Winterruhe: Kontrolle ohne Störung
Was passiert im Winter im Bienenvolk? Lerne, wie du deine Völker kontrollierst, ohne sie zu stören, und die Oxalsäure richtig anwendest.
Winterruhe: Kontrolle ohne Störung
Der Winter ist die stillste Zeit am Bienenstand. Während draußen Frost und Schnee herrschen, leben deine Bienen in ihrer eigenen kleinen Welt -- eng zusammengerückt zu einer wärmenden Traube. Deine wichtigste Aufgabe jetzt: Nicht stören. Aber ganz untätig sollst du auch nicht sein.

Was passiert im Winter im Volk?
Sobald die Außentemperaturen unter ca. 10 °C fallen, bilden die Bienen eine Wintertraube. Das ist eine kugelförmige Ansammlung, bei der die Bienen sich gegenseitig wärmen.
Die Bienen im Kern der Traube erzeugen durch Muskelzittern Wärme. Im Zentrum herrschen konstant 20-25 °C, selbst wenn es draußen -15 °C kalt ist. Die äußeren Bienen bilden eine isolierende Schale. Alle Bienen wechseln regelmäßig zwischen Kern und Mantel, damit keine Biene auskühlt.
Die Wintertraube wandert langsam über die Futterwaben und zehrt die eingelagerten Vorräte auf. Ein starkes Volk verbraucht im Winter etwa 1-1,5 kg Futter pro Monat. Bei Kälteeinbrüchen steigt der Verbrauch, bei mildem Wetter sinkt er.
Warum du NICHT öffnen darfst
Das Öffnen einer Beute im Winter kann tödlich für das Volk sein. Hier ist warum:
- Wärmeverlust: Die mühsam aufgebaute Wärme entweicht schlagartig. Die Bienen müssen enorme Energie aufwenden, um die Temperatur wiederherzustellen.
- Traubenauflösung: Kalte Luft kann die Traube sprengen. Einzelne Bienen, die den Kontakt zur Traube verlieren, erstarren und sterben.
- Stress: Gestörte Bienen beginnen stärker zu fressen, was die Futtervorräte schneller aufzehrt.
- Kondenswasser: Durch den Temperaturschock bildet sich Feuchtigkeit, die zu Schimmel auf den Waben führen kann.
Zwischen November und Februar wird die Beute nicht geöffnet -- mit einer einzigen Ausnahme: der Oxalsäure-Winterbehandlung in der brutfreien Phase. Selbst dann arbeitest du schnell und gezielt.
Was du trotzdem prüfen kannst
Auch ohne die Beute zu öffnen, kannst du einiges über den Zustand deiner Völker erfahren. Plane etwa alle 2-4 Wochen einen kurzen Kontrollbesuch ein.
1. Fluglochbeobachtung
Das Flugloch verrät dir viel über das Innenleben:
- Totenfall: Einige tote Bienen vor dem Flugloch sind normal. Im Winter sterben ständig alte Bienen, und die Putzerbienen schieben sie nach draußen. Erst wenn sich Berge toter Bienen ansammeln oder das Flugloch verstopft ist, solltest du aktiv werden.
- Kotspritzer: Braune Spritzer am Flugloch und an der Beutenwand deuten auf Nosema (Darmkrankheit) hin. Gesunde Bienen koten nicht in der Beute -- sie warten auf wärmere Tage für den Reinigungsflug.
- Wachskrümel: Helle Wachskrümel auf dem Bodenbrett zeigen, dass das Volk Futter aufnimmt -- ein gutes Zeichen!
- Ruhe: Leises Summen bei leichtem Klopfen an die Beute ist normal. Absolutes Schweigen kann auf einen Volksverlust hindeuten.

2. Gewichtskontrolle
Die Gewichtskontrolle ist die aussagekräftigste Methode, um den Zustand deines Volkes im Winter einzuschätzen -- ganz ohne Öffnen.
Handprobe (Kofferprobe): Hebe die Beute hinten leicht an. Mit etwas Erfahrung spürst du, ob das Volk noch genug Futter hat. Vergleiche mehrere Beuten miteinander -- die leichteste braucht am ehesten Aufmerksamkeit.
Stockwaage: Digitale Stockwaagen liefern exakte Daten und zeigen den täglichen Futterverbrauch. So erkennst du frühzeitig, wenn ein Volk in Futternot gerät. Moderne IoT-Lösungen wie Hivekraft senden die Daten direkt auf dein Smartphone.

3. Mäuseschutz kontrollieren
Prüfe bei jedem Besuch, ob das Mäusegitter noch fest sitzt. Mäuse suchen im Winter warme Unterschlüpfe und können in einer Bienenbeute enormen Schaden anrichten: Sie zerfressen Waben, verunreinigen den Stock mit Kot und stören das Volk.

Winterbehandlung mit Oxalsäure
Die Oxalsäure-Winterbehandlung ist der zweite wichtige Baustein deines Varroa-Konzepts -- nach der Ameisensäure-Behandlung im Spätsommer. Sie erfolgt in der brutfreien Phase, wenn sich alle Milben auf den erwachsenen Bienen befinden und keine in verdeckelter Brut versteckt sind.
Warum Oxalsäure?
Ameisensäure wirkt zwar in die Brut hinein, aber einige Milben überleben die Sommerbehandlung. Oxalsäure hat eine Wirksamkeit von über 95 % gegen Milben auf erwachsenen Bienen. In der brutfreien Phase erwischt sie damit nahezu alle verbliebenen Milben.
Der richtige Zeitpunkt
- Wann: Mitte bis Ende Dezember, idealerweise 3 Wochen nach dem ersten starken Frost
- Voraussetzung: Das Volk muss brutfrei sein (keine verdeckelte Brut). In milden Wintern kann sich die Brutfreiheit verzögern.
- Temperatur: Möglichst an einem kühlen Tag (unter 5 °C), damit die Traube eng sitzt und alle Bienen erreicht werden
Oxalsäure darf pro Winter nur einmal angewendet werden. Mehrfache Anwendungen schaden den Bienen stärker als sie helfen. Wähle den Zeitpunkt also sorgfältig.
Träufelmethode (empfohlen für Anfänger)
- Oxalsäure-Lösung 3,5 % (ad us. vet.)
- Einwegspritze (50 ml) oder Dosierflasche
- Säurefeste Handschuhe
- Schutzbrille
- Stirnlampe
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Lösung vorbereiten: Verwende fertige Oxalsäure-Lösung 3,5 % (ad us. vet.) aus der Apotheke. Sie ist gebrauchsfertig.
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Beute öffnen: Entferne vorsichtig den Deckel und die Folie. Arbeite zügig, um den Wärmeverlust gering zu halten.
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Wabengassen zählen: Zähle die besetzten Wabengassen (Zwischenräume zwischen den Rähmchen, in denen Bienen sitzen).
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Dosierung: Träufele 5 ml Oxalsäure-Lösung pro besetzter Wabengasse gleichmäßig in die Gassen. Maximal 50 ml pro Volk.
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Beute schließen: Lege die Folie und den Deckel sofort wieder auf.

Notfütterung: Wenn das Futter knapp wird
Manchmal reicht der eingelagerte Vorrat nicht bis zum Frühjahr -- sei es durch einen milden Winter mit erhöhtem Verbrauch, oder weil im Herbst zu wenig gefüttert wurde.
Wann wird es kritisch?
- Das Volk fühlt sich bei der Kofferprobe auffällig leicht an
- Stockwaage zeigt ein Gesamtgewicht unter 25 kg (Zanderbeute)
- Es ist erst Januar/Februar und das Gewicht sinkt rapide
Wie Notfüttern?

- Futterteig (Fondant) ist das Mittel der Wahl. Er wird direkt auf die Oberträger der Rähmchen gelegt.
- Kein flüssiges Futter im Winter! Flüssigfutter regt die Bienen zum Brüten an und verursacht Durchfall bei kaltem Wetter.
- Gib 1-2 kg Futterteig und kontrolliere nach 2 Wochen, ob nachgelegt werden muss.
Die beste Notfütterung ist die, die du nicht brauchst. Wer im Herbst ausreichend einfüttert (15-20 kg) und das Gewicht kontrolliert, kommt in der Regel problemlos durch den Winter.
Vorbereitung aufs Frühjahr
Die Wintermonate sind auch eine gute Zeit, um dich auf die kommende Saison vorzubereiten:
Winter-Aufgaben abseits des Bienenstands
Der Winter ist die Zeit der Planung. Wer jetzt seine Stockkarten studiert und die Saison reflektiert, startet im Frühjahr mit einem klaren Plan -- und das macht den Unterschied zwischen gutem und großartigem Imkern.
Dr. Gerhard LiebigBienenexperte, Universität Hohenheim
Wissen überprüfen
Welche Temperatur herrscht im Kern der Wintertraube?
Wie viel Oxalsäure-Lösung (3,5 %) wird pro besetzter Wabengasse geträufelt?
Warum darf man im Winter kein Flüssigfutter geben?
In der nächsten und letzten Lektion blicken wir auf dein gesamtes erstes Imkerjahr zurück -- und planen gemeinsam das zweite!