Lektion 7 von 107 / 10

Winterverluste analysieren und vermeiden

20 min14 min Lesezeit
winterverlusteeinwinterungtotenvolkpräventionfutterkontrollenosema

Typische Winterverluste verstehen, Totenvölker analysieren und mit gezielter Prävention die Überwinterungsquote deutlich steigern.

Winterverluste analysieren und vermeiden

Wintertraube von Bienen auf den Waben in einer Bienenbeute
Eine gut versorgte Wintertraube ist die Lebensversicherung des Volkes. Wer im Herbst sorgfältig arbeitet, bringt seine Völker sicher durch den Winter.

Winterverluste gehören zu den schmerzhaftesten Erfahrungen in der Imkerei. Wer im Frühling die Beute öffnet und ein totes Volk vorfindet, steht vor der Frage: Was ist schiefgelaufen? Diese Frage zu beantworten ist nicht nur wichtig für das eigene Lernen -- sie ist entscheidend dafür, dass es im nächsten Winter besser wird.

In dieser Lektion lernst du, wie du Winterverluste realistisch einordnest, ein Totenvolk systematisch analysierst und -- vor allem -- wie du durch gezielte Maßnahmen im Jahreslauf die Überlebensrate deiner Völker deutlich steigern kannst.

10-15 %
gelten in Deutschland als normale Winterverlustrate -- alles darüber deutet auf systematische Probleme hin

Winterverluste in Deutschland: Die Zahlen

Das Deutsche Bienen-Monitoring (DeBiMo) und das Fachzentrum Bienen und Imkerei in Mayen erheben seit über 20 Jahren systematisch die Winterverluste deutscher Imker. Diese Daten geben ein klares Bild.

Durchschnittliche Verlustquoten

VerlustrateBewertungTypische Ursache
< 10 %Sehr gut -- vorbildliches ManagementEinzelne schwache Völker, unvermeidbare Einzelfälle
10-15 %Normal -- durchschnittlich gute ImkereiVereinzelte Varroa-Probleme, einzelne Königinnenverluste
15-20 %Erhöht -- Ursachenanalyse empfohlenSuboptimale Varroa-Behandlung, teilweise zu späte Einfütterung
20-30 %Problematisch -- dringender HandlungsbedarfSystematische Fehler im Varroa-Management oder Futtermangel
> 30 %Katastrophal -- grundlegende Betriebsweise überprüfenKeine oder viel zu späte Varroa-Behandlung, massive Managementfehler
Schwankungen zwischen den Jahren

Winterverluste schwanken erheblich zwischen den Jahren. In guten Jahren (mildem Herbst, rechtzeitiger Behandlung) liegen sie bei 8-12 %, in schlechten Jahren (langer kalter Frühling, hohe Reinvasion) können sie auf 20-25 % steigen. Einzelne Extremjahre mit 30 %+ kommen vor, betreffen dann aber meist Imker mit unzureichendem Varroa-Management überproportional.

Die häufigsten Ursachen für Winterverluste

Ursache Nr. 1: Varroa destructor

~75 %
aller Winterverluste in Deutschland sind direkt oder indirekt auf Varroa zurückzuführen

Die Varroa-Milbe ist mit großem Abstand die Hauptursache für Winterverluste. Der Mechanismus: Hohe Milbenlast im Spätsommer schädigt die Winterbienen, die das Volk durch den Winter tragen müssen. Winterbienen leben normalerweise 6-8 Monate (im Gegensatz zu 4-6 Wochen bei Sommerbienen), aber durch Varroa geschädigte Winterbienen sterben vorzeitig. Das Volk schrumpft im Winter immer weiter und kann die Traube nicht mehr aufrechterhalten.

Ein oft übersehener Faktor ist die Reinvasion: Selbst gut behandelte Völker können im Spätsommer durch Milben aus unbehandelten Nachbarvölkern (über verfliegende Bienen, Räuberei oder driftende Drohnen) wieder befallen werden. In bienenreichen Gebieten können pro Woche 100-300 Milben eingetragen werden -- genug, um eine erfolgreiche Sommerbehandlung zunichte zu machen.

Das tückische Timing

Die kritische Phase liegt im August und September, wenn die Winterbienen aufgezogen werden. Eine zu hohe Milbenlast zu diesem Zeitpunkt verursacht Schäden, die erst Monate später im Winter sichtbar werden. Wer erst im Oktober behandelt, hat die Winterbienen bereits irreversibel geschädigt -- auch wenn die Milben danach sterben.

Ursache Nr. 2: Futtermangel

Die zweithäufigste Todesursache: Das Volk verhungert. In deutschen Wintern benötigt ein Volk je nach Standort und Witterung 15-20 kg Winterfutter (Zuckerlösung, die als Futtervorrat eingelagert wird). Futtermangel entsteht durch:

  • Zu wenig eingefüttert im Herbst
  • Zu späte Einfütterung (das Volk kann den Sirup nicht mehr trocknen und einlagern)
  • Futterabriss: Die Wintertraube sitzt an einer Stelle der Beute, hat das umliegende Futter aufgezehrt, kann aber in der Kälte (unter ca. 10 °C) nicht zu den vollen Futterwaben wandern -- selbst wenn diese nur wenige Zentimeter entfernt sind. Prävention: Bei der Einwinterung Futterwaben eng um das Brutnest anordnen, nicht am Rand der Zarge isoliert platzieren.
  • Zu frühe Bruttätigkeit im Januar/Februar verbraucht unerwartet viel Futter -- ein brütendes Volk kann doppelt so viel Futter verbrauchen wie ein brutfreies

Ursache Nr. 3: Schwache Völker eingewintert

Winterlich eingepackte Bienenbeuten mit Isolierung
Gute Wintervorbereitung beginnt mit der Volksstärke: Nur starke Völker mit mindestens 8-10 besetzen Wabengassen sollten einzeln eingewintert werden.

Ein Volk muss eine Mindestgröße haben, um die Wintertraube aufrechtzuerhalten. Die Traube ist der Überlebensmechanismus: Die Bienen bilden eine dichte Kugel und erzeugen durch Muskelzittern Wärme. Im Kern der Traube herrschen 20-25 Grad Celsius, selbst bei zweistelligen Minusgraden außen.

Faustregel: Ein Volk sollte im Oktober mindestens 8-10 gut besetzte Wabengassen (Zander) bzw. 5.000-8.000 Bienen haben, um sicher überwintern zu können. Schwächere Völker sollten mit anderen vereinigt werden.

Ursache Nr. 4: Königinnenprobleme

  • Alte, schwache Königin: Legt im Herbst nicht genug Brut, um ausreichend Winterbienen aufzuziehen
  • Unbegattete oder fehlende Königin: Das Volk geht ohne Nachwuchs in den Winter
  • Drohnenbrütigkeit: Ein drohnenbrütiges Volk im Herbst ist nicht zu retten und sollte vereinigt werden

Weitere Ursachen

Totenvolk-Analyse: Ursachen systematisch bestimmen

Totes Bienenvolk im Winter: Abgestorbene Bienentraube auf den Waben mit Schimmelbefall
Ein totes Volk erzählt eine Geschichte -- die Lage der toten Traube, Schimmelbildung und Futtervorräte geben Hinweise auf die Todesursache.

Wenn du im Frühling ein totes Volk findest, ist die systematische Analyse unerlässlich. Sie liefert die Informationen, die du brauchst, um denselben Fehler nicht zu wiederholen.

  1. Äußere Begutachtung

    Beginne von außen: Gibt es Kotflecken an der Beute, am Flugloch oder auf der Frontseite? Starke Verkotung deutet auf Nosema oder schlechte Futterqualität (Honigtau im Winterfutter) hin. Sind tote Bienen vor dem Flugloch angehäuft? Das kann auf einen plötzlichen Kälteeinbruch oder Vergiftung hindeuten.

  2. Totenfall untersuchen

    Untersuche den Totenfall (Gemüll auf dem Bodenbrett). Finden sich dort Varroa-Milben? Mehr als 5-10 Milben pro Tag natürlicher Milbenfall im Winter deutet auf eine zu hohe Restverseuchung hin. Finden sich verkrüppelte Bienen mit deformierten Flügeln? Das ist ein klares Zeichen für DWV (Deformed Wing Virus) durch Varroa.

  3. Position der toten Bienen

    Wo sitzen die toten Bienen in der Beute? Die Position verrät viel:

    • Kopf in den Zellen, Hinterleib herausragend: Die Bienen sind verhungert. Sie haben versucht, die letzten Futterreste aus den Zellen zu lecken, und sind dabei gestorben. Oft findest du direkt daneben noch volle Futterwaben -- ein klassischer Futterabriss.
    • Wenige tote Bienen, Beute fast leer: Das Volk ist durch Varroa/Viren zusammengebrochen. Die geschwächten Bienen sind ausgeflogen und nicht zurückgekehrt, oder sie wurden so wenige, dass die Traube nicht mehr gehalten werden konnte.
    • Viele tote Bienen am Boden, normale Menge: Wahrscheinlich Vergiftung oder plötzlicher Kältetod.
  4. Futtervorräte prüfen

    Kontrolliere die Futterwaben: Wie viel Futter ist noch vorhanden? Volle Futterwaben bei toten Bienen (Kopf in den Zellen) = Futterabriss (die Traube konnte nicht wandern). Leere Waben überall = zu wenig eingefüttert oder zu früher Brutbeginn hat Vorräte aufgezehrt.

  5. Brutnest analysieren

    Gibt es noch verdeckelte Brut? Brut mit eingesunkenen, löchrigen Deckeln kann auf Faulbrut hindeuten (Veterinäramt kontaktieren!). Normales, aber verlassenes Brutnest deutet auf plötzlichen Volkszusammenbruch hin (Varroa/Viren).

  6. Waben auf Krankheiten prüfen

    Untersuche die Waben auf Anzeichen von Krankheiten: Fadenziehende Masse in Brutzellen = Verdacht auf Amerikanische Faulbrut (sofort Veterinäramt melden!). Mosaikartiges Brutnest mit vielen leeren Zellen = Kalkbrut oder andere Bruterkrankung.

Schnellübersicht: Symptom-Zuordnung

Befund am TotenvolkWahrscheinlichste UrsacheMaßnahme
Kopf in Zellen, Futter daneben vorhandenFutterabriss (Traube konnte nicht wandern)Nächsten Herbst: Futterwaben näher am Brutnest, Unterbrochene Kälteperioden für Umzug nutzen
Kopf in Zellen, alle Waben leerZu wenig eingefüttert / zu früher BrutbeginnMehr einfüttern (mind. 18-20 kg), Futterkontrolle im Februar
Sehr wenige Bienen, Waben fast leerVarroa-/Viren-ZusammenbruchBehandlungskonzept überprüfen, früher und konsequenter behandeln
Starke Verkotung innen und außenNosema / schlechte FutterqualitätKein Honigtau-Honig als Winterfutter, Wabenhygiene verbessern
Verkrüppelte Bienen, deformierte FlügelDWV durch hohen Varroa-BefallSommerbehandlung vorziehen, Winterbehandlung nicht vergessen
Fadenziehende Masse in BrutzellenAmerikanische Faulbrut (AFB)SOFORT Veterinäramt melden! Anzeigepflichtige Tierseuche!
Faulbrut-Verdacht?

Wenn du bei der Totenvolk-Analyse eine fadenziehende, bräunliche Masse in verdeckelten Brutzellen findest (Streichholzprobe: Masse zieht Fäden), kontaktiere sofort das zuständige Veterinäramt. Die Amerikanische Faulbrut ist eine anzeigepflichtige Tierseuche. Nutze die Waben und das Material nicht weiter, bis der Verdacht abgeklärt ist.

Prävention: Der Schlüssel liegt im Jahreslauf

Winterverluste werden nicht im Winter verursacht -- sie entstehen durch Versäumnisse in den Monaten davor. Ein konsequenter Präventionsplan durch das ganze Bienenjahr hindurch ist der beste Schutz.

Frühjahr (März-Mai)

  • Frühjahrsdurchsicht: Volksstärke beurteilen, schwache Völker fördern oder vereinigen
  • Königin kontrollieren: Ist die Königin vital und legt geschlossen? Alte Königinnen rechtzeitig austauschen
  • Wabenhygiene: Alte, dunkle Waben aussortieren (max. 3 Jahre Nutzungsdauer)

Sommer (Juni-August)

  • Varroa-Monitoring: Regelmäßig den natürlichen Milbenfall kontrollieren (Gemülldiagnose oder Puderzuckermethode)
  • Sommerbehandlung: Unmittelbar nach der letzten Honigernte (spätestens Ende Juli!) mit der Varroa-Behandlung beginnen
  • Ableger bilden: Starke Völker teilen -- das reduziert gleichzeitig die Milbenlast durch die Brutpause
Ende Juli
ist der späteste Zeitpunkt für den Beginn der Sommerbehandlung gegen Varroa -- jede Woche zählt

Herbst (September-November)

Checkliste: Einwinterung

Fortschritt0/0

Winter (Dezember-Februar)

  • Winterbehandlung mit Oxalsäure: Bei Brutfreiheit (idealerweise 3 Wochen nach dem letzten Brutnachweis, oft Ende November bis Mitte Dezember) Oxalsäure-Behandlung durchführen (Träufeln oder Sublimation)
  • Futterkontrolle: Im Februar/März von hinten die Beute anheben -- fühlt sie sich leicht an, Notfütterung mit Futterteig auf die Oberträger
  • Fluglochbeobachtung: Bei milden Tagen den Reinigungsflug beobachten; aktive Bienen, kein Kotabgang am Stock = gutes Zeichen
  • Ruhe bewahren: Nicht öffnen, nicht stören, nicht unnötig am Stand hantieren
Notfütterung im Winter

Wenn du im Februar/März feststellst, dass ein Volk zu wenig Futter hat (Beute auffällig leicht beim Anheben von hinten), lege Futterteig (Zuckerteig, Apifonda o.Ä.) direkt auf die Oberträger über der Bienentraube. Flüssigfutter ist im Winter kontraproduktiv -- es regt die Bienen zur Bruttätigkeit an und erzeugt Feuchtigkeit. Futterteig wird bei Bedarf langsam aufgenommen und verhindert das Schlimmste.

Dokumentation: Aus Verlusten lernen

Imker kontrolliert das Gewicht einer Beute im Winter
Systematische Dokumentation ist der Schlüssel, um aus Winterverlusten zu lernen und sie in Zukunft zu vermeiden.

Die sorgfältige Dokumentation jedes Winterverlusts ist die Grundlage für Verbesserung. Erfasse für jedes verlorene Volk:

  • Todeszeitpunkt (soweit eingrentbar: Letzter positiver Befund vs. Feststellung des Verlusts)
  • Volksstärke bei der Einwinterung (Wabengassen)
  • Futtervorrat bei der Einwinterung (geschätzt in kg)
  • Varroa-Behandlungen im Vorjahr (Datum, Mittel, Dosis)
  • Befund bei der Totenvolk-Analyse (Symptome, Position der Bienen, Futterrest)
  • Vermutete Todesursache
  • Maßnahmen für nächstes Jahr

Wer seine Winterverluste nicht dokumentiert und analysiert, wiederholt die gleichen Fehler. Die Imker, die Jahr für Jahr unter 10 % Verluste haben, sind nicht die mit dem besten Glück -- es sind die, die ihre Betriebsweise konsequent auswerten und anpassen.

Dr. Ralph Büchler
Leiter des Bieneninstituts Kirchhain

Mit Hivekraft kannst du diese Analyse digital und strukturiert durchführen. Die Bestandsbuch-Funktion dokumentiert automatisch alle Behandlungen nach EU 2019/6, und die Durchsichtenhistorie zeigt dir den Zustand jedes Volkes über den gesamten Jahreslauf.

Häufige Fehler bei der Einwinterung

Statistik und Trends

Die Daten des Deutschen Bienen-Monitorings zeigen klare Trends:

  • Imker, die ein integriertes Varroa-Bekämpfungskonzept (Sommerbehandlung + Winterbehandlung + biotechnische Maßnahmen) anwenden, haben im Schnitt unter 10 % Verluste
  • Imker, die nur eine Behandlung pro Jahr durchführen, liegen bei 20-25 %
  • Imker ohne Varroa-Behandlung verlieren regelmäßig 50-100 % ihrer Völker
  • Die Dokumentation und Vernetzung (Imkerverein, Monitoring-Programme) korreliert stark mit niedrigeren Verlusten
< 10 %
Winterverluste erzielen Imker mit konsequentem Varroa-Management (Sommer + Winter + Biotechnik)

Wissenscheck

Was ist die mit Abstand häufigste Ursache für Winterverluste in Deutschland?

Was zeigt der Befund 'Bienen mit dem Kopf in den Zellen, volle Futterwaben direkt daneben' an?

Welche Mindest-Volksstärke sollte ein Volk bei der Einwinterung (Oktober) haben?

Warum muss die Varroa-Sommerbehandlung spätestens Ende Juli/Anfang August beginnen?


In der nächsten Lektion geht es um ein Thema, das oft unterschätzt wird: Hygiene am Bienenstock -- von der Wabenhygiene über den Wachskreislauf bis zur Seuchenprävention.

Melde dich an, um deinen Fortschritt zu speichern Login