Sommerarbeit: Honigraum, Tracht, Ernte
Vom Honigraum aufsetzen über die Trachtbeobachtung bis zur ersten eigenen Ernte - der komplette Leitfaden für deine Honigsaison.
Sommerarbeit: Honigraum, Tracht, Ernte
Die Honigernte ist der Höhepunkt des Imkerjahres - der Moment, in dem sich die monatelange Arbeit in flüssiges Gold verwandelt. Doch bis es soweit ist, musst du einige wichtige Schritte beachten: den Honigraum rechtzeitig aufsetzen, die Tracht im Blick behalten und den richtigen Erntezeitpunkt erkennen.
Honigraum aufsetzen: Wann und wie?
Der Honigraum ist die Zarge, in der die Bienen den Honig einlagern, den du später erntest. Der Brutraum darunter bleibt den Bienen für die Aufzucht der Brut.
Der richtige Zeitpunkt
Den Honigraum setzt du auf, wenn folgende Bedingungen erfüllt sind:
- Das Volk besetzt mindestens 7-8 Wabengassen im Brutraum
- Die Bienen tragen aktiv Nektar ein (erkennbar am Flugbetrieb und frischem Glanz auf den Waben)
- Die Tagestemperaturen liegen regelmäßig über 15°C
- Die erste Haupttracht (meist Obstblüte oder Raps) steht bevor oder hat begonnen
Ein zu spät aufgesetzter Honigraum führt zu Platzmangel - und Platzmangel ist der Hauptauslöser für den Schwarmtrieb. Setze den Honigraum lieber eine Woche zu früh als einen Tag zu spät auf. Die Bienen nehmen ihn an, sobald Nektar fließt.
So setzt du den Honigraum auf:
- Absperrgitter auf den Brutraum legen (verhindert, dass die Königin in den Honigraum aufsteigt und dort Eier legt)
- Honigraum-Zarge mit ausgebauten Waben oder Mittelwänden aufsetzen
- Deckel wieder auflegen - fertig!

Bienen nehmen einen Honigraum mit bereits ausgebauten Waben schneller an als einen mit Mittelwänden. Ausgebaute helle Waben aus dem Vorjahr sind ideal. Hast du keine, funktionieren auch Mittelwände - die Bienen müssen dann nur erst Wachs produzieren und die Waben ausbauen, was Honig und Energie kostet.
Trachtpflanzen im Jahresverlauf
Honig ist immer ein Spiegel der Landschaft. Je nachdem, welche Pflanzen rund um deinen Bienenstand blühen, unterscheidet sich der Honig in Farbe, Geschmack und Konsistenz.
Frühtracht
Weide, Schlehe, Obstblüte (Kirsche, Apfel, Birne). Erster Nektareintrag, Volk wächst.
Rapstracht
Raps ist eine der ergiebigsten Trachten. Rapshonig kristallisiert sehr schnell - zügig ernten!
Sommertracht
Linde, Robinie (Akazie), Klee, Wildblumen. Vielfältiger Blütenhonig, oft die Haupternte.
Wald- und Spättracht
Waldhonig (Honigtau von Fichten/Tannen), Edelkastanie, Buchweizen. Dunkler, kräftiger Honig.
Trachtende
Heide (regional), Sonnenblume. Tracht klingt ab. Letzte Ernte, dann Einfütterung vorbereiten.
Die wichtigsten Trachten in Deutschland
| Trachtpflanze | Blütezeit | Honig-Eigenschaften | Besonderheit |
|---|---|---|---|
| Raps | April-Mai | Hell, cremig, mild | Kristallisiert sehr schnell! |
| Obstblüte | April-Mai | Hell, fruchtig-mild | Oft gemischt mit anderen Frühtrachten |
| Robinie (Akazie) | Mai-Juni | Wasserklar, flüssig, mild | Bleibt lange flüssig |
| Linde | Juni-Juli | Gelblich, mentholig, frisch | Typisch für Stadthonig |
| Waldhonig | Juni-Aug. | Dunkel, malzig, kräftig | Kein Nektar, sondern Honigtau |
| Heide | Aug.-Sept. | Bernstein, aromatisch | Gelartig, schwer zu schleudern |
Die Qualität des Honigs beginnt nicht beim Schleudern, sondern beim Standort. Wer die Trachtverhältnisse seiner Umgebung kennt, kann gezielt Sortenhonige ernten.
Werner von der Oheehem. Leiter LAVES Institut für Bienenkunde Celle
Wann ist der Honig reif?
Die wichtigste Frage vor jeder Ernte: Hat der Honig den richtigen Wassergehalt? Zu feuchter Honig gärt und ist nicht lagerfähig. Die Deutsche Honigverordnung erlaubt maximal 20% Wassergehalt, der Deutsche Imkerbund (DIB) fordert sogar unter 18%.
Drei Methoden zur Reifeprüfung

1. Verdeckelungsgrad prüfen (einfachste Methode)
- Sind mindestens zwei Drittel der Honigzellen verdeckelt, ist der Honig in der Regel reif
- Voll verdeckelte Waben sind immer erntereif
2. Spritzprobe (schneller Test am Stand)
- Wabe waagerecht halten und kurz ruckartig nach unten stoßen
- Spritzt kein Honig heraus? Dann ist er reif genug
- Tropft es: Wabe zurückhängen und warten
3. Refraktometer (die sichere Messung)
- Ein Refraktometer misst den exakten Wassergehalt
- Probe auf das Prisma geben, durchschauen, Wert ablesen
- Unter 18%: Perfekt. 18-20%: Grenzwertig. Über 20%: Nicht ernten!
Rapshonig kristallisiert extrem schnell - manchmal schon in der Wabe. Ernte Rapshonig spätestens 2-3 Tage nach dem Abblühen des Raps. Sonst wird er in der Wabe fest und lässt sich kaum noch schleudern. Im Zweifel: Lieber zu früh ernten und den Wassergehalt mit dem Refraktometer prüfen.
Der Ernteprozess: Schritt für Schritt
1. Bienenflucht einlegen

Lege am Vorabend der Ernte eine Bienenflucht zwischen Brut- und Honigraum. Die Bienenflucht ist eine Einweg-Schleuse: Bienen können nach unten in den Brutraum, aber nicht zurück in den Honigraum. Am nächsten Morgen ist der Honigraum nahezu bienenfrei.
Alternative: Waben einzeln abkehren - funktioniert auch, ist aber aufwändiger und stört die Bienen mehr.
2. Honigwaben entnehmen
Nimm die bienenfreien Honigwaben aus dem Honigraum. Prüfe jede Wabe: Ist sie mindestens zu zwei Dritteln verdeckelt? Spritzprobe bestanden? Nur reife Waben ernten! Unreife Waben zurück ins Volk hängen. Transportiere die Waben in einer verschlossenen Kiste zum Schleuderraum - offene Waben locken Räuber an.
3. Waben entdeckeln

Im sauberen Schleuderraum (Fenster geschlossen!) die Wachsdeckel von beiden Seiten der Wabe entfernen. Verwende dafür eine Entdeckelungsgabel oder ein Entdeckelungsmesser. Das anfallende Entdeckelungswachs ist wertvoll - auffangen und später einschmelzen!
4. Schleudern

Entdeckelte Waben in die Honigschleuder einhängen. Achte auf gleichmäßige Verteilung (Unwucht vermeiden). Langsam beginnen: Erst eine Seite anschleudern, dann wenden, die andere Seite schleudern, dann nochmal die erste Seite mit voller Drehzahl. Zu schnelles Schleudern bricht die Waben!
5. Sieben
Der Honig fließt aus der Schleuder durch ein Doppelsieb (grob + fein) in einen lebensmittelechten Honigeimer. Das Sieb hält Wachsreste, Pollenstücke und andere Partikel zurück. Nicht pressen - den Honig in Ruhe durchlaufen lassen.
6. Ruhen, Rühren, Abfüllen

Honig 2-3 Tage im Eimer ruhen lassen. Aufsteigende Luftblasen und Schaum abschöpfen. Für cremigen Honig: Täglich 5-10 Minuten rühren, sobald die Kristallisation beginnt (nach 5-10 Tagen). Für flüssigen Honig: Zeitnah abfüllen, bevor die Kristallisation einsetzt. In saubere, trockene Gläser abfüllen und kühl (12-15°C) und dunkel lagern.
Honig-Hygiene: Lebensmittelrecht beachten
Honig ist ein Lebensmittel - und unterliegt damit gesetzlichen Vorschriften. Auch als Hobbyimker musst du die Deutsche Honigverordnung einhalten.


Die wichtigsten Regeln:
- Alle Geräte, die mit Honig in Berührung kommen, müssen lebensmittelecht und sauber sein
- Der Schleuderraum muss sauber, trocken und frei von Staub und Insekten sein
- Honig darf niemals über 40°C erwärmt werden (HMF-Wert steigt, Enzyme werden zerstört)
- Wassergehalt unter 20% (Honigverordnung), unter 18% für DIB-Qualität
- Lagerung: kühl (12-15°C), dunkel, trocken, gut verschlossen
- Etikettierung: Auch beim Direktverkauf sind Pflichtangaben vorgeschrieben (Bezeichnung, Nettofüllmenge, Mindesthaltbarkeitsdatum, Name und Anschrift)
Mitglieder des Deutschen Imkerbunds (DIB) können den Honig im bekannten grünen DIB-Einheitsglas vermarkten. Das unterliegt strengeren Qualitätsanforderungen (max. 18% Wasser, kein Erwärmen über 40°C), genießt aber großes Verbrauchervertrauen. Alternativ kannst du neutrale Gläser verwenden und dein eigenes Etikett gestalten.
Nach der Ernte: Was kommt jetzt?
Die Ernte ist geschafft, aber dein Imkerjahr ist noch lange nicht vorbei. Was jetzt kommt, ist entscheidend für die Gesundheit deiner Völker.
To-Do-Liste nach der Ernte
Direkt nach der letzten Honigernte ist der wichtigste Zeitpunkt für die Varroabehandlung. Die Winterbienen, die ab August/September schlüpfen, müssen milbenfrei aufwachsen, damit das Volk den Winter überlebt. Wartest du zu lange, ist es zu spät. Mehr dazu in der Lektion zur Varroa-Milbe.
Ertragswerte: Was kann ich erwarten?
Die Erntemengen variieren stark - je nach Standort, Trachtangebot, Wetter und Erfahrung:
| Kategorie | Ertrag pro Volk |
|---|---|
| Schwaches Jahr / Anfänger | 10-15 kg |
| Durchschnitt Deutschland | 20-30 kg |
| Gutes Trachtjahr | 30-50 kg |
| Spitzenstandort (z.B. Raps + Linde) | 50-80 kg |
Ernte dokumentieren
Für jede Ernte solltest du festhalten:
- Datum der Ernte
- Volk/Völker, von denen der Honig stammt
- Menge (in kg)
- Wassergehalt (Refraktometer-Wert)
- Trachtquelle (Raps, Linde, Blüte, Wald...)
- Chargennummer für die Rückverfolgbarkeit
In Hivekraft kannst du jede Ernte einem Volk zuordnen, Chargen anlegen und sogar QR-Codes für deine Honiggläser erstellen. So kann dein Kunde den Honig bis zum Bienenvolk zurückverfolgen - ein echtes Qualitätsmerkmal.
Wissenstest
Wie erkennst du, dass eine Honigwabe erntereif ist?
Was ist der wichtigste Schritt NACH der letzten Honigernte?
Warum muss Rapshonig besonders schnell geerntet werden?
In der nächsten Lektion geht es um die wichtigste Gesundheitsvorsorge: den Umgang mit der Varroa-Milbe.