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Schwarmzeit verstehen und managen

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Schwarmstimmung erkennen, Schwärme verhindern und den Schwarmtrieb zur Völkervermehrung nutzen - der Praxisguide für Anfänger.

Schwarmzeit verstehen und managen

Das Schwärmen ist eines der faszinierendsten Naturschauspiele, die du als Imker erleben wirst - und gleichzeitig eine der größten Herausforderungen. Ein Bienenvolk teilt sich, Tausende Bienen erheben sich in die Luft, und die alte Königin zieht mit etwa der Hälfte des Volks in eine neue Behausung. Für die Bienen ist das Fortpflanzung auf Volksebene. Für dich als Imker bedeutet ein unkontrollierter Schwarm Ernteausfall und eine Menge Arbeit.

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Bienen ziehen mit einem Schwarm aus

Was genau passiert beim Schwärmen?

Das Schwärmen ist die natürliche Vermehrung des Bienenvolks. Anders als bei Säugetieren, die sich auf Individuum-Ebene vermehren, vermehrt sich das Bienenvolk als Ganzes: Es teilt sich in zwei Hälften.

Der Ablauf im Detail:

  1. Das Volk zieht Weiselzellen (neue Königinnen) heran
  2. Kurz bevor die erste junge Königin schlüpft, verlässt die alte Königin mit rund der Hälfte der Bienen den Stock
  3. Der Schwarm sammelt sich zunächst in der Nähe als Schwarmtraube (meist an einem Ast)
  4. Kundschafterinnen suchen eine neue Behausung (Baumhöhle, Dachboden, leere Beute)
  5. Nach einigen Stunden bis Tagen zieht der Schwarm in die neue Wohnung ein
  6. Im Muttervolk schlüpft die neue Königin, geht auf Begattungsflug und übernimmt die Eiablage
Schwarmtraube hängt an einem Ast
Eine Schwarmtraube an einem Ast - der Schwarm wartet hier, bis die Kundschafterinnen eine neue Behausung gefunden haben
Schwärme sind friedlich

Ein Schwarm ist überraschend sanftmütig. Die Bienen haben sich vor dem Auszug die Honigblase vollgeschlagen und sind satt und zufrieden. Solange du nicht grob in die Schwarmtraube greifst, besteht praktisch keine Stechgefahr. Trotzdem: Schutzkleidung tragen.

Warum schwärmen Bienen?

Das Schwärmen ist kein Zeichen von schlechter Imkerei - es ist ein Naturinstinkt. Trotzdem gibt es Faktoren, die den Schwarmtrieb verstärken:

  • Platzmangel: Das häufigste Auslösersignal. Das Brutnest ist voll, der Honigraum fehlt oder ist zu klein
  • Starkes Volk: Große, vitale Völker neigen stärker zum Schwärmen - ein Zeichen guter Gesundheit
  • Alte Königin: Königinnen ab dem 2. Standjahr schwärmen deutlich häufiger
  • Genetik: Manche Bienenlinien sind schwarmfreudiger als andere (z.B. Dunkle Biene vs. Carnica)
  • Trachtlücke: Viele Bienen, aber nichts zu tun - Langeweile im Stock
  • Wärme und Enge: Warmes Frühsommerwetter bei überfülltem Brutnest

Der Schwarmtrieb ist Ausdruck höchster Vitalität. Ein schwärmendes Volk ist kein krankes Volk - es ist ein Volk am Höhepunkt seiner Entwicklung.

Prof. Dr. Jürgen Tautz
Bienenforscher, Universität Würzburg

Wann ist Schwarmzeit?

Die Schwarmzeit variiert je nach Region und Klima, fällt aber in Deutschland typischerweise in die Monate Mai und Juni. In manchen Jahren beginnt sie schon im April, in Höhenlagen kann sie bis in den Juli reichen.

März

Volksentwicklung

Völker wachsen stark, Drohnenbrut beginnt. Noch keine Schwarmgefahr, aber Raum planen.

April

Erste Zeichen

Spielnäpfchen erscheinen. Honigraum aufsetzen! Schwarmkontrolle ab Mitte April starten.

Mai

Hochphase

Hauptschwarmzeit. Kontrolle alle 7-9 Tage ist Pflicht. Die meisten Schwärme gehen im Mai ab.

Juni

Zweite Welle

Nachschwärme möglich. Weiterhin wöchentlich kontrollieren. Ableger bilden als Schwarmvorwegnahme.

Juli

Abklingen

Schwarmtrieb lässt nach. Letzte Kontrollen, dann Fokus auf Tracht und Ernte.

Schwärme müssen gemeldet werden!

In Deutschland besteht laut Bienenseuchenverordnung eine Anzeigepflicht für Bienenschwärme. Ein herrenloser Schwarm muss dem zuständigen Veterinäramt gemeldet werden. Fängst du einen fremden Schwarm ein, hast du das Recht, ihn zu behalten, wenn sich der Eigentümer nicht innerhalb von drei Tagen meldet (§ 961-964 BGB). Informiere trotzdem deinen lokalen Imkerverein.

Schwarmstimmung erkennen

Regelmäßige Kontrolle ist der Schlüssel. In der Schwarmzeit (Mai-Juni) musst du alle 7-9 Tage kontrollieren. Warum genau 7-9 Tage? Weil eine Königinnenzelle von der Bestiftung bis zum Verdeckeln etwa 8-9 Tage braucht. Kontrollierst du seltener, kann eine Weiselzelle verdeckelt werden, ohne dass du es bemerkst - und dann schwärmt das Volk.

Die drei Alarmstufen

Stufe 1 - Beobachten:

  • Spielnäpfchen (leere, napfförmige Wachszellen am Wabenrand) - das ist normal und noch kein Grund zur Sorge
  • Verstärkter Drohnenbau

Stufe 2 - Handeln:

  • Bestiftete Weiselzellen (Spielnäpfchen mit Ei oder junger Made)
  • Viel Drohnenbrut in der Beute
  • Bienen "bärten" am Flugloch (hängen als Traube vor der Beute)

Stufe 3 - Akut:

  • Verdeckelte Weiselzellen - der Schwarm kann jederzeit abgehen!
  • Königin hat die Eiablage reduziert (wird "reisefertig" schlank gemacht)
  • Sammeltätigkeit trotz Tracht reduziert
Weiselzelle bei der Schwarmkontrolle
Eine bestiftete Weiselzelle am Wabenrand - jetzt muss gehandelt werden
Schnell-Check Schwarmkontrolle

Du musst nicht jede Wabe einzeln ziehen. Für die Schwarmkontrolle reicht es, die Unterseiten der Brutwaben zu prüfen und zwischen den Waben nach Weiselzellen zu schauen. Erfahrene Imker kippen die Zarge einfach leicht an. Das geht in 2-3 Minuten pro Volk.

Schwarmverhinderung: Was kannst du tun?

1. Rechtzeitig Raum geben

Die einfachste und wichtigste Maßnahme: Setze den Honigraum rechtzeitig auf. Ein Volk, das genug Platz hat, schwärmt seltener.

  • Honigraum aufsetzen, sobald die Brutzarge gut besetzt ist (7-8 besetzte Wabengassen)
  • Baurahmen (leerer Rahmen zum Ausbauen) als "Druckventil" geben
  • Zweiten Honigraum aufsetzen, bevor der erste voll ist

2. Ableger bilden (Schwarmvorwegnahme)

Die effektivste Methode: Du nimmst den Schwarm vorweg, indem du einen Teil des Volks in eine neue Beute umsetzt.

  1. Brutwaben entnehmen

    Entnimm 2-3 Brutwaben mit ansitzenden Bienen aus dem starken Volk. Achte darauf, dass die Königin NICHT auf den entnommenen Waben sitzt. Mindestens eine Wabe sollte offene Brut (Stifte/junge Larven) enthalten.

  2. Ablegerkasten bestücken

    Setze die Brutwaben in einen Ablegerkasten. Ergänze eine Futterwabe und eine Mittelwand. Die Bienen auf den Waben werden sich eine neue Königin aus den jungen Larven nachziehen.

  3. Standort wählen

    Stelle den Ableger mindestens 3 km entfernt auf - oder nutze einen Zwischenboden über dem Muttervolk (Flugbienen fliegen sonst zurück). Nach 3 Wochen kann der Ableger an den eigentlichen Standort.

  4. Beide Völker kontrollieren

    Prüfe nach 3-4 Wochen: Hat der Ableger eine neue Königin? Legt sie Stifte? Ist das Muttervolk aus der Schwarmstimmung? Falls ja: Alles gut. Falls nein: Nachsteuern.

3. Junge Königinnen einsetzen

Völker mit Königinnen im ersten Standjahr schwärmen deutlich seltener. Ein regelmäßiger Königinnenwechsel (alle 1-2 Jahre) ist eine der besten Schwarmvorbeugungen.

4. Weiselzellen brechen (Notmaßnahme)

Das Entfernen aller Weiselzellen kann den Schwarmtrieb kurzfristig stoppen - ist aber nur eine Notlösung. Du musst dann alle 7 Tage kontrollieren und jede einzelne Zelle erwischen. Übersehen einer einzigen Zelle reicht, und das Volk schwärmt.

Weiselzellen brechen allein reicht nicht

Das reine Brechen der Weiselzellen ohne weitere Maßnahmen (Raum geben, Ableger bilden) führt oft dazu, dass das Volk immer neue Zellen ansetzt. Du behandelst das Symptom, nicht die Ursache. Besser: Ableger bilden und dem Volk so den Druck nehmen.

Wenn der Schwarm doch abgeht

Es ist passiert - trotz aller Kontrolle hängt ein Schwarm im Apfelbaum deines Nachbarn. Keine Panik. Ein Schwarm einzufangen ist einfacher als du denkst.

Imker fängt einen Bienenschwarm ein
Schwarmfang: Die Traube wird in eine Schwarmfangbox oder leere Beute abgeschlagen

Schwarmfang in 6 Schritten:

  1. Ruhe bewahren - der Schwarm bleibt meist mehrere Stunden hängen
  2. Schutzkleidung anziehen (auch wenn Schwärme friedlich sind)
  3. Auffangbehälter positionieren (Schwarmfangbox, Karton oder leere Beute) direkt unter die Traube
  4. Abschlagen: Ast kräftig schütteln oder Bienen mit sanftem Stoß in den Behälter fallen lassen
  5. Warten: Box mit kleinem Spalt aufstellen. Fächeln die Bienen am Eingang (Sterzeln)? Dann ist die Königin drin und die restlichen Bienen ziehen ein
  6. Abends einlogieren: Schwarm in eine vorbereitete Beute mit Mittelwänden einschlagen. Füttern nicht vergessen!
7-9 Tage
maximaler Kontrollabstand in der Schwarmzeit

Schwarmtrieb nutzen statt bekämpfen

Ein Umdenken, das erfahrene Imker oft empfehlen: Statt den Schwarmtrieb nur als Problem zu sehen, kannst du ihn zur gezielten Völkervermehrung nutzen. Die Ablegerbildung aus der Schwarmstimmung heraus ergibt besonders vitale Jungvölker mit hoher Königinnenqualität.

Schwarmkontrolle: Dein 7-Tage-Rhythmus

Wöchentliche Schwarmkontrolle (Mai-Juni)

Fortschritt0/0

Wissenstest

In welchem Abstand musst du in der Schwarmzeit kontrollieren, um keine verdeckelte Weiselzelle zu übersehen?

Was ist die effektivste Methode zur Schwarmverhinderung?


In der nächsten Lektion geht es um das Highlight des Imkerjahres: die Honigernte.

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