Bienenbiologie: Königin, Arbeiterinnen und Drohnen
Lerne die drei Bienenwesen kennen, verstehe den Lebenszyklus vom Ei zur Biene und entdecke die faszinierende Aufgabenteilung im Bienenvolk.
Bienenbiologie: Königin, Arbeiterinnen und Drohnen

Ein Bienenvolk ist eines der faszinierendsten Systeme in der Natur. Bis zu 50.000 Einzelwesen arbeiten ohne zentrale Steuerung zusammen -- koordiniert durch Pheromone, Tänze und einfache Regeln, aus denen erstaunlich komplexes Verhalten entsteht. Biologen sprechen von einem Superorganismus: Das Volk als Ganzes verhält sich wie ein einziges Lebewesen.
Um deine Bienen gut betreuen zu können, musst du verstehen, wie dieses System funktioniert. In dieser Lektion lernst du die drei Bienenwesen kennen, verfolgst den Weg vom Ei zur fertigen Biene und entdeckst das ausgeklügelte Kommunikationssystem im Stock.
Die drei Bienenwesen
In jedem Bienenvolk gibt es genau drei Typen von Bienen (Kasten genannt), die sich in Größe, Lebensdauer und Aufgaben grundlegend unterscheiden.
Die Königin -- das Herz des Volkes

Die Königin ist das einzige voll fruchtbare Weibchen im Volk. Sie ist etwa 18-22 mm lang -- deutlich größer als Arbeiterinnen -- und hat einen schlanken, langen Hinterleib. Ihr gesamtes Leben dreht sich um eine einzige Aufgabe: Eier legen.
Kennzeichen der Königin:
- Schlanker, langer Hinterleib (ragt über die Flügel hinaus)
- Glatter Stachel (kann mehrfach stechen, tut es aber nur gegen rivalisierende Königinnen)
- Wird ständig von 8-12 Hofstaatbienen umgeben, die sie füttern und putzen
- Lebt 3-5 Jahre (im Vergleich: Arbeiterinnen im Sommer nur 6 Wochen)
- Wird von Imkern oft mit einem Farbpunkt markiert (Geburtsjahr-Farbe)
International werden Königinnen nach ihrem Geburtsjahr markiert: Weiß (1/6), Gelb (2/7), Rot (3/8), Grün (4/9), Blau (5/0). Im Jahr 2026 ist also Weiß dran. So erkennst du auf einen Blick, wie alt deine Königin ist.
Was die Königin leistet:
Im Hochsommer legt die Königin bis zu 2.000 Eier pro Tag -- das entspricht fast ihrem eigenen Körpergewicht! Sie entscheidet dabei, ob ein Ei befruchtet wird (daraus wird eine Arbeiterin) oder unbefruchtet bleibt (daraus wird eine Drohne). Diese Entscheidung trifft sie anhand der Zellgröße: Drohnenzellen sind deutlich größer als Arbeiterinnenzellen.
Auf ihrem einzigen Hochzeitsflug (manchmal 2-3 Flüge in den ersten Lebenstagen) paart sich die junge Königin mit 10-20 Drohnen in der Luft. Den gesammelten Samen speichert sie in einer Spermathek -- einem speziellen Organ, das den Samen über Jahre lebensfähig hält. Danach verlässt sie den Stock normalerweise nie wieder, es sei denn, das Volk schwärmt.
Die Arbeiterinnen -- das Rückgrat des Volkes
Arbeiterinnen sind unfruchtbare Weibchen und machen mit 98-99 % die überwältigende Mehrheit des Volkes aus. Sie sind 12-15 mm lang und wahre Multitalente: Im Laufe ihres kurzen Lebens durchlaufen sie eine erstaunliche Reihe von Berufen.

Körperliche Besonderheiten:
- Facettenaugen mit ca. 6.900 Einzelaugen (Ommatidien)
- Wachsdrüsen am Hinterleib (aktiv zwischen Tag 12-18)
- Giftdrüse und Stachel mit Widerhaken (ein Stich = Tod der Biene)
- Pollenhöschen (Corbiculae) an den Hinterbeinen zum Pollentransport
- Honigblase (Kropf) fasst ca. 40 mg Nektar
- Duftdrüse (Nasanov-Drüse) am Hinterleib zur Orientierung
Die Drohnen -- die männlichen Bienen
Männliche Honigbiene, die aus einem unbefruchteten Ei entsteht und deren einzige Aufgabe die Begattung junger Königinnen ist.Drohnen sind die männlichen Bienen und mit 15-17 mm Länge etwas größer als Arbeiterinnen. Sie haben riesige Facettenaugen (die fast am Kopf zusammenstoßen), keinen Stachel und können sich nicht selbst ernähren -- sie werden von Arbeiterinnen gefüttert.
Merkmale der Drohnen:
- Große, runde Augen (ca. 13.000 Ommatidien -- fast doppelt so viele wie Arbeiterinnen)
- Breiter, stumpfer Hinterleib
- Kein Stachel, keine Wachsdrüsen, keine Pollenhöschen
- Lauter, brummender Flug
- Leben ca. 30-50 Tage (Frühjahr bis Sommer)
Ein Volk hält im Sommer 500-2.000 Drohnen. Ihre einzige biologische Funktion: den Hochzeitsflug mit jungen Königinnen. Drohnen verschiedener Völker sammeln sich an bestimmten Orten in 15-30 m Höhe -- den sogenannten Drohnensammelplätzen -- und warten dort auf vorbeifliegende Königinnen. Für den Drohn endet die Paarung tödlich.
Im Spätsommer (Juli/August), wenn keine jungen Königinnen mehr zu erwarten sind, werden die Drohnen von den Arbeiterinnen aus dem Stock gedrängt -- die sogenannte Drohnenschlacht. Da sie sich nicht selbst versorgen können, verhungern sie. Das klingt brutal, ist aber biologisch sinnvoll: Im Winter wären sie nur Futterverbraucher.
Im Vergleich: Drei Wesen, ein Volk
| Eigenschaft | Königin | Arbeiterin | Drohne |
|---|---|---|---|
| Geschlecht | Weiblich (fruchtbar) | Weiblich (unfruchtbar) | Männlich |
| Anzahl im Volk | 1 | 20.000–50.000 | 500–2.000 (nur Sommer) |
| Körperlänge | 18–22 mm | 12–15 mm | 15–17 mm |
| Lebensdauer | 3–5 Jahre | 6 Wochen (Sommer) / 6 Monate (Winter) | 30–50 Tage |
| Entwicklungsdauer (Ei → Biene) | 16 Tage | 21 Tage | 24 Tage |
| Nahrung als Larve | Nur Gelée Royale | 3 Tage Gelée Royale, dann Pollen + Honig | 3 Tage Gelée Royale, dann Pollen + Honig |
| Stachel | Glatt (mehrfach nutzbar) | Mit Widerhaken (einmalig) | Keiner |
| Hauptaufgabe | Eier legen, Volk zusammenhalten | Alle Arbeiten im Stock und Feld | Begattung junger Königinnen |
Genetisch sind Königin und Arbeiterin identisch -- beide schlüpfen aus befruchteten Eiern. Der Unterschied liegt allein in der Fütterung: Wird eine Larve über die ersten 3 Tage hinaus ausschließlich mit Gelée Royale gefüttert (statt mit Pollen-Honig-Brei), entwickelt sie sich zur Königin. Das Volk kann also jederzeit aus einer jungen Arbeiterinnenlarve eine neue Königin "machen" -- eine Notfall-Königin (Nachschaffungskönigin).
Vom Ei zur Biene: Der Entwicklungszyklus
Jede Biene durchläuft vier Stadien: Ei → Larve → Puppe → erwachsene Biene. Die Dauer variiert je nach Kaste.
Tag 1–3: Das Ei
Die Königin legt ein winziges, reiskornförmiges Ei (1,3 mm) senkrecht in eine saubere Zelle. In den ersten 3 Tagen steht es aufrecht, am 3. Tag legt es sich flach -- ein wichtiger Anhaltspunkt für Imker, um das Alter der Brut einzuschätzen.
Tag 4–9: Die offene Larve (Rundmade)
Aus dem Ei schlüpft eine winzige Larve, die wie ein kleines "C" gekrümmt in ihrer Zelle liegt. Sie wird intensiv von Ammenbienen gefüttert und wächst extrem schnell: In nur 6 Tagen nimmt sie ihr Gewicht um das 1.500-fache zu. Ammen besuchen jede Larve bis zu 10.000 Mal.
Tag 9/10: Verdeckelung
Wenn die Larve ausgewachsen ist, wird die Zelle von Arbeiterinnen mit einem luftdurchlässigen Wachsdeckel verschlossen. Die Larve spinnt sich im Inneren einen dünnen Kokon und beginnt die Verwandlung.
Tag 10–21 (Arbeiterin): Die Puppe
In der verdeckelten Zelle findet die vollständige Metamorphose statt: Aus der madenförmigen Larve wird eine fertige Biene mit Beinen, Flügeln, Facettenaugen und allen Organen. Die Dauer der Puppenphase unterscheidet sich: Königin 7 Tage, Arbeiterin 12 Tage, Drohne 15 Tage.
Schlupf: Die fertige Biene
Die junge Biene nagt sich durch den Wachsdeckel und schlüpft. Sie ist noch hell gefärbt und weich (man erkennt sie an den fehlenden Haaren). Innerhalb weniger Stunden härtet ihr Chitinpanzer aus und sie beginnt mit ihrer ersten Aufgabe: dem Putzen von Zellen.
Die Entwicklungszeiten sind entscheidend für die Schwarmkontrolle: Wenn du bei der Durchsicht eine verdeckelte Weiselzelle findest, weißt du, dass die Königin in maximal 8 Tagen schlüpft. Deshalb kontrolliert man in der Schwarmzeit alle 7-9 Tage.
Die Aufgabenteilung: Ein Leben in Berufen
Das Faszinierendste an Arbeiterinnen ist, dass sie im Laufe ihres Lebens verschiedene Berufe durchlaufen. Dieses System heißt Alterspolyethismus -- die Aufgabe hängt vom Alter ab.

Tag 1–3: Putzbiene
Die frisch geschlüpfte Biene reinigt Zellen, in die die Königin neue Eier legen kann. Jede Zelle wird bis zu 40 Mal ausgeputzt und mit einer dünnen Propolisschicht desinfiziert.
Tag 3–10: Ammenbiene
Ihre Futtersaftdrüsen (Hypopharynxdrüsen) werden aktiv. Sie produziert Gelée Royale und füttert damit die Larven -- eine enorm kräftezehrende Aufgabe. Eine Ammenbiene besucht jede Larve bis zu 10.000 Mal.
Tag 10–16: Baubiene
Nun werden die Wachsdrüsen am Hinterleib aktiv. Die Biene produziert winzige Wachsplättchen (8 Drüsen, je 0,8 mg) und baut daraus neue Waben. Für 1 kg Bienenwachs brauchen die Bienen etwa 6-7 kg Honig als Energiequelle.
Tag 12–18: Honigmacherin
Sie nimmt Nektar von den heimkehrenden Sammlerinnen entgegen, reichert ihn mit Enzymen an (Invertase spaltet Saccharose in Glucose und Fructose) und trocknet ihn durch wiederholtes Umtragen auf unter 18 % Wassergehalt -- erst dann ist er reifer Honig und wird verdeckelt.
Tag 18–21: Wächterin
Am Flugloch kontrolliert sie anhand des Volksgeruchs (Pheromone auf der Kutikula), ob ankommende Bienen zum eigenen Volk gehören. Fremde Bienen oder Wespen werden abgewehrt.
Ab Tag 21: Sammlerin (Flugbiene)
Die letzten 2-3 Wochen ihres Lebens verbringt die Biene draußen. Sie sammelt Nektar, Pollen, Wasser und Propolis und fliegt dabei täglich bis zu 10 Sammelflüge. Pro Flug besucht sie 50-1.000 Blüten. Ihre Flügel nutzen sich dabei ab -- nach etwa 800 km Gesamtflugstrecke sind sie so verschlissen, dass die Biene stirbt.
Die Altersabfolge ist kein starres Schema. In Notsituationen können Bienen Berufe überspringen oder wiederholen: Fehlen plötzlich Ammenbienen, können ältere Bienen ihre Futtersaftdrüsen reaktivieren. Fehlen Sammlerinnen, fliegen jüngere Bienen früher aus. Das Volk reagiert als Ganzes auf seine Bedürfnisse.
Kommunikation: Wie Bienen "sprechen"
Bienen haben kein Gehirn, das mit unserem vergleichbar wäre -- und doch kommunizieren sie erstaunlich präzise. Sie nutzen dafür drei Hauptkanäle: Tanz, Pheromone und Vibration.
Der Schwänzeltanz

Der österreichische Verhaltensforscher Karl von Frisch entschlüsselte in den 1940er-Jahren den berühmten Schwänzeltanz und erhielt dafür 1973 den Nobelpreis. So funktioniert er:
- Rundtanz: Futterquelle ist näher als ca. 100 m. Die Biene läuft im Kreis -- "Futter ist ganz nah, sucht in der Umgebung!"
- Schwänzeltanz: Futterquelle ist weiter als 100 m. Die Biene läuft eine Acht und wackelt dabei mit dem Hinterleib (Schwänzellauf). Die Richtung des geraden Mittelstücks zeigt den Winkel zur Sonne an, die Dauer des Schwänzelns codiert die Entfernung (ca. 1 Sekunde Schwänzeln = 1 km Entfernung)
- Intensität: Je ergiebiger die Quelle, desto energischer und länger tanzt die Biene
Pheromone: Die chemische Sprache
Pheromone sind chemische Botenstoffe, die das Verhalten anderer Bienen beeinflussen. Die wichtigsten:
- Königinnen-Pheromon (QMP): Die Königin produziert einen Cocktail aus Duftstoffen, der das Volk zusammenhält, die Eierstockentwicklung bei Arbeiterinnen unterdrückt und den "Schwarmtrieb" reguliert. Lässt das Pheromon nach (alte Königin), beginnt das Volk mit der Nachzucht
- Alarm-Pheromon: Beim Stechen wird ein Duftstoff freigesetzt (riecht nach Banane!), der andere Bienen zum Angriff auf dieselbe Stelle lenkt -- deshalb niemals einen Stich zerreiben
- Nasanov-Pheromon: Die Duftdrüse am Hinterleib wird "gefächelt", um Orientierung zu geben -- zum Beispiel am Flugloch oder an einer neuen Behausung beim Schwärmen
- Volksgeruch: Jedes Volk hat einen eigenen Geruch (Kutikula-Kohlenwasserstoffe), anhand dessen Wächterinnen Freund von Feind unterscheiden
Vibration und Piping
Bienen kommunizieren auch durch Vibrationen im Wabenwerk:
- Piping: Kurz vor dem Schlupf "tuten" reife Königinnen in ihren Zellen -- die alte Königin antwortet. So "verhandeln" sie, wer bleibt und wer mit einem Schwarm zieht
- Stop-Signal: Kopfstoß plus Vibration -- signalisiert einer tanzenden Biene, dass die Quelle gefährlich ist
- Shaking-Signal: Eine Biene packt eine andere und schüttelt sie 1-2 Sekunden durch -- eine Aufforderung, die Arbeit zu beschleunigen. Wird vor dem Schwärmen besonders häufig
Warum das alles für dich als Imker wichtig ist
Dieses Wissen ist nicht nur faszinierend -- es ist die Grundlage für gute imkerliche Praxis:
- Du erkennst, ob deine Königin in Ordnung ist (geschlossenes Brutnest, Eier vorhanden)
- Du verstehst, warum Völker zu bestimmten Zeiten schwärmen wollen (zu wenig Königinnenpheromon, zu wenig Platz)
- Du weißt, warum die Varroabehandlung nach der Honigernte so wichtig ist (die Milbe vermehrt sich in verdeckelter Brut)
- Du erkennst Brutkrankheiten früher (unregelmaessiges Brutnest, falsche Verdeckelung)
- Du verstehst den Rhythmus deiner Bienen und arbeitest mit ihnen statt gegen sie
Wer die Biene verstehen will, muss das Volk verstehen. Die einzelne Biene ist nichts -- das Volk ist alles.
Bruder AdamBenediktinermönch und legendärer Bienenzüchter (1898–1996)
Wissenscheck
Wie viele Eier kann eine gesunde Königin im Hochsommer pro Tag legen?
Was entscheidet darüber, ob aus einem Ei eine Königin oder eine Arbeiterin wird?
In welcher Reihenfolge durchläuft eine Arbeiterin ihre 'Berufe'?
In der nächsten Lektion wird es praktisch: Du erfährst, welche Grundausstattung du wirklich brauchst, was sie kostet und wo du beim Einkauf sparen kannst.