranz inspizieren: Verdeckelter Honig ist Wintervorrat, offener glänzender Nektar ist frischer Eintrag. Pollen neben der Brut zeigt Eiweißversorgung an.

ZeitpunktMindestvorratEmpfehlung
Einwinterung (September)15-18 kg20 kg anstreben
Dezember/Januar10-12 kgKippprobe alle 4 Wochen
Februar/März5-8 kgKritischste Zeit! Notfütterung bereithalten
Trachtzeit (Mai-Juli)3-5 kg im BrutraumBei Trachtlücke sofort füttern
Februar/März: Die hungrigste Zeit

Das Volk beginnt zu brüten, der Futterverbrauch steigt stark an -- aber draußen gibt es noch keinen Nektareintrag. Viele Völker verhungern nur wenige Wochen vor der ersten Tracht. Kontrolliere regelmäßig das Gewicht und halte Futterteig als Notration bereit.

Geruch als Diagnosemittel

Ein gesundes Bienenvolk riecht angenehm nach Wachs, Honig und Propolis. Abweichende Gerüche sind diagnostisch wertvoll:

  • Fauliger Geruch: Dringendes Warnsignal für Amerikanische Faulbrut (AFB). Sofort Veterinäramt kontaktieren!
  • Saurer, essigartiger Geruch: Gärendes Futter oder Europäische Faulbrut (EFB)
  • Chemischer Geruch: Nach Behandlungen normal, sonst ungewöhnlich

Die Nase ist das älteste Diagnoseinstrument des Imkers. Viele erfahrene Imker riechen eine Faulbrut, bevor sie das erste Symptom sehen. Schulen Sie Ihren Geruchssinn -- er kann Leben retten.

Dr. Werner von der Ohe
ehemaliger Leiter des LAVES Bieneninstitut Celle

Totenfall und Gemülldiagnose

Normaler Totenfall

  • Sommer: 500-1.000 tote Bienen pro Tag (bei 40.000-60.000 Bienen). Die meisten sterben draußen.
  • Winter: 20-50 tote Bienen pro Tag, bei Reinigungsflügen ausgetragen.
500-1.000
Bienen sterben täglich in einem starken Volk im Sommer -- das ist vollkommen normal

Die Gemülldiagnose

Gemüllbrett mit Varroa-Milben zur Diagnose des Befallsgrades
Varroa-Diagnose mit Gemüllbrett: Der natürliche Milbenfall verrät den Befallsgrad des Volkes.
  1. Gemüllbrett einlegen

    Sauberes, helles Brett unter den Gitterboden schieben. Mindestens 3, idealerweise 7 Tage liegen lassen.

  2. Milben zählen

    Varroa-Milben (rotbraun, oval, ca. 1,5 mm) zählen, durch Einlegedauer teilen = natürlicher Milbenfall pro Tag. Richtwerte: bis 5/Tag im Juli tolerabel, über 10/Tag behandlungsbedürftig, über 30/Tag akut kritisch.

  3. Weitere Bestandteile analysieren

    Achte auf: Kalkbrutmumien (weiße/schwarze harte Klümpchen), Wachsmotten-Kot (schwarze Krümelreihen), Pollenkörner (bunt), auffällige Zelldeckelreste.

  4. Befund dokumentieren

    Notiere die Beobachtungen in der Stockkarte. Der Verlauf über die Zeit ist mindestens so wichtig wie der Einzelbefund.

Weiselrichtigkeit prüfen

Du musst die Königin nicht unbedingt sehen. Folgende Indizien reichen:

  • Stifte: Sicherster Nachweis -- Königin war vor maximal 3 Tagen aktiv
  • Jüngste offene Brut: Kleine Maden in Futtersaft bestätigen ebenfalls eine aktive Königin
  • Ruhiges Verhalten: Ein weiselrichtiges Volk arbeitet ruhig und geordnet
Bienen auf einer Honigwabe im Detail
Ein einzelner Stift in der Zellmitte -- der sicherste Nachweis für eine legefähige Königin.

Anzeichen für Weisellosigkeit:

  • Unruhiges Verhalten, klagendes "Heulen"
  • Keine Stifte und junge Brut, nur noch verdeckelte Brut
  • Nachschaffungszellen an der Wabenoberfläche
  • Im Endstadium: Mehrere Stifte pro Zelle (Afterweisel)
Nicht vorschnell handeln!

Wenn du keine Stifte findest: Die Königin kann eine Legepause machen oder sich auf dem Begattungsflug befinden. Warte 7-10 Tage und kontrolliere erneut, bevor du eingreifst.

Die systematische Gesundheitskontrolle

Gesundheits-Checkliste bei der Durchsicht

Fortschritt0/0
Gesundheits-Protokoll anlegen
5 min pro Volk
Material
  • Stockkarte oder App
  • Stift
  • Smartphone für Fotos
  1. Datum und Wetter notieren
  2. Flugverhalten kurz beschreiben
  3. Volksstärke in besetzten Wabengassen
  4. Brutbild bewerten (geschlossen/lückenhaft/keine Brut)
  5. Weiselrichtigkeit vermerken (Stifte gesehen?)
  6. Futtervorrat schätzen
  7. Auffälligkeiten und Maßnahmen dokumentieren
  8. Bei Verdacht: Fotos machen
Digital dokumentieren spart Zeit

Digitale Stockkarten erleichtern die Dokumentation erheblich: Fotos direkt zuordnen, Verläufe grafisch sehen, an Kontrollen erinnert werden. Die Dokumentation ist auch der erste Schritt zum korrekten Bestandsbuch (Pflicht nach EU 2019/6).

Brutbild fotografieren -- dein Gedächtnis lügt

Fotografiere bei jeder Durchsicht mindestens eine Brutwabe. Im Moment glaubst du, du wirst dich erinnern -- aber nach 20 Völkern und 3 Wochen Abstand weißt du nicht mehr, ob Volk 7 ein lückiges Brutbild hatte. Fotos sind unbestechlich und ermöglichen den Vergleich über die Zeit: War das Brutbild letzten Monat auch schon lückig, oder ist es neu? Dieser Verlauf ist oft aussagekräftiger als der Einzelbefund.

Wann professionelle Hilfe holen?

  • Verdacht auf AFB: Meldepflicht! Sofort Veterinäramt informieren.
  • Unklare Brutkrankheits-Symptome: Futterkranzprobe ans Bieneninstitut (oft kostenlos).
  • Massiver Totenfall: Proben sichern, Veterinäramt und JKI kontaktieren.
  • Wiederholt schwache Völker: Bienensachverständigen oder Gesundheitswart einbeziehen.

Ein guter Imker ist nicht derjenige, der nie Probleme hat -- sondern derjenige, der Probleme früh erkennt und konsequent handelt. Scheuen Sie sich nie, Hilfe zu holen.

Dr. Ralph Büchler
Bieneninstitut Kirchhain

Wissenscheck

Welches ist der sicherste Nachweis für Weiselrichtigkeit, ohne die Königin zu sehen?

Ab welchem Lückenanteil im Brutfeld sollte man die Ursache suchen?

Wann ist die kritischste Zeit für Futtermangel im Bienenvolk?


In der nächsten Lektion befassen wir uns mit den Brutkrankheiten: Amerikanische und Europäische Faulbrut, Kalkbrut und Sackbrut.

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