Die Imker-Apotheke: Medikamente und Behandlungsmittel
Zugelassene Varroabehandlungsmittel, korrekte Anwendung, Wartezeiten und Dokumentationspflichten. Von Ameisensäure bis Oxalsäure.
Die Imker-Apotheke: Medikamente und Behandlungsmittel

Die Behandlung von Bienenvölkern gegen die Varroa-Milbe gehört zu den unvermeidbaren Pflichten jedes Imkers. Ohne regelmäßige Behandlung gehen die Völker innerhalb von 1-3 Jahren zugrunde. Gleichzeitig unterliegt die Anwendung von Behandlungsmitteln strengen gesetzlichen Regelungen: Wer Bienen behandelt, verabreicht Tierarzneimittel und muss dies korrekt dokumentieren.
In dieser abschließenden Lektion des Gesundheitsmoduls verschaffen wir uns einen vollständigen Überblick über die zugelassenen Behandlungsmittel, ihre korrekte Anwendung, die rechtlichen Rahmenbedingungen und die Pflicht zur Dokumentation.
Rechtlicher Rahmen: Tierarzneimittel vs. Biozide
Nicht jedes Mittel, das gegen Varroa wirkt, darf auch eingesetzt werden. In Deutschland dürfen zur Varroa-Behandlung ausschließlich zugelassene Tierarzneimittel verwendet werden. Die Verwendung nicht zugelassener Substanzen ist eine Ordnungswidrigkeit und kann den Honig unverkäuflich machen.
| Kategorie | Tierarzneimittel (TAM) | Biozid / Pflanzenschutzmittel |
|---|---|---|
| Zulassungsbehörde | Bundesamt für Verbraucherschutz und Lebensmittelsicherheit (BVL) | Bundesanstalt für Arbeitsschutz und Arbeitsmedizin (BAuA) / BVL |
| Rechtsgrundlage | Tierarzneimittelgesetz (TAMG), EU 2019/6 | Biozidverordnung (EU) 528/2012 / PflSchG |
| Anwendung am Tier | Zugelassen -- für die direkte Anwendung am Bienenvolk | NICHT ZULÄSSIG zur Anwendung am Bienenvolk |
| Dokumentation | Bestandsbuch-Pflicht nach EU 2019/6 | Keine Bestandsbuch-Pflicht, aber auch nicht erlaubt |
| Beispiele Bienen | MAQS, VarroMed, Api Life Var, Oxuvar, Dany's BienenWohl | Ameisensäure ad us. vet. vs. technische Ameisensäure |
Technische Ameisensäure (z.B. aus dem Baumarkt zum Entkalken) ist kein zugelassenes Tierarzneimittel und darf nicht zur Varroa-Behandlung verwendet werden. Sie kann Verunreinigungen enthalten, die den Bienen und dem Honig schaden. Verwende ausschließlich Ameisensäure mit der Kennzeichnung "ad us. vet." (zum tierärztlichen Gebrauch) oder zugelassene Fertigpräparate wie MAQS.
Die zugelassenen Wirkstoffe im Überblick
1. Ameisensäure (60 % und 85 %)

Ameisensäure ist der wichtigste Wirkstoff für die Sommerbehandlung, weil sie als Gas in die verdeckelte Brut eindringen und dort Milben abtöten kann. Kein anderer zugelassener Wirkstoff hat diese Eigenschaft.
Wirkungsweise: Ameisensäure verdunstet und füllt den Bienenstock als Gas. Sie dringt durch die Wachsdeckel in die Brutzellen ein und tötet die Milben in der phoretischen Phase (auf den Bienen) sowie teilweise in der Reproduktionsphase (in der Brut) ab.
Zugelassene Präparate (Auswahl):
Die Verdunstungsrate von Ameisensäure steigt mit der Temperatur exponentiell. Bei über 30 Grad Celsius kann es zu Überdosierungen kommen, die die Königin schädigen oder sogar töten (Königinnenverluste von 5-15 % bei Hitzebehandlungen sind dokumentiert). Behandle daher nur bei moderaten Temperaturen und vermeide Hitzeperioden.
2. Oxalsäure
Oxalsäure ist der wichtigste Wirkstoff für die Winterbehandlung bei Brutfreiheit. Sie wirkt ausschließlich auf phoretische Milben (auf den Bienen) und kann nicht in verdeckelte Brut eindringen. Deshalb ist Brutfreiheit die Voraussetzung für eine hohe Wirksamkeit.
Anwendungsformen:
| Methode | Träufelbehandlung | Sublimation (Verdampfung) |
|---|---|---|
| Prinzip | Oxalsäure-Lösung (3,5 %) wird auf die Bienen in den Wabengassen geträufelt | Oxalsäure-Kristalle werden erhitzt und als Dampf in die Beute geleitet |
| Dosierung | 5 ml pro besetzte Wabengasse (max. 50 ml pro Volk) | 1-2 g pro Zarge (je nach Gerät und Anleitung) |
| Wirksamkeit (bei Brutfreiheit) | 90-95 % | 95-99 % |
| Bienenverträglichkeit | Gut, bei korrekter Dosierung; Überdosierung schädlich | Sehr gut bei korrekter Anwendung |
| Zugelassene Präparate | Oxuvar 5,7 %, Dany's BienenWohl, Oxalsäure-Dihydrat ad us. vet. | Oxuvar 5,7 %, Varrox Eddy (in Österreich/Schweiz); rechtl. Lage in DE prüfen |
| Mehrfach anwendbar? | NEIN -- nur 1x pro brutfreier Phase | Ggf. Wiederholung möglich (präparatabhängig) |
| Wartezeit | Keine | Keine |
- Oxalsäure-Lösung (z.B. Oxuvar fertig gemischt oder Oxalsäure-Dihydrat ad us. vet. 3,5% mit Zucker)
- Spritzflasche oder Dosierspritze (50-60 ml)
- Schutzhandschuhe und Schutzbrille
- Warme Kleidung (Behandlung bei Kälte)
- Zeitpunkt: Bei gesicherter Brutfreiheit, typischerweise Ende November bis Mitte Dezember (mindestens 3 Wochen nach dem letzten Brutnachweis). Außentemperatur sollte über 0 Grad Celsius liegen, ideal 3-8 Grad.
- Oxalsäure-Lösung auf 35 Grad Celsius erwärmen (Wasserbad, nicht Mikrowelle). Warme Lösung wird besser angenommen.
- Beute von hinten öffnen -- nicht von oben, um die Wintertraube nicht zu stören.
- 5 ml pro besetzte Wabengasse langsam auf die Bienen träufeln (Dosierspritze verwenden). Nicht auf leere Gassen träufeln!
- Maximum: 50 ml pro Volk -- Überdosierung ist schädlich.
- Beute sofort wieder verschließen.
- Die gesamte Behandlung sollte unter 2 Minuten pro Volk dauern.
- Nur 1x pro brutfreier Phase anwenden -- eine Wiederholung schadet den Bienen überproportional.
Oxalsäure ist ätzend und gesundheitsschädlich. Trage bei der Anwendung immer Schutzhandschuhe (Nitril, nicht Latex) und eine Schutzbrille. Bei der Sublimation zusätzlich eine Atemschutzmaske (FFP2 oder besser). Verschlucken von Oxalsäure kann zu schweren Nierenschäden führen. Oxalsäure-Lösung immer kindersicher aufbewahren.
3. Thymol (Thymol-Präparate)

Thymol ist ein natürlicher Bestandteil des ätherischen Öls von Thymian und wirkt akarizid (milbentötend). Thymol-Präparate werden als Sommerbehandlung eingesetzt, wenn Ameisensäure nicht vertragen wird oder die Temperaturen zu hoch sind.
Zugelassene Präparate:
4. Milchsäure (15 %)
Milchsäure wird hauptsächlich zur Behandlung von Kunstschwärmen und brutfreien Ablegern verwendet. Sie wirkt durch Besprühen der Bienen und tötet nur phoretische Milben ab. Für die reguläre Varroa-Behandlung bestehender Völker ist sie weniger geeignet, da sie nicht in die Brut eindringt.
- Anwendung: 15 % Milchsäure, Bienen auf jeder Wabenseite einsprühen (ca. 7-8 ml pro besetzte Wabenseite)
- Wirksamkeit: 80-95 % (bei Brutfreiheit)
- Vorteil: Sehr bienenverträglich, gut für Ableger und Kunstschwärme
- Nachteil: Nur bei Brutfreiheit wirksam, aufwändige Einzelwaben-Behandlung
5. VarroMed (Kombipräparat)
Vergleich der Behandlungsmittel
| Eigenschaft | Ameisensäure | Oxalsäure | Thymol | Milchsäure |
|---|---|---|---|---|
| Haupteinsatz | Sommerbehandlung (Juli-Sept.) | Winterbehandlung (Nov.-Dez.) | Sommerbehandlung (Aug.-Sept.) | Kunstschwärme, brutfreie Ableger |
| Wirkt in verdeckelter Brut? | JA (einziger Wirkstoff!) | NEIN | NEIN (teilweise bei langer Anwendung) | NEIN |
| Brutfreiheit nötig? | Nein | Ja (für hohe Wirksamkeit) | Nein (aber besser bei wenig Brut) | Ja |
| Wirksamkeit | 75-95 % | 90-99 % (bei Brutfreiheit) | 85-97 % | 80-95 % |
| Temperaturabhängig? | Stark (15-25 Grad ideal) | Gering (> 0 Grad) | Mittel (15-30 Grad) | Gering |
| Risiko Königinnenverlust? | 5-15 % bei Hitze | Minimal | Gering | Minimal |
| Bezugsquelle | Apotheke, Imkerfachhandel | Apotheke, Imkerfachhandel | Apotheke, Imkerfachhandel | Apotheke, Imkerfachhandel |
Aufbewahrung und Haltbarkeit
- Abschließbarer Schrank oder Behälter
- Kühler, trockener Raum (nicht über 25 Grad Celsius)
- Originalbehälter mit Beschriftung
- Alle Behandlungsmittel im Originalbehälter mit intakter Beschriftung aufbewahren.
- Kühl und trocken lagern -- nicht im Sonnenlicht, nicht in der Nähe von Wärmequellen.
- Kindersicher und für Unbefugte nicht zugänglich aufbewahren (abschließbarer Schrank).
- Haltbarkeitsdatum beachten -- abgelaufene Mittel haben reduzierte Wirksamkeit.
- Ameisensäure in dicht schließenden Behältern aus PE oder Glas lagern (verdunstet leicht).
- Oxalsäure-Kristalle trocken halten -- sie ziehen Feuchtigkeit an (hygroskopisch).
- Thymol-Plättchen (Api Life Var, Thymovar) in der Originalverpackung im Kühlschrank oder kühlen Raum aufbewahren.
- Sicherheitsdatenblätter (SDB) für alle Mittel aufbewahren und griffbereit halten.
Bezugsquellen
Zugelassene Varroa-Tierarzneimittel erhältst du über drei Wege: (1) Apotheke -- jede Apotheke kann die Mittel bestellen (Ameisensäure 60 % ad us. vet., Oxalsäure-Dihydrat ad us. vet., fertige Präparate). (2) Imkerfachhandel -- spezialisierte Händler haben die gängigen Präparate vorrätig. (3) Sammelbestellung über den Imkerverein -- viele Vereine organisieren gemeinsame Bestellungen zu günstigeren Konditionen. Ein tierärztliches Rezept ist für die gängigen Varroa-Tierarzneimittel nicht erforderlich (freiverkäuflich).
Dokumentationspflicht: Das Bestandsbuch

Seit dem 28. Januar 2022 schreibt die EU-Verordnung 2019/6 (Tierarzneimittelverordnung) allen Tierhaltern -- auch Hobbyimkern -- vor, ein Bestandsbuch zu führen. Darin müssen alle Anwendungen von Tierarzneimitteln dokumentiert werden.
Pflichtangaben im Bestandsbuch
Pflichtangaben pro Behandlung
Mit Hivekraft erfüllst du die Bestandsbuch-Pflicht digital und automatisiert. Jede dokumentierte Behandlung wird automatisch mit allen Pflichtangaben im Bestandsbuch erfasst. Das EU-konforme Bestandsbuch kann jederzeit als PDF exportiert werden -- für die eigene Ablage oder bei Kontrollen durch das Veterinäramt. Die Aufbewahrungspflicht von 5 Jahren wird automatisch eingehalten.
Der Behandlungsplan: Das integrierte Varroa-Konzept
Ein wirksames Varroa-Management besteht nicht aus einer einzelnen Behandlung, sondern aus einem integrierten Konzept über das gesamte Bienenjahr:
Frühjahr: Biotechnische Maßnahmen (April-Juni)
Drohnenschnitt (Drohnenrahmen ausschneiden), Bannwabenverfahren oder komplette Brutentnahme bei stark befallenen Völkern. Diese Maßnahmen reduzieren die Milbenpopulation ohne Chemie und verzögern das Erreichen der Schadensschwelle.
Sommer: Ameisensäure-Behandlung (Juli-August)
Unmittelbar nach der letzten Honigernte: Ameisensäure-Langzeitbehandlung (Verdunster) oder MAQS über 7-14 Tage. Die Sommerbehandlung ist der wichtigste Behandlungszeitpunkt, weil sie die Milbenlast vor der Aufzucht der Winterbienen senkt.
Spätsommer: Erfolgskontrolle (September)
Nach der Behandlung den natürlichen Milbenfall kontrollieren (Gemülldiagnose über 3 Tage). Liegt der Milbenfall über 0,5 Milben/Tag, ist eine Nachbehandlung nötig (z.B. Thymol oder zweite Ameisensäure-Behandlung).
Winter: Oxalsäure-Behandlung (November-Dezember)
Bei gesicherter Brutfreiheit: Oxalsäure-Träufelbehandlung oder Sublimation. Dieser Zeitpunkt hat die höchste Wirksamkeit, weil alle Milben auf den Bienen sitzen und erreichbar sind. Nicht vergessen!

Zukunft der Varroa-Bekämpfung
Die Forschung arbeitet an mehreren vielversprechenden Ansätzen für die Zukunft:
Die Zukunft der Varroa-Bekämpfung liegt in der Kombination aus neuen Wirkstoffen, biotechnologischen Verfahren und der Zucht toleranter Bienen. Keiner dieser Ansätze allein wird das Problem lösen, aber zusammen können sie die Abhängigkeit von organischen Säuren reduzieren und die Bienengesundheit langfristig verbessern.
Prof. Dr. Peter NeumannZentrum für Bienenforschung, Universität Bern
Zusammenfassung
Die Imker-Apotheke: Grundausstattung
Wissenscheck
Welcher Wirkstoff kann als einziger zugelassener Wirkstoff auch Milben in der verdeckelten Brut erreichen?
Wie lange müssen Bestandsbuch-Einträge über Behandlungen aufbewahrt werden?
Warum darf technische Ameisensäure aus dem Baumarkt NICHT für die Varroa-Behandlung verwendet werden?
Wann ist der optimale Zeitpunkt für die Oxalsäure-Winterbehandlung?
Damit schließen wir das Modul Bienengesundheit und Krankheiten ab. Du hast gelernt, Königinnenprobleme zu erkennen, Winterverluste zu analysieren, Hygienemaßnahmen konsequent umzusetzen, meldepflichtige Seuchen zu identifizieren und die zugelassenen Behandlungsmittel korrekt anzuwenden. Dieses Wissen ist die Grundlage für gesunde, vitale Bienenvölker -- und für eine erfolgreiche, verantwortungsvolle Imkerei.