Brutkrankheiten: Faulbrut, Kalkbrut und Sackbrut
Amerikanische und Europäische Faulbrut, Kalkbrut und Sackbrut sicher erkennen. Erreger, Symptome, Diagnose, Meldepflicht und Bekämpfungsmaßnahmen im Detail.
Brutkrankheiten: Faulbrut, Kalkbrut und Sackbrut

Brutkrankheiten gehören zu den ernstesten Bedrohungen für Bienenvölker. Während die meisten Erwachsenenkrankheiten langsam verlaufen, können Brutkrankheiten ein Volk innerhalb weniger Wochen zerstören -- und sich auf benachbarte Stände ausbreiten.
Diese Lektion behandelt die vier wichtigsten Brutkrankheiten: die Amerikanische Faulbrut (AFB), die Europäische Faulbrut (EFB), die Kalkbrut und die Sackbrut. Für jede lernst du Erreger, Symptome, Diagnose und Bekämpfung kennen.
Die AFB ist nach der Bienenseuchen-Verordnung eine anzeigepflichtige Tierseuche. Jeder Verdacht muss unverzüglich dem Veterinäramt gemeldet werden. Bei Bestätigung wird ein Sperrbezirk (mind. 1 km) eingerichtet. Nichtmelden ist eine Ordnungswidrigkeit mit empfindlichen Bußgeldern. Diese Pflicht gilt für JEDEN Bienenhalter -- auch Hobbyimker!
Amerikanische Faulbrut (AFB)
Die AFB ist die gefährlichste Brutkrankheit weltweit, verursacht durch das sporenbildende Bakterium Paenibacillus larvae.
Der Erreger
Paenibacillus larvae bildet extrem widerstandsfähige Endosporen:
- Hitzeresistenz: Überstehen 120 °C für 30 Minuten
- Lebensdauer: Über 50 Jahre infektiös in kontaminiertem Material
- Infektionsdosis: Bereits ca. 10 Sporen reichen für eine Larveninfektion
Importhonig kann AFB-Sporen enthalten -- für Menschen harmlos, für Bienenlarven tödlich. Füttere niemals gekauften Honig an deine Bienen! Wasche auch leere Honiggläser gründlich aus, bevor du sie ins Altglas gibst -- Räuberbienen können sonst eine Infektionskette starten.
Krankheitsverlauf
Sporenaufnahme (Tag 1-2)
Larven unter 36 Stunden nehmen Sporen mit dem Futtersaft auf. Ältere Larven und erwachsene Bienen können nicht erkranken, aber Sporen verbreiten.
Vermehrung (Tag 2-7)
Sporen keimen im Larvdarm, Bakterien vermehren sich. Die Larve zeigt noch keine Symptome. Die Infektion verläuft nach der Verdeckelung.
Absterben der Larve
Die Larve stirbt im Streckmadenstadium. Es entsteht eine zähe, braune, fadenziehende Masse mit charakteristischem Faulgeruch.
Eintrocknung zum Faulbrutschorf
Larvenreste trocknen zu hartem, dunklem Schorf, der fest am Zellrand klebt und Milliarden Sporen enthält. Von Putzbienen nicht entfernbar, jahrzehntelang infektiös.
Ausbreitung
Putzbienen verbreiten Sporen im Stock. Ammenbienen tragen sie mit dem Futter zu gesunden Larven. Die Infektion breitet sich lawinenartig aus.
Symptome erkennen
Frühsymptome: Leicht lückenhaftes Brutbild, vereinzelte eingefallene oder durchlöcherte Zelldeckel, Deckel dunkler und fettiger als normal.
Fortgeschrittene Symptome: Deutlich lückenhaftes Brutbild, fauliger Geruch (Fischleim), braune fadenziehende Larvenmasse, schwarzer harter Faulbrutschorf an der unteren Zellwand.

Die Streichholzprobe
- Streichholz oder Zahnstocher
- Verdächtige Brutzelle
- Verdächtige Zelle mit eingefallener Verdeckelung und bräunlicher Masse identifizieren
- Deckel öffnen mit Stockmeißel oder Pinzette
- Streichholz einführen und in der Masse drehen
- Langsam herausziehen -- bei AFB zieht die Masse einen zähen Faden von 1-4 cm
- Bei positivem Befund: Beute sofort schließen, Werkzeug desinfizieren, Veterinäramt unverzüglich informieren
Bekämpfung
- Sperrbezirk: Mindestens 1 km Radius, keine Völkerbewegung, amtliche Untersuchung aller Völker
- Kunstschwarmverfahren: Bienen in sporenfreie Beute auf Mittelwände, 3 Tage Hungerphase
- Vernichtung: Bei schwerem Befall Volk abschwefeln und verbrennen
- Desinfektion: Holzteile abflammen oder in heißer Natronlauge (3 %, 30 Min. kochend)
Europäische Faulbrut (EFB)
Erreger: Melissococcus plutonius -- ein nicht sporenbildendes Bakterium, das offene Rundmaden befällt.
Unterschiede zur AFB
| Merkmal | AFB | EFB |
|---|---|---|
| Erreger | Paenibacillus larvae (sporenbildend) | Melissococcus plutonius (nicht sporenbildend) |
| Betroffenes Stadium | Verdeckelte Streckmaden | Offene Rundmaden |
| Streichholzprobe | Stark fadenziehend (1-4 cm) | Schwach fadenziehend oder breiig |
| Geruch | Faulig (Fischleim) | Sauer (essigähnlich) |
| Schorf | Hart, schwarz, fest haftend | Gummiartig, leicht entfernbar |
| Selbstheilung | Niemals | Möglich bei starken Völkern |
| Anzeigepflicht | Ja (überall) | In manchen Bundesländern |
Symptome der EFB
- Verdrehte Rundmaden: Larven verdrehen sich unnatürlich in der Zelle statt in C-Form eingerollt zu liegen. Zuerst gelblich, dann bräunlich.
- Lückenhaftes Brutbild in der offenen Brut (noch vor der Verdeckelung)
- Saurer Geruch (essigähnlich, nicht so penetrant wie bei AFB)
- Die Masse ist eher breiig-körnig als fadenziehend
- Starke Völker räumen befallene Zellen teilweise selbst aus
Bekämpfung der EFB
Da Melissococcus plutonius keine dauerhaften Sporen bildet, ist die Prognose deutlich besser als bei AFB. Starke Völker können die Infektion bei guter Tracht oft selbst überwinden. Bei starkem Befall: Betroffene Brutwaben entfernen und durch Mittelwände ersetzen, Volk durch Fütterung und ggf. Brutwaben aus gesunden Völkern stärken, im Extremfall Kunstschwarmverfahren. Im Zweifel: Immer das Veterinäramt kontaktieren, da die Meldepflicht in einigen Bundesländern gilt.
Die EFB tritt seltener auf als die AFB, hat aber in den letzten Jahren zugenommen. Sie wird durch Stress, schlechte Tracht, schwache Völker und feuchte Standorte begünstigt. Die rechtliche Einordnung variiert je nach Bundesland -- informiere dich bei deinem Veterinäramt.
Kalkbrut (Ascosphaerosis)
Eine Pilzerkrankung durch Ascosphaera apis, in Deutschland weit verbreitet, aber meist weniger bedrohlich.
Symptome

- Kalkweiße oder schwarze Mumien: Harte, kreideartige Klümpchen. Schwarze Flecken = Sporenbälle (infektiöser)
- Klappernde Mumien: So hart, dass sie beim Schütteln der Wabe klappern
- Mumien vor dem Flugloch: Die Bienen räumen sie aus -- sehr typisches Bild
- Lückenhaftes Brutbild: Anders als bei Faulbrut (keine eingefallenen Deckel)
Risikofaktoren und Bekämpfung
Kalkbrut ist in den meisten Fällen ein Managementproblem: Feuchtigkeit, kühle Beuten, schwache Völker und genetische Anfälligkeit begünstigen den Pilz. Keine zugelassenen Medikamente in Deutschland.
Betroffene Waben entfernen
Stark befallene Waben einschmelzen. Wachs nur für technische Zwecke, nicht für Mittelwände.
Belüftung verbessern
Offener Gitterboden, gut belüfteter Standort. Feuchtigkeit ist der Hauptrisikofaktor.
Volk stärken
Einengen (bessere Temperaturhaltung) oder mit gesundem Volk vereinigen.
Königin austauschen
Bei wiederholtem Auftreten: Königin aus hygienisch selektierter Zuchtlinie verwenden.
Sackbrut (Sacbrood)
Eine Viruserkrankung durch das Sacbrood Virus (SBV), weit verbreitet, aber meist mild.
Symptome
- Sackartige Larven: Larven sterben im Vorpuppenstadium. Außenhaut bleibt intakt, Inhalt verflüssigt sich. Herausgezogen hängt die Larve wie ein wassergefüllter Sack.
- Gondel-/kahnförmig: Tote Larven liegen mit Kopfende nach oben gekrümmt
- Farbveränderung: Perlweiß -> gelblich -> graubraun bis schwarz
- KEIN Faden bei der Streichholzprobe (wichtiger Unterschied zu AFB!)
| Merkmal | Sackbrut | AFB |
|---|---|---|
| Konsistenz | Wässrig in intakter Haut (sackförmig) | Zäh, schleimig, fadenziehend |
| Streichholzprobe | KEIN Faden | Stark fadenziehend (1-4 cm) |
| Geruch | Kaum oder leicht säuerlich | Stark faulig |
| Entfernung | Larve als Ganzes herausziehbar | Masse klebt an Zellwand |
| Selbstheilung | Häufig | Niemals |
Maßnahmen: Bei leichtem Befall abwarten, befallene Waben entfernen, bei chronischem Verlauf Königin wechseln.
Übersicht aller Brutkrankheiten
| Eigenschaft | AFB | EFB | Kalkbrut | Sackbrut |
|---|---|---|---|---|
| Erreger | Bakterium | Bakterium | Pilz | Virus |
| Leitsymptom | Fadenziehende Masse | Verdrehte Rundmaden | Weiße/schwarze Mumien | Sackartige Larven |
| Geruch | Faulig | Sauer | Muffig | Unauffällig |
| Anzeigepflicht | JA | Teilweise | Nein | Nein |
| Selbstheilung | NEIN | Möglich | Möglich | Häufig |
| Gefährdungsgrad | Sehr hoch | Mittel | Gering-mittel | Gering |
Diagnostik: Futterkranzprobe
- Esslöffel
- Verschließbares Probengefäß (50 ml)
- Etiketten
- Kühltasche
- Zeitpunkt: März-Mai, wenn Völker brüten und Futter umtragen
- Brutwabe aus dem Brutnestbereich entnehmen
- Futterkranz oberhalb und seitlich der Brut an 5-6 Stellen anstechen
- Je einen Esslöffel entnehmen, insgesamt 50-100 g pro Volk
- Teilproben mischen, beschriften (Volk, Standort, Datum)
- Gekühlt ans Bieneninstitut oder Veterinäruntersuchungsamt senden

Viele Bieneninstitute bieten kostenlose Untersuchungen über den Imkerverein an. Die Futterkranzprobe ist die beste Frühwarnung gegen AFB -- Sporen sind nachweisbar, lange bevor klinische Symptome auftreten. Empfohlen: Mindestens alle 2 Jahre, in Risikogebieten jährlich.
Prävention
Präventions-Checkliste Brutkrankheiten
Die Amerikanische Faulbrut ist eine vermeidbare Seuche. Regelmäßige Futterkranzproben, konsequente Wabenhygiene und offene Kommunikation unter Imkern sind die Grundpfeiler einer erfolgreichen Prävention.
Dr. Elke GenerschLänderinstitut für Bienenkunde Hohen Neuendorf
Wissenscheck
Welche Brutkrankheit ist in Deutschland anzeigepflichtig?
Wie lang ist der typische Faden bei einer positiven Streichholzprobe (AFB)?
Was ist das charakteristische Symptom der Kalkbrut?
Warum darf man keinen gekauften Honig an Bienen verfüttern?
In der nächsten Lektion befassen wir uns mit der Nosemose -- einer verbreiteten Darmerkrankung, die besonders im Frühjahr zu schwachen Völkern führen kann.