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Vergiftungen und Pestizidschäden erkennen

20 min8 min Lesezeit
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Symptome von Bienenvergiftungen erkennen, Proben korrekt sichern, Meldewege kennen und Schadensdokumentation für Entschädigung durchführen.

Vergiftungen und Pestizidschäden erkennen

Bienen am Flugloch -- bei Vergiftungen zeigt sich hier das erste Warnsignal
Das Flugloch ist der Ort, an dem Vergiftungsschäden zuerst sichtbar werden: massenhafter Totenfall, Krämpfe und orientierungslose Bienen.

Vergiftungen durch Pflanzenschutzmittel sind ein ernstes Thema in der Imkerei. Obwohl die Bienenschutzverordnung den Einsatz bienengefährlicher Pestizide während der Blüte verbietet, kommt es durch Fehlanwendung, Abdrift oder Tankmischungen immer wieder zu Schadensfällen.

In dieser Lektion lernst du, Vergiftungsschäden sicher zu erkennen, die richtigen Sofortmaßnahmen einzuleiten und deinen Fall gerichtsfest zu dokumentieren.

ca. 150
Bienenvergiftungsfälle werden jährlich beim JKI gemeldet -- die Dunkelziffer ist deutlich höher

Akute vs. chronische Vergiftung

MerkmalAkute VergiftungChronische Vergiftung
BeginnStunden bis 1-2 TageWochen bis Monate
TotenfallMassenhaft (Tausende)Schleichend, kaum sichtbar
Krämpfe/ZitternJa, typischNein oder mild
DiagnoseRelativ einfachSehr schwierig
Häufigste VerursacherPyrethroide, OrganophosphateNeonicotinoide, Fungizide
ErholungMöglich bei mildem SchadenOft schleichender Niedergang

Akute Vergiftung

Tritt auf, wenn Bienen kurzfristig einer hohen Dosis ausgesetzt werden -- durch Kontakt mit frisch gespritzten Pflanzen oder kontaminierten Nektar.

Leitsymptome:

  • Massenhafter Totenfall: Hunderte bis Tausende tote Bienen auf dem Flugbrett. Bei schwerer Vergiftung 10.000-30.000 Bienen innerhalb eines Tages
  • Krampfende Bienen: Unkontrollierte Zuckungen, ausgestreckter Rüssel (Proboscis Extension), Kreiseln
  • Desorientierung: Sammlerinnen finden das Flugloch nicht, taumeln, können nicht landen
  • Flügellähmung: Bienen mit abgespreizten Flügeln, flugunfähig (Unterschied zu DWV: plötzliches Auftreten)
  • Aggressivität: Besonders bei Pyrethroid-Vergiftungen
Auffällige Bienen bei einer Durchsicht
Massenhafter Totenfall, Krämpfe und ausgestreckte Rüssel sind klassische Zeichen einer akuten Vergiftung.
Sofort handeln bei Vergiftungsverdacht!

(1) Proben sichern (siehe unten), (2) Veterinäramt und Bienensachverständigen informieren, (3) Bei Verdacht auf Gesetzesverstoß: Polizei, (4) Fotos und Videos machen. Nichts verändern, bis Probennahme abgeschlossen ist!

Chronische Vergiftung

Bienen nehmen über Wochen niedrige Dosen auf. Die Einzeldosis ist nicht tödlich, die kumulative Wirkung schwächt das Volk nachhaltig:

  • Stiller Schwund: Volk wird kleiner, Sammlerinnen kehren nicht zurück
  • Orientierungsprobleme: Subletale Neonicotinoid-Dosen stören die Navigation
  • Geschwächtes Immunsystem: Erhöhte Anfälligkeit für Nosema und Viren
  • Reduzierter Honigertrag ohne erkennbare andere Ursache

Häufige Verursacher

Neonicotinoide

Seit 2018 ist die Freilandanwendung von Imidacloprid, Clothianidin und Thiamethoxam in der EU verboten (nur noch in Gewächshäusern). Diese Wirkstoffe binden an Nervenzellrezeptoren und stören bereits in subletalen Dosen Navigation und Lernfähigkeit. Sie sind systemisch -- verteilen sich in der gesamten Pflanze einschließlich Nektar und Pollen.

EU-Verbot seit 2018

Das Freilandverbot der drei Hauptneonicotinoide gilt als Meilenstein, betrifft aber nur drei von mehreren Wirkstoffen dieser Klasse. Acetamiprid ist weiterhin zugelassen.

Pyrethroide

Deltamethrin, Cypermethrin und andere: In der Landwirtschaft weit verbreitet (Raps, Getreide, Obst). Hohe Kontakttoxizität -- Bienen sterben bei Berührung mit frisch behandelten Pflanzen. Laut Bienenschutzverordnung nicht auf blühende Pflanzen bei Bienenflug.

Fungizide und Tankmischungen

Tankmischungen: Die unterschätzte Gefahr

Fungizide hemmen die Entgiftungsenzyme (Cytochrom P450) der Biene. In Kombination mit Insektiziden kann die Giftigkeit um das 10- bis 1.000-Fache steigen! Einzeln "bienenungefährlich", als Mischung hochgiftig. Sensibilisiere Landwirte in deiner Umgebung für dieses Problem.

10-1.000x
giftiger können Pflanzenschutzmittel in Tankmischungen wirken als Einzelwirkstoffe

Herbizide

Glyphosat ist für Bienen nicht direkt tödlich, schädigt aber das Darmmikrobiom und erhöht die Anfälligkeit für Nosema. Breitband-Herbizide vernichten blühende "Unkräuter" und reduzieren das Nahrungsangebot -- eine erhebliche indirekte Schädigung.

Probennahme für Laboranalyse

Korrekte Probennahme ist entscheidend für Nachweis und Entschädigung. Fehlerhafte Proben machen den Schadensfall unbrauchbar.

  1. Sofort sichern (innerhalb von 24 Stunden!)

    Pflanzenschutzmittel werden schnell abgebaut. Am ersten Tag nach Schadensfeststellung Proben sichern.

  2. Tote Bienen (Probe 1)

    200-500 frisch tote Bienen vom Flugbrett in Papiertüte (kein Plastik -- Schimmel, Wirkstoffabbau). Frisch tot = noch weich und biegsam.

  3. Pflanzenprobe (Probe 2)

    Bei bekannter Kontaminationsquelle: Blüten und Blätter in separater Papiertüte. GPS-Koordinaten notieren.

  4. Wabenprobe (Probe 3)

    Brutwabe mit frischem Pollen in Alufolie, dann Papiertüte.

  5. Einsenden ans JKI

    Alle Proben gekühlt innerhalb von 24-48 Stunden an das Julius Kühn-Institut (JKI) Braunschweig senden. JKI-Begleitformular (online verfügbar) ausfüllen. Die Untersuchung ist für Imker kostenlos.

Probennahme-Box vorbereiten

Halte eine fertige Box bereit: Papiertüten, Alufolie, Etiketten, Stift, Handschuhe, JKI-Formular (ausgedruckt), JKI-Adresse. Im Schadensfall verlierst du keine wertvolle Zeit.

Meldewege

Die Bienenschutzverordnung

EinstufungBedeutungAuflagen
B1 (bienengefährlich)Tödlich bei normaler AnwendungNICHT auf blühende Pflanzen, nicht bei Bienenflug
B2 (bedingt bienengefährlich)Gefährlich bei falscher AnwendungSpezifische Auflagen beachten
B3 (nicht bienengefährlich)Bei normaler Anwendung ungefährlichKeine (aber Tankmischungen beachten!)
B4 (nicht bienengefährlich)Auch in höherer Dosis ungefährlichKeine

Meldekette bei Vergiftungsverdacht

  1. Bienensachverständigen informieren

    Er kommt zum Stand, begutachtet den Schaden und unterstützt bei der Probennahme.

  2. Veterinäramt kontaktieren

    Kann Ermittlungen einleiten und Proben amtlich sichern.

  3. JKI einschalten

    Proben einsenden. Analyse auf über 500 Wirkstoffe, kostenlos.

  4. Polizei (bei Gesetzesverstoß)

    Wenn die Bienenschutzverordnung verletzt wurde (z.B. Spritzung auf blühende Kulturen).

  5. BVL-Meldung

    Bundesamt für Verbraucherschutz erfasst Fälle statistisch und kann Maßnahmen einleiten.

Kostenlos
ist die Untersuchung von Vergiftungsproben durch das JKI für Imker

Schadensdokumentation

Lückenlose Dokumentation ist Voraussetzung für Entschädigungsforderungen.

Dokumentations-Checkliste bei Vergiftungsverdacht

Fortschritt0/0
Fotografische Dokumentation
15 min
Material
  • Smartphone/Kamera
  • Maßstab (Münze/Lineal)
  • Notizblock
  1. Übersicht: Gesamten Stand mit Position aller Beuten
  2. Flugloch: Jede betroffene Beute mit Totenfall davor
  3. Detail mit Maßstab: Nahaufnahmen der toten Bienen
  4. Umgebung: Angrenzende landwirtschaftliche Flächen
  5. Videos: Krampfende/desorientierte Bienen (30-60 Sek.)
  6. Zeitstempel: Kamera-Metadaten aktivieren!
Imker dokumentiert Befunde
Lückenlose Dokumentation ab dem ersten Moment ist entscheidend für den Nachweis eines Vergiftungsschadens.
Stockkarte als Beweisinstrument

Eine lückenlos geführte Stockkarte belegt den Zustand vor dem Schaden und macht den eingetretenen Schaden bezifferbar. Digitale Stockkarten mit Zeitstempel haben besondere Beweiskraft.

Prävention

Kommunikation mit Landwirten

  1. Kontakt aufnehmen

    Stelle dich bei Landwirten im 3-km-Radius vor. Biete Bestäubungsleistung als Gegenleistung an.

  2. Spritztermine absprechen

    Bitte um Vorabinformation vor Spritzungen. So kannst du ggf. den Bienenflug einschränken.

  3. Für Tankmischungen sensibilisieren

    Viele Landwirte wissen nicht, dass Fungizid-Insektizid-Mischungen die Bienengefährlichkeit drastisch erhöhen.

  4. Blühstreifen anregen

    Pufferzonen zwischen Spritzfläche und Bienenstand. Oft über Agrarumweltprogramme gefördert.

Standortmanagement

  • Abstand: Wenn möglich 200-500 m zu intensiv bewirtschafteten Flächen
  • Vielfältige Trachtquellen: Strukturreiche Landschaft (Wald, Wiesen, Hecken)
  • Saubere Tränken: Kontaminiertes Guttationswasser und Pfützen auf behandelten Äckern meiden
Bienentränke mit sauberem Wasser
Kontaminiertes Wasser kann eine unterschätzte Vergiftungsquelle sein. Biete saubere Tränken an.

Unterscheidung von anderen Todesursachen

UrsacheTypische SymptomeUnterschied zur Vergiftung
Varroaschaden (DWV)Verkrüppelte FlügelLangsam ansteigend, keine Krämpfe
CBPVZitternde, schwarze BienenHaarverlust, kein Massensterben
RäubereiKämpfe am FluglochKämpfe sichtbar, Wachskrümel
Normaler TotenfallWenige tote Bienen<100/Tag, keine Krämpfe
HungertodKopf in leerer ZelleKein Futter, tote Bienen IN Beute

Notfallplan

Notfallplan -- an den Stand kleben!

SOFORT:

  1. Proben sichern (200+ tote Bienen in Papiertüte)
  2. Fotos und Videos
  3. Bienensachverständigen anrufen

INNERHALB 24 STUNDEN: 4. Veterinäramt informieren 5. Proben an JKI senden 6. Bei Verdacht: Polizei

JKI Braunschweig: 0531 299-4200

Wir analysieren jede eingesandte Probe auf mehrere hundert Wirkstoffe. Aber die Qualität der Proben ist entscheidend -- frische Proben, korrekt verpackt, schnell eingesandt. Je mehr Zeit verstreicht, desto schwieriger wird der Nachweis.

Jens Pistorius
Julius Kühn-Institut, Institut für Bienenschutz

Wissenscheck

Was ist das wichtigste Zeitfenster für die Probennahme?

Warum sind Tankmischungen von Fungiziden und Insektiziden problematisch?

Welche Institution untersucht Vergiftungsproben kostenlos?

Was ist der beste Schutz vor Bienenvergiftungen?


In der nächsten Lektion widmen wir uns schwachen Völkern: Ursachen finden, stärken oder vereinigen -- mit der Zeitungsmethode Schritt für Schritt.

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