Vergiftungen und Pestizidschäden erkennen
Symptome von Bienenvergiftungen erkennen, Proben korrekt sichern, Meldewege kennen und Schadensdokumentation für Entschädigung durchführen.
Vergiftungen und Pestizidschäden erkennen

Vergiftungen durch Pflanzenschutzmittel sind ein ernstes Thema in der Imkerei. Obwohl die Bienenschutzverordnung den Einsatz bienengefährlicher Pestizide während der Blüte verbietet, kommt es durch Fehlanwendung, Abdrift oder Tankmischungen immer wieder zu Schadensfällen.
In dieser Lektion lernst du, Vergiftungsschäden sicher zu erkennen, die richtigen Sofortmaßnahmen einzuleiten und deinen Fall gerichtsfest zu dokumentieren.
Akute vs. chronische Vergiftung
| Merkmal | Akute Vergiftung | Chronische Vergiftung |
|---|---|---|
| Beginn | Stunden bis 1-2 Tage | Wochen bis Monate |
| Totenfall | Massenhaft (Tausende) | Schleichend, kaum sichtbar |
| Krämpfe/Zittern | Ja, typisch | Nein oder mild |
| Diagnose | Relativ einfach | Sehr schwierig |
| Häufigste Verursacher | Pyrethroide, Organophosphate | Neonicotinoide, Fungizide |
| Erholung | Möglich bei mildem Schaden | Oft schleichender Niedergang |
Akute Vergiftung
Tritt auf, wenn Bienen kurzfristig einer hohen Dosis ausgesetzt werden -- durch Kontakt mit frisch gespritzten Pflanzen oder kontaminierten Nektar.
Leitsymptome:
- Massenhafter Totenfall: Hunderte bis Tausende tote Bienen auf dem Flugbrett. Bei schwerer Vergiftung 10.000-30.000 Bienen innerhalb eines Tages
- Krampfende Bienen: Unkontrollierte Zuckungen, ausgestreckter Rüssel (Proboscis Extension), Kreiseln
- Desorientierung: Sammlerinnen finden das Flugloch nicht, taumeln, können nicht landen
- Flügellähmung: Bienen mit abgespreizten Flügeln, flugunfähig (Unterschied zu DWV: plötzliches Auftreten)
- Aggressivität: Besonders bei Pyrethroid-Vergiftungen

(1) Proben sichern (siehe unten), (2) Veterinäramt und Bienensachverständigen informieren, (3) Bei Verdacht auf Gesetzesverstoß: Polizei, (4) Fotos und Videos machen. Nichts verändern, bis Probennahme abgeschlossen ist!
Chronische Vergiftung
Bienen nehmen über Wochen niedrige Dosen auf. Die Einzeldosis ist nicht tödlich, die kumulative Wirkung schwächt das Volk nachhaltig:
- Stiller Schwund: Volk wird kleiner, Sammlerinnen kehren nicht zurück
- Orientierungsprobleme: Subletale Neonicotinoid-Dosen stören die Navigation
- Geschwächtes Immunsystem: Erhöhte Anfälligkeit für Nosema und Viren
- Reduzierter Honigertrag ohne erkennbare andere Ursache
Häufige Verursacher
Neonicotinoide
Seit 2018 ist die Freilandanwendung von Imidacloprid, Clothianidin und Thiamethoxam in der EU verboten (nur noch in Gewächshäusern). Diese Wirkstoffe binden an Nervenzellrezeptoren und stören bereits in subletalen Dosen Navigation und Lernfähigkeit. Sie sind systemisch -- verteilen sich in der gesamten Pflanze einschließlich Nektar und Pollen.
Das Freilandverbot der drei Hauptneonicotinoide gilt als Meilenstein, betrifft aber nur drei von mehreren Wirkstoffen dieser Klasse. Acetamiprid ist weiterhin zugelassen.
Pyrethroide
Deltamethrin, Cypermethrin und andere: In der Landwirtschaft weit verbreitet (Raps, Getreide, Obst). Hohe Kontakttoxizität -- Bienen sterben bei Berührung mit frisch behandelten Pflanzen. Laut Bienenschutzverordnung nicht auf blühende Pflanzen bei Bienenflug.
Fungizide und Tankmischungen
Fungizide hemmen die Entgiftungsenzyme (Cytochrom P450) der Biene. In Kombination mit Insektiziden kann die Giftigkeit um das 10- bis 1.000-Fache steigen! Einzeln "bienenungefährlich", als Mischung hochgiftig. Sensibilisiere Landwirte in deiner Umgebung für dieses Problem.
Herbizide
Glyphosat ist für Bienen nicht direkt tödlich, schädigt aber das Darmmikrobiom und erhöht die Anfälligkeit für Nosema. Breitband-Herbizide vernichten blühende "Unkräuter" und reduzieren das Nahrungsangebot -- eine erhebliche indirekte Schädigung.
Probennahme für Laboranalyse
Korrekte Probennahme ist entscheidend für Nachweis und Entschädigung. Fehlerhafte Proben machen den Schadensfall unbrauchbar.
Sofort sichern (innerhalb von 24 Stunden!)
Pflanzenschutzmittel werden schnell abgebaut. Am ersten Tag nach Schadensfeststellung Proben sichern.
Tote Bienen (Probe 1)
200-500 frisch tote Bienen vom Flugbrett in Papiertüte (kein Plastik -- Schimmel, Wirkstoffabbau). Frisch tot = noch weich und biegsam.
Pflanzenprobe (Probe 2)
Bei bekannter Kontaminationsquelle: Blüten und Blätter in separater Papiertüte. GPS-Koordinaten notieren.
Wabenprobe (Probe 3)
Brutwabe mit frischem Pollen in Alufolie, dann Papiertüte.
Einsenden ans JKI
Alle Proben gekühlt innerhalb von 24-48 Stunden an das Julius Kühn-Institut (JKI) Braunschweig senden. JKI-Begleitformular (online verfügbar) ausfüllen. Die Untersuchung ist für Imker kostenlos.
Halte eine fertige Box bereit: Papiertüten, Alufolie, Etiketten, Stift, Handschuhe, JKI-Formular (ausgedruckt), JKI-Adresse. Im Schadensfall verlierst du keine wertvolle Zeit.
Meldewege
Die Bienenschutzverordnung
| Einstufung | Bedeutung | Auflagen |
|---|---|---|
| B1 (bienengefährlich) | Tödlich bei normaler Anwendung | NICHT auf blühende Pflanzen, nicht bei Bienenflug |
| B2 (bedingt bienengefährlich) | Gefährlich bei falscher Anwendung | Spezifische Auflagen beachten |
| B3 (nicht bienengefährlich) | Bei normaler Anwendung ungefährlich | Keine (aber Tankmischungen beachten!) |
| B4 (nicht bienengefährlich) | Auch in höherer Dosis ungefährlich | Keine |
Meldekette bei Vergiftungsverdacht
Bienensachverständigen informieren
Er kommt zum Stand, begutachtet den Schaden und unterstützt bei der Probennahme.
Veterinäramt kontaktieren
Kann Ermittlungen einleiten und Proben amtlich sichern.
JKI einschalten
Proben einsenden. Analyse auf über 500 Wirkstoffe, kostenlos.
Polizei (bei Gesetzesverstoß)
Wenn die Bienenschutzverordnung verletzt wurde (z.B. Spritzung auf blühende Kulturen).
BVL-Meldung
Bundesamt für Verbraucherschutz erfasst Fälle statistisch und kann Maßnahmen einleiten.
Schadensdokumentation
Lückenlose Dokumentation ist Voraussetzung für Entschädigungsforderungen.
Dokumentations-Checkliste bei Vergiftungsverdacht
- Smartphone/Kamera
- Maßstab (Münze/Lineal)
- Notizblock
- Übersicht: Gesamten Stand mit Position aller Beuten
- Flugloch: Jede betroffene Beute mit Totenfall davor
- Detail mit Maßstab: Nahaufnahmen der toten Bienen
- Umgebung: Angrenzende landwirtschaftliche Flächen
- Videos: Krampfende/desorientierte Bienen (30-60 Sek.)
- Zeitstempel: Kamera-Metadaten aktivieren!

Eine lückenlos geführte Stockkarte belegt den Zustand vor dem Schaden und macht den eingetretenen Schaden bezifferbar. Digitale Stockkarten mit Zeitstempel haben besondere Beweiskraft.
Prävention
Kommunikation mit Landwirten
Kontakt aufnehmen
Stelle dich bei Landwirten im 3-km-Radius vor. Biete Bestäubungsleistung als Gegenleistung an.
Spritztermine absprechen
Bitte um Vorabinformation vor Spritzungen. So kannst du ggf. den Bienenflug einschränken.
Für Tankmischungen sensibilisieren
Viele Landwirte wissen nicht, dass Fungizid-Insektizid-Mischungen die Bienengefährlichkeit drastisch erhöhen.
Blühstreifen anregen
Pufferzonen zwischen Spritzfläche und Bienenstand. Oft über Agrarumweltprogramme gefördert.
Standortmanagement
- Abstand: Wenn möglich 200-500 m zu intensiv bewirtschafteten Flächen
- Vielfältige Trachtquellen: Strukturreiche Landschaft (Wald, Wiesen, Hecken)
- Saubere Tränken: Kontaminiertes Guttationswasser und Pfützen auf behandelten Äckern meiden

Unterscheidung von anderen Todesursachen
| Ursache | Typische Symptome | Unterschied zur Vergiftung |
|---|---|---|
| Varroaschaden (DWV) | Verkrüppelte Flügel | Langsam ansteigend, keine Krämpfe |
| CBPV | Zitternde, schwarze Bienen | Haarverlust, kein Massensterben |
| Räuberei | Kämpfe am Flugloch | Kämpfe sichtbar, Wachskrümel |
| Normaler Totenfall | Wenige tote Bienen | <100/Tag, keine Krämpfe |
| Hungertod | Kopf in leerer Zelle | Kein Futter, tote Bienen IN Beute |
Notfallplan
SOFORT:
- Proben sichern (200+ tote Bienen in Papiertüte)
- Fotos und Videos
- Bienensachverständigen anrufen
INNERHALB 24 STUNDEN: 4. Veterinäramt informieren 5. Proben an JKI senden 6. Bei Verdacht: Polizei
JKI Braunschweig: 0531 299-4200
Wir analysieren jede eingesandte Probe auf mehrere hundert Wirkstoffe. Aber die Qualität der Proben ist entscheidend -- frische Proben, korrekt verpackt, schnell eingesandt. Je mehr Zeit verstreicht, desto schwieriger wird der Nachweis.
Jens PistoriusJulius Kühn-Institut, Institut für Bienenschutz
Wissenscheck
Was ist das wichtigste Zeitfenster für die Probennahme?
Warum sind Tankmischungen von Fungiziden und Insektiziden problematisch?
Welche Institution untersucht Vergiftungsproben kostenlos?
Was ist der beste Schutz vor Bienenvergiftungen?
In der nächsten Lektion widmen wir uns schwachen Völkern: Ursachen finden, stärken oder vereinigen -- mit der Zeitungsmethode Schritt für Schritt.