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Was ist Imkerei? Geschichte, Bedeutung und warum jetzt starten

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Die Imkerei verbindet jahrtausendealte Tradition mit aktivem Naturschutz. Erfahre, warum Bienen so wichtig sind und warum jetzt der perfekte Zeitpunkt zum Starten ist.

Was ist Imkerei? Geschichte, Bedeutung und warum jetzt starten

Ein Imker öffnet vorsichtig eine Bienenbeute im warmen Nachmittagslicht
Imkerei verbindet handwerkliche Tradition mit aktivem Naturschutz

Imkerei ist die gezielte Haltung und Pflege von Honigbienen -- aber sie ist so viel mehr als nur Honig. Wer imkert, übernimmt Verantwortung für Zehntausende Lebewesen, leistet einen direkten Beitrag zur Bestäubung unserer Kulturlandschaft und verbindet sich auf einzigartige Weise mit den Rhythmen der Natur.

In dieser ersten Lektion schauen wir uns an, woher die Imkerei kommt, warum Bienen für unser Ökosystem unverzichtbar sind -- und warum gerade jetzt ein hervorragender Zeitpunkt ist, um mit diesem faszinierenden Hobby zu beginnen.

80 %
der Nutz- und Wildpflanzen werden von Insekten bestäubt -- Honigbienen sind die wichtigsten davon

Eine jahrtausendealte Tradition

Die Beziehung zwischen Mensch und Biene reicht weit zurück. In der Cueva de la Araña (Spinnenhöhle) bei Valencia wurde eine Höhlenmalerei entdeckt, die einen Honigjäger beim Klettern an einer Felswand zeigt -- das Alter wird auf etwa 8.000 bis 12.000 Jahre geschätzt. Menschen haben also schon lange vor der Erfindung der Landwirtschaft Honig gesammelt.

Von der Zeidlerei zur modernen Imkerei

  1. Honigjagd (Steinzeit)

    Die frühesten Menschen sammelten Honig aus wilden Nestern in Felsspalten und Baumhöhlen. Eine gefährliche Angelegenheit -- aber die energiereiche Belohnung war es offenbar wert.

  2. Zeidlerei (Mittelalter)

    Im Mittelalter entstand die Zeidlerei: Bienenbäume (Klotzbeuten) wurden in Wäldern markiert und bewirtschaftet. Zeidler waren hoch angesehene Handwerker mit eigenen Zunftrechten. Bienenwachs war so wertvoll, dass Klöster eigene Zeidlereien unterhielten -- Kerzen für den Gottesdienst brauchten Unmengen davon.

  3. Korbimkerei (16.–19. Jahrhundert)

    Strohkörbe (Stülper) ersetzten Baumhöhlen. Problem: Um den Honig zu ernten, mussten die Völker oft abgeschwefelt (getötet) werden -- ein gravierender Nachteil.

  4. Mobilbau-Revolution (ab 1851)

    Der Amerikaner Lorenzo Langstroth entdeckte den Bienenabstand (Bee Space) von 6-9 mm und erfand die erste Magazinbeute mit herausnehmbaren Rähmchen. Damit konnten Imker erstmals Honig ernten, ohne das Volk zu zerstören -- ein Meilenstein.

  5. Moderne Imkerei (heute)

    Heute arbeiten wir mit standardisierten Beutensystemen, wissen mehr über Bienengesundheit als je zuvor und können mit digitalen Werkzeugen wie Stockkarten-Apps unsere Völker optimal betreuen. Die Grundprinzipien sind aber seit Langstroth dieselben geblieben.

Wusstest du?

Das Wort Imker leitet sich vom niederdeutschen Imme (Biene) und Kar (Korb, Gefäß) ab. Ein Imker ist also wörtlich ein "Bienenkorbler". In Süddeutschland und Österreich sagt man auch Bienenzüchter oder Bienenwirt.

Warum Bienen so wichtig sind

Bienen sind weit mehr als Honigproduzenten. Sie gehören zu den wichtigsten Bestäuberinsekten der Welt und sind für das Funktionieren unserer Ökosysteme und Nahrungsmittelproduktion unverzichtbar.

Honigbiene mit vollen Pollenhöschen an einer Blüte
Eine Sammlerin mit vollen Pollenhöschen -- bei jedem Blütenbesuch bestäubt sie nebenbei hunderte weitere Pflanzen

Bestäubungsleistung

Rund 80 % aller Wild- und Nutzpflanzen in unseren Breiten sind auf die Bestäubung durch Insekten angewiesen -- und Honigbienen sind dabei die fleißigsten Helfer. Ein einziges Bienenvolk kann an einem Tag bis zu 300 Millionen Blüten besuchen.

Was das konkret bedeutet:

  • Obstanbau: Ohne Bienenbestäubung gäbe es bis zu 90 % weniger Äpfel, Kirschen und Birnen
  • Landwirtschaft: Raps, Sonnenblumen, Klee und viele Gemüsesorten brauchen Insektenbestäubung
  • Wildpflanzen: Hunderte heimische Wildblumen, Sträucher und Bäume sind auf Bienen angewiesen
  • Nahrungskette: Vögel und andere Tiere ernähren sich von Früchten und Samen, die nur durch Bestäubung entstehen
2,5 Mrd. €
geschätzter jährlicher Wert der Bienenbestäubung allein in Deutschland

Ökologische Bedeutung

Bienen sind Indikatorarten: Ihr Wohlbefinden sagt viel über den Zustand unserer Umwelt aus. Gesunde Bienenvölker signalisieren eine intakte Landschaft mit vielfältigem Blütenangebot und geringer Pestizidbelastung.

Bienensterben -- eine reale Bedrohung

Seit den 1990er-Jahren beobachten Forscher weltweit erhöhte Winterverluste bei Honigbienen. Die Ursachen sind vielfältig: die Varroa-Milbe (seit 1977 in Europa), Pestizide (besonders Neonicotinoide), Monokulturen und der Verlust von Blühflächen. Umso wichtiger ist verantwortungsvolle Imkerei!

Was macht ein Imker eigentlich?

Viele stellen sich Imkerei als gemütliches Sonntagshobby vor: Ab und zu nach den Bienen schauen und im Sommer Honig schleudern. Die Realität ist etwas anders -- und viel spannender.

Wildblumenwiese mit Bienen im Sonnenlicht
Imkern heißt, die Natur im Jahreslauf zu verstehen -- von der ersten Blüte bis zum letzten Pollenflug

Der Jahreslauf eines Imkers

Das Bienenjahr folgt dem Rhythmus der Natur. Hier ein kurzer Überblick, damit du weißt, was auf dich zukommt:

JahreszeitHauptaufgabenZeitaufwand
Frühling (März–Mai)Frühjahrsdurchsicht, Völker kontrollieren, Raum geben, Schwarmkontrolle startenHoch
Sommer (Juni–August)Schwarmkontrolle, Honigernte, Schleudern, Abfüllen, Ableger bildenSehr hoch
Herbst (Sept.–Nov.)Varroabehandlung, Einfüttern für den Winter, Völker einengenMittel
Winter (Dez.–Feb.)Winterbehandlung (Oxalsäure), Gerätepflege, Planung, WeiterbildungGering

Die arbeitsintensivste Zeit liegt zwischen April und Juli: Während der Schwarmzeit musst du alle 7-9 Tage deine Völker kontrollieren, um das Schwärmen zu verhindern. Das ist der größte regelmäßige Zeitaufwand.

Warum JETZT ein guter Zeitpunkt ist

Du fragst dich vielleicht: Warum sollte ich ausgerechnet jetzt mit dem Imkern anfangen? Es gibt mehrere gute Gründe:

1. Bienen brauchen engagierte Imker

~170.000
Imkerinnen und Imker gibt es derzeit in Deutschland -- Tendenz steigend

Die gute Nachricht: Die Zahl der Imker in Deutschland steigt wieder -- nach einem Tiefstand in den 2000er-Jahren. Aber mehr gut ausgebildete Imker bedeuten auch gesündere Bienenvölker und bessere Varroa-Management in der Fläche. Jedes gut betreute Volk zählt.

2. So gut unterstützt wie nie zuvor

Noch nie war der Einstieg so gut begleitet:

  • Imkervereine bieten flächendeckend Anfängerkurse an (ca. 50-150 €)
  • Imkerpaten begleiten dich im ersten Jahr mit Rat und Tat
  • Digitale Werkzeuge wie Stockkarten-Apps helfen dir, den Überblick zu behalten
  • Online-Communities bieten schnelle Hilfe bei Fragen
  • Förderprogramme der Länder bezuschussen Neuimker teilweise bei der Ausstattung

3. Aktiver Naturschutz direkt vor der Haustür

Bienenbeuten in einem gepflegten Garten
Schon ein kleiner Garten kann ein perfekter Standort für 2-3 Bienenvölker sein

Imkern ist einer der direktesten Beiträge zum Naturschutz, den du leisten kannst. Deine Bienen bestäuben im Umkreis von 3 km Tausende von Pflanzen -- jeden Tag. Und du lernst dabei, deine Umgebung mit ganz anderen Augen zu sehen: Plötzlich bemerkst du, wann die Kirsche blüht, wann der Raps aufgeht und warum Klee am Wegrand nicht gemäht werden sollte.

4. Ein Hobby, das zurückgibt

Neben dem guten Gefühl, etwas für die Natur zu tun, gibt es handfeste Belohnungen:

  • Eigener Honig -- frischer und aromatischer als alles, was du kaufen kannst
  • Bienenwachs für Kerzen, Kosmetik oder Bienenwachstücher
  • Propolis -- das Kittharz der Bienen mit interessanten Eigenschaften
  • Tiefe Naturverbundenheit und ein meditatives, entschleunigendes Hobby

Wer mit dem Imkern anfängt, bekommt ein neues Paar Augen für die Natur. Man sieht plötzlich Dinge, an denen man vorher achtlos vorbeigegangen ist.

Dr. Pia Aumeier
Bienenforscherin, Ruhr-Universität Bochum

Der Realitätscheck: Zeit und Kosten

Bevor du voller Begeisterung loslegst, lass uns einen ehrlichen Blick auf den tatsächlichen Aufwand werfen. Imkern ist kein Selbstläufer -- aber mit realistischen Erwartungen macht es umso mehr Freude.

Zeitaufwand

Faustregel für Anfänger

Rechne im ersten Jahr mit ca. 30-45 Minuten pro Volk und Woche während der Hauptsaison (April-August). Im Winter sind es nur wenige Stunden pro Monat insgesamt. Starte mit 2-3 Völkern -- das ist genug zum Lernen, aber noch gut zu bewältigen.

Konkret bedeutet das bei 2-3 Völkern:

  • Frühling/Sommer: 2-4 Stunden pro Woche
  • Herbst: 1-2 Stunden pro Woche
  • Winter: 2-3 Stunden pro Monat (Gerätepflege, Weiterbildung)
  • Honigernte: 1-2 volle Tage pro Schleuderung (2-3 mal im Jahr)

Kosten im ersten Jahr

PositionKosten (ca.)
Anfängerkurs beim Imkerverein50–150 €
Beuten, Rähmchen, Mittelwände (2-3 Völker)200–350 €
Schutzkleidung (Schleier, Handschuhe)60–120 €
Werkzeuge (Smoker, Stockmeißel, Besen)50–80 €
Bienenvölker (2-3 Ableger)150–400 €
Varroabehandlung & Futter30–60 €
Vereinsmitgliedschaft + Versicherung40–80 €
Gesamt im ersten Jahr500–1.200 €
500–800 €
Grundausstattung ohne Bienen -- eine Investition, die viele Jahre hält
Geld sparen beim Einstieg

Viele Imkervereine verleihen Geräte wie Honigschleudern, bieten Sammelbestellungen an oder vermitteln günstige Gebrauchtausstattung. Auch ein Imkerpate hat oft Material übrig. Frag nach, bevor du alles neu kaufst!

Was du noch wissen solltest

Deine nächsten Schritte

Du bist neugierig geworden? Perfekt! Hier sind die empfohlenen nächsten Schritte:

Deine Einstiegs-Checkliste

Fortschritt0/0
Großvater und Enkelin schauen gemeinsam in eine Bienenbeute
Imkern verbindet Generationen -- und ist eines der erfüllendsten Hobbys, die man teilen kann

Wissenscheck

Teste, was du in dieser Lektion gelernt hast:

Wie viel Prozent der Wild- und Nutzpflanzen werden von Insekten bestäubt?

Welche Entdeckung von Lorenzo Langstroth revolutionierte die Imkerei?

Was ist seit 2022 für alle Imker in der EU Pflicht?


In der nächsten Lektion tauchen wir ein in die faszinierende Welt der Bienenbiologie: Wie ist ein Bienenvolk aufgebaut? Welche Aufgaben haben Königin, Arbeiterinnen und Drohnen? Und wie kommunizieren Bienen untereinander?

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