Nosemose: Erkennung, Vorbeugung und Behandlung
Nosema apis und Nosema ceranae: Zwei Erreger, unterschiedliche Verläufe. Symptome erkennen, Mikroskopie durchführen und durch gutes Management vorbeugen.
Nosemose: Erkennung, Vorbeugung und Behandlung

Die Nosemose gehört zu den häufigsten Erkrankungen erwachsener Honigbienen weltweit. Einzellige Parasiten der Gattung Nosema befallen den Mitteldarm und stören Verdauung und Nährstoffaufnahme massiv. Zwei Arten sind relevant: Nosema apis und Nosema ceranae.
Die Nosemose kann zu schwacher Frühjahrsentwicklung, reduzierter Honigproduktion und erhöhten Winterverlusten führen. Gleichzeitig ist sie eine Erkrankung, die durch gutes Management am effektivsten vorgebeugt werden kann.
Zwei Erreger im Vergleich
Bis in die 2000er-Jahre kannte man nur Nosema apis. Dann wurde entdeckt, dass Nosema ceranae von der Asiatischen Honigbiene auf unsere Apis mellifera übergewechselt ist. Heute ist N. ceranae in Mitteleuropa der dominierende Erreger (>90 % der Fälle).
| Merkmal | Nosema apis | Nosema ceranae |
|---|---|---|
| Ursprung | Apis mellifera | Apis cerana (asiatisch) |
| Verbreitung in DE | Selten geworden | Dominant (>90 %) |
| Saisonalität | Vor allem Frühjahr | Ganzjährig |
| Symptome | Starker Durchfall, Kotflecken | Oft symptomarm! Schleichende Schwächung |
| Verlauf | Akut, sichtbar | Chronisch, schleichend |
| Lebensdauer-Reduktion | 30-50 % | Bis zu 70 % |
| Sporengröße | Länglich-oval, 5-7 x 3-4 µm | Rundlich-oval, 4-5 x 2-3 µm (kleiner) |
| Umweltresistenz | Hoch (jahrelang) | Mittel (frostempfindlicher) |
N. ceranae zeigt oft keine klassischen Symptome. Kein Durchfall, keine Kotflecken. Stattdessen schwächelt das Volk grundlos: langsame Entwicklung, sinkende Bienenmasse, weniger Honig. Viele Imker denken an andere Ursachen, ohne an Nosema zu denken.
Der Infektionszyklus
Sporenaufnahme
Die Biene nimmt Sporen oral auf -- über kontaminiertes Futter, Wasser oder beim Putzen verschmutzter Waben. Bereits wenige Tausend Sporen reichen.
Keimung im Mitteldarm (30 Minuten)
Im alkalischen Milieu schießt der Polfaden wie eine Harpune in eine Darmzelle und injiziert den Sporeninhalt direkt hinein.
Vermehrung (Tag 1-7)
Der Parasit vermehrt sich erst vegetativ, dann bildet er neue Sporen. Jede befallene Zelle produziert Millionen Sporen. Die Darmzelle wird dabei zerstört.
Freisetzung (ab Tag 7-10)
Geplatzte Darmzellen setzen Sporen frei. Einige infizieren Nachbarzellen, der Rest wird mit dem Kot ausgeschieden und kontaminiert die Umgebung.
Ausbreitung im Volk
Kontaminierter Kot auf Waben wird von Putzbienen aufgenommen. In der dicht besetzten Wintertraube ist die Übertragung besonders effizient.
Schädigung der Biene
Die Zerstörung der Darmzellen hat weitreichende Folgen:
- Gestörte Nährstoffaufnahme: Die Biene verhungert innerlich, obwohl sie frisst
- Reduzierte Futtersaftdrüsen: Ammenbienen produzieren weniger Gelée Royale
- Verkürzte Lebensdauer: Winterbienen können statt 4-6 Monaten nach 2-3 Monaten sterben
- Immunsuppression: Erhöhte Anfälligkeit für Sekundärinfektionen
- Vorzeitige Flugaktivität: Schwer infizierte Bienen werden zu früh Sammlerinnen und kehren oft nicht zurück
Die Kombination beider Parasiten erhöht die Sterblichkeit überadditiv -- mehr als die Summe der Einzeleffekte. Konsequente Varroa-Bekämpfung ist daher auch indirekter Schutz gegen schwere Nosema-Verläufe.
Symptome erkennen
Klassische Nosemose (vorwiegend N. apis)
- Kotflecken: Braun-gelbe Spritzer an Beutenfront, Flugbrett und Waben. Normalerweise koten Bienen nur im Flug -- Kotabsatz in der Beute ist immer ein Alarmsignal.
- Krabbler vor dem Flugloch: Bienen können sich nicht mehr erheben
- Aufgeblähte Hinterleibchen: Darm übervoll mit Sporen
- Schwache Frühjahrsentwicklung: Volk kommt nicht in Gang

Schleichende Nosemose (vorwiegend N. ceranae)
- Stiller Schwund: Volk wird stetig kleiner, Bienen verschwinden auf Sammelflügen
- Keine Kotflecken -- Bienen sterben draußen
- Schlechte Honigleistung ohne erkennbare andere Ursache
- Königinnen-Probleme: Infizierte Königinnen zeigen nachlassende Legeleistung
Nosema ceranae ist ein stiller Killer. Die klassischen Durchfall-Symptome fehlen oft vollständig. Wenn Völker ohne erkennbaren Grund schwächeln, sollten wir immer auch an Nosema denken und eine Laboruntersuchung durchführen lassen.
Dr. Elke GenerschLänderinstitut für Bienenkunde Hohen Neuendorf
Diagnose: Mikroskopie und Sporenzählung
Probenentnahme
- 30-60 Flugbienen vom Flugloch
- Probengefäß oder Plastiktüte
- Etikett
- Kühltasche
- Flugbienen sammeln: 30-60 Bienen direkt am Flugloch abfangen (höhere Sporenlast als Stockbienen)
- Zeitpunkt: Später Vormittag bei Flugwetter, idealerweise März-April
- Beschriften: Volk-Nummer, Standort, Datum
- Einsenden: Gekühlt ans Labor. Bei Selbstuntersuchung: Einfrieren bei -18 °C möglich
Mikroskopische Untersuchung
Abdomina sammeln
Hinterleibchen von 30 Bienen abtrennen (Nosema sitzt im Mitteldarm).
Aufschließen
30 Abdomina mit 30 ml Wasser (1 ml/Biene) im Mörser zerreiben.
Filtern
Suspension durch grobes Sieb filtern. Sporen passieren jeden Filter.
Mikroskopieren
Tropfen auf Objektträger bei 400-facher Vergrößerung. Sporen: ovale, stark lichtbrechende Körper (reiskornförmig bei N. apis, rundlicher bei N. ceranae).
| Sporenzahl pro Biene | Befallsgrad | Maßnahme |
|---|---|---|
| < 500.000 | Kein/sehr gering | Keine nötig |
| 500.000-1 Mio. | Gering | Beobachten, vorbeugen |
| 1-5 Mio. | Mittel | Wabentausch, Stärkung |
| 5-10 Mio. | Schwer | Dringende Maßnahmen, Königinnenwechsel |
| > 10 Mio. | Sehr schwer | Kunstschwarm oder Vereinigung |
Bieneninstitute und Veterinäruntersuchungsämter bieten Nosema-Untersuchungen an -- oft kostenlos. Auch Imkervereine haben häufig ein Vereinsmikroskop und ausgebildete Gesundheitswarte.
Risikofaktoren
Umweltfaktoren
- Feuchtigkeit: Der wichtigste Faktor. Feuchte Standorte, schattige Plätze, Niederungen. Feuchtigkeit in der Beute fördert die Sporenkeimung und verhindert den Kotabflug bei schlechtem Wetter.
- Lange Winter: Je länger die Bienen ohne Reinigungsflug in der Wintertraube sitzen, desto stärker steigt die Sporenlast. In Regionen mit langen Wintern ist Nosema daher ein größeres Problem.
- Trachtlücken: Phasen ohne Nektar- und Polleneintrag stressen die Bienen und schwächen die Widerstandskraft.
Betriebsfaktoren

- Alte Waben: Dunkle, mehrfach bebrütete Waben sind wahre Sporenspeicher. Kokons und Futterreste in alten Zellen sind kontaminiert. Regelmäßiger Wabentausch ist die wichtigste Einzelmaßnahme.
- Schwache Völker: Höhere Pro-Kopf-Sporenlast, weniger Ressourcen für Immunabwehr
- Schlechtes Winterfutter: Honigtau-Honig enthält mehr unverdauliche Substanzen und fördert Durchfall in der Wintertraube -- das verbreitet Sporen.
- Stress: Transport, häufige Durchsichten, Varroabelastung und Futtermangel schwächen das Immunsystem
Genetische Faktoren
Einige Bienenlinien zeigen eine erhöhte Nosema-Toleranz durch bessere Hygieneleistung und robustere Darmgesundheit. Die Auswahl toleranter Zuchtlinien kann langfristig die Belastung am Stand reduzieren.
Vorbeugung und Behandlung
In der EU gibt es keine zugelassenen Medikamente gegen Nosemose. Das in den USA eingesetzte Fumagillin ist in der EU verboten (Rückstände im Honig). Die Bekämpfung erfolgt ausschließlich über Management-Maßnahmen.
Wabenhygiene (wichtigste Maßnahme)
Jährlicher Wabentausch
Mindestens ein Drittel aller Brutwaben jedes Jahr erneuern. Älteste Waben einschmelzen.
Eigener Wachskreislauf
Nur Wachs aus eigenen oder geprüften Quellen für Mittelwände verwenden.
Essigsäure-Desinfektion
Entnommene Waben mit 60%iger Essigsäure im Dampfverfahren desinfizieren: Pro Zarge 200 ml Essigsäure 60 % in einer flachen Schale auf die Oberträger stellen, Zargen dicht stapeln und mit Folie abdichten. Mindestens 48 Stunden bei über 15 °C einwirken lassen. Tötet Nosema-Sporen zuverlässig. Nach der Behandlung Waben mindestens 24 Stunden auslüften lassen, bevor sie wieder eingesetzt werden.
Essigsäure 60 % ist ätzend! Trage säurebeständige Handschuhe und Schutzbrille. Arbeite im Freien oder in gut belüfteten Räumen. Bei Hautkontakt sofort mit viel Wasser spülen.
Standort und Beutenmanagement
- Trockener, sonniger Standort: Morgensonne trocknet Beuten ab und motiviert zum frühen Ausflug
- Offener Gitterboden: Reduziert Feuchtigkeit erheblich
- Beuten abheben: Mindestens 30-40 cm über dem Boden (gegen Feuchtigkeit und Kälte)

Weitere Maßnahmen
- Starke Völker führen: Schwache vereinigen oder auflösen
- Hochwertiges Winterfutter: Zuckerlösung (3:2 Zucker:Wasser oder Fertigsirup) statt Honigtau-Honig. Honigtau enthält hohe Anteile unverdaulicher Zucker (Melezitose), die den Darm belasten und Durchfall in der Wintertraube fördern.
- Frühen Reinigungsflug fördern: Im Frühjahr entleeren Bienen ihren sporenbeladenen Darm. Bei mildem Wetter (ab 10-12 °C) am besten Flugloch kurz kontrollieren -- ein reger Reinigungsflug ist ein gutes Zeichen.
- Reizfütterung: Kleine Zuckergaben (0,5-1 Liter dünne Zuckerlösung 1:1) im zeitigen Frühjahr regen die Bruttätigkeit an = mehr junge, gesunde Bienen, die die Sporenlast im Volk verdünnen.
Zusammenfassung
Nosema-Prävention: Die wichtigsten Regeln
Nosema ist eine Managementkrankheit. Die allermeisten Fälle lassen sich auf suboptimale Haltungsbedingungen zurückführen -- zu feuchte Standorte, alte Waben, schwache Völker. Wer diese drei Faktoren im Griff hat, wird selten ernsthafte Probleme haben.
Prof. Dr. Peter NeumannInstitut für Bienengesundheit, Universität Bern
Wissenscheck
Welche Nosema-Art ist heute in Deutschland vorherrschend?
Warum gibt es in Deutschland keine zugelassenen Medikamente gegen Nosemose?
Was ist die wichtigste Einzelmaßnahme gegen Nosemose?
Was macht N. ceranae besonders gefährlich?
In der nächsten Lektion geht es um Vergiftungen und Pestizidschäden: Erkennen, dokumentieren und melden -- und wie du deine Bienen präventiv schützen kannst.