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Die erste Durchsicht: Schritt für Schritt

20 min10 min Lesezeit
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Lerne, wie du deine Bienenvölker sicher und effizient durchsiehst - von der Vorbereitung über das Waben-Ziehen bis zur Dokumentation.

Die erste Durchsicht: Schritt für Schritt

Die Völkerdurchsicht ist das Herzstück der Imkerei. Hier schaust du deinen Bienen über die Schulter, prüfst ihre Gesundheit und triffst Entscheidungen für die kommenden Wochen. Für Anfänger ist die erste Durchsicht oft aufregend und ein wenig nervenaufreibend zugleich. Keine Sorge: Mit der richtigen Vorbereitung und einer klaren Struktur wird sie schnell zur Routine.

Was ist eine Durchsicht?

Eine Durchsicht (auch Völkerkontrolle oder Inspektion genannt) ist die systematische Überprüfung eines Bienenvolks. Du öffnest die Beute, ziehst einzelne Waben und beurteilst den Zustand des Volks. Je nach Jahreszeit und Ziel gibt es Kurzkontrollen (5 Minuten) und ausführliche Durchsichten (10-15 Minuten).

Wann ist der richtige Zeitpunkt?

Nicht jeder Tag eignet sich für eine Durchsicht. Bienen sind wechselwarme Tiere und reagieren empfindlich auf Kälte und schlechtes Wetter. Öffnest du die Beute unter ungünstigen Bedingungen, kühlst du das Brutnest aus und stresst das Volk unnötig.

15°C+
Mindesttemperatur für eine Durchsicht

Ideale Bedingungen:

  • Temperatur mindestens 15°C (besser 18-25°C)
  • Windstill oder nur leichter Wind
  • Sonnig bis leicht bewölkt
  • Zwischen 10:00 und 16:00 Uhr (viele Flugbienen unterwegs, weniger Bienen in der Beute)
  • Kein Gewitter in Sicht (Bienen werden vor Gewittern aggressiv)
Wann du NICHT durchsehen solltest

Öffne die Beute niemals bei Regen, Temperaturen unter 12°C oder starkem Wind. Das Brutnest kühlt innerhalb weniger Minuten aus, und die Brut kann erfrieren. Auch bei trachtloser Zeit (Läppertracht) sind Bienen besonders stechfreudig - dann lieber auf den nächsten guten Tag warten.

Vorbereitung: Bevor du die Beute öffnest

Eine gute Vorbereitung ist die halbe Arbeit. Wenn du alles griffbereit hast, kannst du zügig und ruhig arbeiten - und genau das mögen deine Bienen.

Checkliste: Vorbereitung Durchsicht

Fortschritt0/0

Den Smoker richtig anzünden

Der Smoker ist dein wichtigstes Werkzeug. Der Rauch simuliert einen Waldbrand - die Bienen füllen instinktiv ihre Honigblasen und werden dadurch ruhiger und weniger stechbereit.

Imker nutzt den Smoker am Bienenstock
Ein gut rauchender Smoker ist das wichtigste Werkzeug bei der Durchsicht

So brennt der Smoker zuverlässig:

  1. Zeitungspapier anzünden und in den Smoker geben
  2. Etwas Rauchstoff (Holzspäne, getrocknetes Gras, Eierkarton) nachlegen
  3. Kräftig pumpen, bis guter Rauch entsteht
  4. Mehr Rauchstoff nachlegen und leicht pumpen
  5. Fertig, wenn kühler, weißer Rauch kommt - kein heißer, beißender Rauch!
Rauchstoff-Tipp

Getrocknete Kräuter wie Lavendel oder Rosmarin erzeugen angenehm riechenden Rauch. Verwende niemals Kunststoff, behandeltes Holz oder chemische Materialien. Der Rauch soll kühl und weiß sein - heißer, dunkler Rauch reizt die Bienen.

Die Durchsicht: Schritt für Schritt

Jetzt wird es ernst. Stelle dich seitlich oder hinter die Beute, niemals vor das Flugloch. Die Flugbahn der Bienen muss frei bleiben.

  1. 1. Smoker einsetzen

    1. Smoker einsetzen

    Gib 2-3 Rauchstöße in das Flugloch und warte 30 Sekunden. Die Bienen beginnen nun, Honig aufzunehmen. Dann 1-2 Rauchstöße von oben unter den Deckel geben, bevor du ihn abnimmst.

  2. 2. Deckel und Folie abnehmen

    Hebe den Deckel vorsichtig ab und lege ihn umgedreht neben die Beute. Falls eine Folie (Beutenfolie) vorhanden ist, löse sie langsam von hinten nach vorne und schlage sie auf. Noch ein kurzer Rauchstoß über die Oberträger.

  3. 3. Randwabe ziehen

    Beginne immer mit einer Randwabe (Futterwabe). Diese ist am wenigsten besetzt und lässt sich leicht herausnehmen. Löse sie mit dem Stockmeißel vom Falz und ziehe sie langsam und gleichmäßig nach oben. Stelle sie an die Beutenwand oder in einen Wabenbock.

  4. 4. Waben nacheinander prüfen

    4. Waben nacheinander prüfen

    Nun hast du Platz. Schiebe die nächste Wabe in die entstandene Lücke und ziehe sie heraus. Arbeite dich so Wabe für Wabe durch das Volk. Beurteile jede Wabe nach: Brut, Futter, Besatz, Zustand.

  5. 5. Brutwaben beurteilen

    5. Brutwaben beurteilen

    Das Brutnest ist das Herz des Volks. Hier suchst du nach: frischen Stiften (Eier), offener Brut (Larven), verdeckelter Brut. Ein geschlossenes Brutnest mit wenig Lücken zeigt ein gesundes Volk. Achte auf das Alter der Brut - Stifte stehen aufrecht in der Zelle und sind winzig klein.

  6. 6. Königin suchen (optional)

    6. Königin suchen (optional)

    Du musst die Königin nicht bei jeder Durchsicht finden. Frische Stifte (maximal 3 Tage alt) sind der sichere Beweis, dass sie da ist und legt. Wenn du sie siehst: Gut. Wenn nicht, aber Stifte vorhanden: Kein Problem. Bei markierten Königinnen ist das Suchen deutlich einfacher.

  7. 7. Auf Auffälligkeiten achten

    Während du die Waben prüfst, achte besonders auf: Weiselzellen oder Spielnäpfchen (Schwarmstimmung?), lückige Brut (Krankheit?), ungewöhnlichen Geruch (Faulbrut?), fehlende Stifte (Königin weg?), Kalkbrut-Mumien auf dem Bodenbrett. Notiere alles, was dir auffällt.

  8. 8. Futterkontrolle

    Schätze die Futtervorräte. Im Frühjahr sollten mindestens 5 kg Futter vorhanden sein. Eine voll verdeckelte Deutsch-Normal-Wabe enthält etwa 2 kg Honig. Sind die Vorräte knapp, musst du notfüttern (Zuckerwasser 1:1 oder Futterteig).

  9. 9. Waben zurückhängen

    Hänge alle Waben in der gleichen Reihenfolge zurück. Das Brutnest darf nicht auseinandergerissen werden. Achte darauf, keine Bienen zu quetschen. Die Randwabe zum Schluss vorsichtig einsetzen.

  10. 10. Beute verschließen und dokumentieren

    10. Beute verschließen und dokumentieren

    Folie und Deckel wieder auflegen. Jetzt sofort notieren, was du gesehen hast: Volkstärke, Stifte ja/nein, Futterstand, Auffälligkeiten, nächste Maßnahme. Was du nicht dokumentierst, vergisst du bis zur nächsten Durchsicht garantiert.

So hältst du eine Wabe richtig

Die korrekte Handhabung der Waben ist essenziell. Eine falsch gehaltene Wabe kann brechen, Brut kann herausfallen und die Königin kann verloren gehen.

Hände halten eine Brutwabe korrekt vertikal
Waben immer vertikal halten und nur über der Beute drehen

Die richtige Technik:

  • Fasse die Wabe an den Ohren (Enden des Oberträgers)
  • Halte sie senkrecht (vertikal) - nie waagerecht kippen!
  • Willst du die andere Seite sehen: Drehe die Wabe um die vertikale Achse (wie ein Buchblatt umschlagen)
  • Halte Waben immer über der Beute - fällt die Königin herunter, fällt sie zurück ins Volk
  • Niemals waagerecht drehen - junger Honig und Larven fallen heraus
Wabe niemals flach halten!

Frischer, unverdeckelter Honig und junge Larven haben keinen Halt, wenn die Wabe waagerecht gehalten wird. Sie fallen heraus, die Brut stirbt und du hast eine Sauerei. Halte die Wabe immer senkrecht und drehe sie nur um die vertikale Achse.

Was suchst du bei der Durchsicht?

Je nach Jahreszeit und Situation haben Durchsichten unterschiedliche Schwerpunkte. Hier die wichtigsten Punkte, die du bei jeder Durchsicht beurteilen solltest:

KriteriumGutes ZeichenWarnsignal
BrutGeschlossenes Brutnest, alle StadienLückige Brut, keine Stifte
KöniginStifte vorhanden (Beweis reicht)Keine Stifte seit >5 Tagen
Futter3-5 kg Vorrat (Kranz um Brutnest)Leere Randwaben, Volk hungert
VolkstärkeBesetzte Wabengassen, ruhiges VolkWenig Bienen, aggressives Verhalten
WeiselzellenKeine oder nur leere SpielnäpfchenBestiftete/belegte Weiselzellen
GesundheitSaubere Brut, normaler GeruchKalkbrut, Faulbrut-Verdacht, Durchfall

Dokumentation: Was notieren?

Die beste Durchsicht nutzt nichts, wenn du deine Beobachtungen nicht festhältst. Bei 5, 10 oder mehr Völkern verlierst du ohne Aufzeichnungen schnell den Überblick.

Imker bei der Wabenarbeit am Bienenstand
Erfahrung kommt mit der Praxis - jede Durchsicht macht dich sicherer in der Beurteilung deiner Voelker

Notiere bei jeder Durchsicht mindestens:

  • Datum und Uhrzeit
  • Wetter und Temperatur
  • Volkstärke (besetzte Wabengassen)
  • Stifte vorhanden? (Ja/Nein)
  • Brut: offen/verdeckelt, geschlossen oder lückig?
  • Futtervorrat (geschätzt in kg)
  • Weiselzellen gesehen? (Anzahl, bestiftet?)
  • Stimmung des Volks (ruhig, nervös, aggressiv)
  • Auffälligkeiten und geplante Maßnahmen
Weniger ist mehr

Gerade als Anfänger besteht die Versuchung, bei jeder Durchsicht alles ganz genau und lange zu untersuchen. Aber: Jede Minute, die du die Beute offen hast, stresst die Bienen. Versuche, nach einer Eingewöhnungszeit die reine Durchsichtszeit auf 5-10 Minuten pro Volk zu begrenzen. Erfahrene Imker schaffen eine Routinekontrolle in 3-5 Minuten.

Häufige Anfängerfehler

Wie oft durchsehen?

Die Häufigkeit hängt von der Jahreszeit ab:

ZeitraumHäufigkeitSchwerpunkt
Frühjahr (März-April)Alle 2-3 WochenVolksentwicklung, Futtervorrat
Schwarmzeit (Mai-Juni)Alle 7-9 TageWeiselzellen, Schwarmstimmung
Sommer (Juli-August)Alle 2-3 WochenTracht, Honigräume, Erntereife
Herbst (Sept.-Okt.)Alle 3-4 WochenEinfüttern, Varroabehandlung
Winter (Nov.-Feb.)Gar nichtFluglochkontrolle von außen reicht

Wer seine Völker gut kennt, braucht sie seltener zu öffnen. Eine gezielte 5-Minuten-Kontrolle sagt mehr als eine halbstündige Suche ohne Plan.

Dr. Gerhard Liebig
Bienenexperte, Landesanstalt für Bienenkunde

Wissenstest

Warum solltest du bei der Durchsicht immer mit der Randwabe beginnen?

Welche Temperatur sollte mindestens herrschen, bevor du eine vollständige Durchsicht durchführst?


In der nächsten Lektion erfährst du alles über die Schwarmzeit - das aufregendste Kapitel im Bienenjahr.

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